Ein Häuschen im Grünen

Der Feind lauert am Gartenzaun

Wenn ein Paar um die 30 in Berlin eine Familie gründet, dann zieht es gern in den Speckgürtel Berlins. In der Hoffnung, hier seinen Traum von Bullerbü ausleben zu können: Eine rotwangige Kinderschar, die von morgens bis abends draußen spielt, während man selbst dann den Abend entspannt am Kaminfeuer mit den anderen Eltern der Nachbarschaft verbringt.

So hat sich das auch Maike Schanz* vorgestellt, als sie und ihr Mann vor vier Jahren beschlossen, mit ihren Kindern Thea und Benn aus Kreuzberg an den Stadtrand zu ziehen. Eine Entscheidung, die sie heute bereut. Ihren Erfahrungsbericht hat die Mediatorin Christa Schäfer kommentiert. Sie hat 2001 das Mediationszentrum Berlin gegründet, das sich auf Nachbarschafts- und Stadtteilmediation spezialisiert hat.

Ich bin so oft umgezogen, da wollte ich meinen Kindern eine Konstante bieten. Ein ruhiges Leben im Grünen. Ja, sagen wir es ruhig: ein spießiges Leben. Aber dass dieses Leben in der Doppelhaushälfte so schlimm werden würde, das hätte ich mir nicht träumen lassen. Ich dachte, für mich sei es eine Entlastung und für die Kinder schön, wenn sie Gleichaltrige vor der Tür zum Spielen haben. Als wir noch in Berlin lebten, musste ich meine Große oft quer durch die Stadt zu ihren Freunden fahren. Wir entschieden uns für eine Doppelhaushälfte in einer kleinen Neubausiedlung mit vier Häusern. Acht Familien also. Wir kannten uns nicht, waren aber alle etwa gleich alt und in ähnlichen Familienkonstellationen. Nach vorne hin, gab es ein für alle zugängliches Gartenstück, nach hinten hatte jeder einen eigenen Garten. Zaunfrei, so wollten es alle - wir auch.

Die Nachteile entdeckte ich schnell. Aber mein Missfallen schluckte ich zunächst herunter, ich wollte nicht gleich die Atmosphäre trüben. Ich sagte nichts, wenn Nachbars Katze mal wieder in unseren Sandkasten gepinkelt hatte. Wenn alle Kinder nur vor unserem Haus auf unserem Klettergerüst herumhangelten. Wenn grundsätzlich unsere Bobby Cars und sonstigen Fahrzeuge in Betrieb waren, während die der Nachbarskinder im Schuppen blieben. Von überall suchte ich abends unseren Spielkram zusammen.

Christa Schäfer: Viele junge Eltern wagen den Schritt in eine neue Wohnumgebung, wenn sich ihre Kinder im Kleinkindalter befinden. Dieser Schritt ist meist mit hohen Erwartungen verbunden. Nicht immer geht das gut, denn mitsamt der neuen Umgebung gibt es auch ein neues Beziehungsgeflecht zu Nachbarn, Bekannten und Freunden.

Maike Schanz merkt schnell, dass ihr Einiges im Umgang mit den neuen Nachbarn nicht behagt. Ärgern tut sie sich aber nur im Stillen. Viele Menschen vermeiden Streit und Konflikte und schlucken ihre immer größer werdende Wut herunter. Das ist jedoch ebenso wenig förderlich im Konflikt, wie es ein Wutausbruch ist.

Wie sich die Geschichte aus der Sicht der Siedlungsnachbarn darstellt, wissen wir nicht. Vielleicht gibt es eine Mutter, die Maike Schanz für ordnungssüchtig hält, weil sie abends die Spielsachen zusammensammelt. Aber sowohl Maike Schanz als auch ihre Nachbarn könnten in dieser Situation noch die Weichen für eine gute Nachbarschaft stellen. Wenn Unmut nicht angesprochen wird, so kann auch das den Unmut auslösende Verhalten nicht verändert werden. Ein freundlicher Hinweis oder ein Gespräch könnte jedoch eine Situationsänderung herbeiführen.

Als unser Kleiner zum dritten Geburtstag einen Traktor bekommen hatte und ihm dieser schon nach der ersten Runde unterm Po weggezogen wurde, habe ich dann doch etwas gesagt. Das war doch absurd, dass ich das eigene Kind von seinem Geburtstagsgeschenk scheuchen sollte. Natürlich können die Nachbarskinder auch auf dem Traktor fahren, aber vielleicht nicht gleich am Geburtstag. Ich erntete Unverständnis bei den Kindern. Von den anderen Eltern ließ sich - wie immer in solchen Momenten - niemand blicken.

Gestört hat mich auch die Missachtung meiner Privatsphäre. Kein Tag verging, an dem nicht ständig bei uns geklingelt wurde: Kann Thea mit uns spielen? Kann ich reinkommen? Es war nicht das, was ich mir unter entspannter Nachbarschaft vorgestellt hatte. Dazu kamen die Kommentare der anderen Mütter. "Ach, Simon ist im Moment so trotzig. Aber mit Benn hast du wohl auch deinen Spaß?" Ein bisschen mehr Distanz hätte ich mir schon gewünscht. Wahrscheinlich hätte ich die früher einfordern müssen. Aber ich wollte auch nicht als Meckertante dastehen.

Hier hat sich der Konflikt bereits ein Stück weit verfestigt, obwohl er noch immer nicht offen ausgesprochen wurde. Maike Schanz unterstellt den Eltern aus der Siedlung, dass sie sich absichtlich in bestimmten Situationen nicht sehen lassen. Und sie interpretiert in das Verhalten der Nachbarskinder hinein, dass diese bewusst ihre Privatsphäre missachten. Maike Schanz hat schon das richtige Gefühl, wenn sie sagt, dass sie früher hätte reagieren müssen, sie hat ihre Meinung an keinem Punkt transparent und ihre Grenzen an keiner Stelle deutlich gemacht. Zu spät ist es jedoch auch jetzt nicht. Ein freundlicher klärender Satz wirkt oft Wunder.

Am meisten ärgere ich mich darüber, dass mir das alles nicht egal ist. Wenn ich Freunden aus Berlin von den neuesten Kabbeleien mit den Nachbarn erzähle, dann schütteln die immer den Kopf. Aber in einer Siedlung zu leben ist so, wie wenn man in eine Familie einheiratet. Man kann sich die Nachbarn nicht aussuchen, aber entziehen kann man sich auch nicht.

Ich bin früher immer gut mit Nachbarn ausgekommen. Manche kannte ich nicht, zu anderen hatte ich ein freundschaftliches Verhältnis. Es gab aber nie einen Zwang, Freunde zu sein. Und was sich hinter der Wohnungstür abspielte, war jedem überlassen. Hier ist es wie auf dem Campingplatz, ich stehe unter ständiger Beobachtung: Was hat die für Klamotten an? Was fahren die für Autos?

Wunderbar erkennt man an diesen Aussagen, dass die Familien in der Siedlung verschiedene Erwartungen an das Zusammenleben haben. Die Lösung des Konflikts besteht jedoch nicht darin, dass eine Streitpartei recht hat und die andere nachgeben muss. Die Aufgabe besteht vielmehr darin, das Verhältnis von Nähe und Distanz auszuloten, die Relation zwischen Ordnung und Gewährenlassen zu finden und Toleranz einzubringen.

Apropos Auto - das Parken ist auch ein heikles Thema. Die Häuser haben feste Parkplätze, aber für Besucher ist nicht gleich zu ersehen, dass es sich um reservierte Parkplätze handelt. Wenn ich Gäste habe, gebe ich schon vorher genaue Anweisungen fürs Parken. Denn parkt doch mal jemand falsch, dauert es keine fünf Minuten, bis es an der Tür klingelt. Umgekehrt ist das natürlich eine andere Sache.

Vor einem halben Jahr ist die Situation eskaliert. Mellie vom Doppelhaus gegenüber hat ihren Eltern erzählt, ich hätte ihr gedroht, sie zu schlagen. In geballter Zweisamkeit kamen die Eltern rüber und stellten mich zur Rede. Ich wusste erst gar nicht, worum es ging. Tatsache war, dass sich meine Tochter und Mellie gestritten haben. Mir war es irgendwann zu blöd und ich habe die Verabredung für den Tag beendet. Daraufhin zog Mellie beleidigt ab. Später erzählte sie meiner Tochter, dass sie sich das nur ausgedacht hatte, weil sie sauer auf mich war: Von ihren Eltern bekam ich aber nie eine Entschuldigung oder ein Gesprächsangebot.

In der ersten Zeit nach diesem Ereignis kam Mellie nicht mehr rüber und verbündete sich stattdessen mit den anderen Nachbarskindern gegen unsere. Mir tat das so leid für Thea und Benn. Ich hab die beiden ständig mit Kindern aus der Schule und dem Kindergarten verabredet, damit sie sich nicht ausgegrenzt fühlen. Ich habe auch den Eindruck, dass Mellies Eltern, die anderen mit ins Boot geholt haben. Wenn sie auf dem Zuweg miteinander plaudern und ich komme vorbei, verstummt ihr Gespräch. Inzwischen grüßen wir uns nicht mehr. Das ist doch Mobbing.

Der Konflikt hat sich wieder ein Stück mehr verhärtet, allerdings nicht durch den Vorfall mit Mellie, sondern durch den Umgang der Erwachsenen damit. Frau Schanz spürt, dass ihr Unrecht geschehen ist, eine Entschuldigung von Seiten der Nachbarn hätte ihr gut getan. Jetzt ist es passiert: Statt miteinander zu reden wird übereinander geredet. Statt Worten folgen jetzt Taten. Gegenseitige psychische Verletzungen kommen auf die Tagesordnung. Die Nachbarn haben sich miteinander verbündet und grenzen die Familie Schanz aus. Es ist ein Punkt im Konflikt erreicht, an dem die Streitparteien alleine nur noch ganz schwer aus ihrem Konflikt herauskommen, eine Mediation wäre jetzt das richtige Mittel der Wahl.

Ich will hier nicht mehr wohnen. Besonders am Wochenende, wenn sich das Leben draußen abspielt, traue ich mich kaum noch vor die Tür. Wir schauen schon nach einem neuen Haus, haben aber bisher noch kein bezahlbares gefunden. Wir wollen im Ort bleiben, die Kinder haben hier ihre Schule, ihren Kindergarten, und wir haben inzwischen viele Freunde. Aber wenn ich keine Kinder hätte, würde ich am liebsten wieder nach Berlin ziehen, in eine Altbauwohnung, in der ich wirklich meine Ruhe habe, wenn ich die Tür hinter mir zuziehe. Vielleicht ist das die größere Freiheit.

* Alle Namen sind geändert