Türkischer Rentnerverein

Ein Stück Heimat in der Fremde

Über den Bildschirm flimmert die Liveübertragung der alpinen Ski-WM aus Garmisch-Partenkirchen. Erdogan Özdincer steht etwas irritiert vor dem Fernseher und lauscht dem Kommentator: "Das ist ihr Berg! Angreifen will sie jetzt. Jawohl, gut gemacht, gut überstanden, sie hat die Ski gut gehen lassen, sie ..."

Özdincer unterbricht den Redeschwall des Reporters durch einen energischen Knopfdruck auf der Fernbedienung. Zapp. Türkisches Vormittagsprogramm. Eine Seifenoper. Schlechte Schauspieler, blasse Bilder, absurde Handlung.

Doch von der Sendung nimmt außer Özdincer sowieso keiner Notiz. Die Frauen sind in ihre Gespräche vertieft, die Männer in ihre Spiele: Rommé und Tavla, die türkische Variante von Backgammon. Vor dem Fernseher steht der gedeckte Frühstückstisch mit Fladenbrot, Schafskäse, Fertigpizza, Salat und einem großen Glas Nutella. Heute ist Mittwoch. Da gibt es immer Frühstück im türkischen Rentnerverein.

Drohende Altersarmut

1992 gründete Erdogan Özdincer den "Hilfs- und Solidaritätsverein für Rentner, Behinderte und Senioren". Seitdem ist der kleine Vereinsraum in der Neuköllner Allerstraße täglich von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Die türkischen Rentner kommen für einen Plausch, zum Spielen und zur Beratung. Der Verein hilft bei Renten- und Altersfragen. Er bietet Unterstützung bei deutschen oder türkischen Behörden und informiert die Pensionäre über ihre Rechte und Pflichten. Der Vereinsgründer und -vorsitzende Özdincer kennt die Probleme seiner türkischen Altersgenossen aus Erfahrung: Er arbeitete in Berlin 20 Jahre lang als Ausländerberater beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). "Türkischen Rentnern aus der ersten Generation droht die Altersarmut. Sie haben in Deutschland die einfachen, gering bezahlten Arbeiten ausgeübt", sagt Özdincer. "Jetzt müssen die meisten mit einer Rente von 300 Euro auskommen."

Özdincer kam 1962 nach Deutschland. Ein Jahr zuvor hatte die Bundesrepublik mit der Türkei ein Abkommen zur Anwerbung türkischer Arbeitskräfte geschlossen. Rund ein Drittel der türkischstämmigen Migranten kam damals zum Arbeiten - auch Özdincer, der als gelernter Maurer in der Türkei keinen Job fand. "Von der Arbeitslosigkeit waren damals sehr viele betroffen", sagt Özdincer, dessen Heimatland in jener Zeit einen Militärputsch hinter sich hatte und unter jahrelanger Misswirtschaft litt. "Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Heimat zu verlassen. Auch wenn das hart war." Özdincer zog aus seiner Geburtstadt Istanbul für einen Stundenlohn von 2,35 D-Mark fort. In Köln malochte er in den Ford-Werken als Maschinenarbeiter. Nach Berlin zog es ihn wenig später wegen eines besser bezahlten Jobs bei Siemens. Dort gehörte er zu den ersten ausländischen Betriebsräten. Heute ist Özdincer 75 Jahre alt und einer der 14 000 Türken in Berlin, die mittlerweile das Rentenalter erreicht haben.

Erdogan Özdincer, der "Gastarbeiter", schlug Wurzeln in einem Land, das nie sein Zuhause werden sollte, während er die Bindung zu seiner Heimat immer mehr verlor. "In der Türkei denke ich oft, in Deutschland ist vieles besser", sagt er und legt eine kurze Pause ein. "Und in Deutschland denke ich das Gleiche über die Türkei. Komisch, nicht wahr?"

Özdincer wohnt im Winter mit seiner Frau in einer Wohnung in Spandau, den Sommer verbringen die beiden in ihrem Haus in Antalya. Er hat in Berlin zweimal geheiratet und drei Kinder, zwei Töchter aus erster Ehe und einen Sohn aus der zweiten. Seine Tochter Yesim besucht den Rentnerverein zwei bis drei Mal die Woche. Heute hat die 42-Jährige ihrem Vater dabei geholfen, das Frühstück vorzubereiten. Normalerweise macht das die Frau ihres Vaters, doch die ist gerade in der Türkei. Yesim sitzt mit vier Männern an einem Tisch, trinkt Tee und spielt Rommé. Es wird kaum gesprochen. Die Männer schauen konzentriert in ihre Karten, nuscheln ab und zu etwas in sich hinein. Im Gegensatz zu ihren Mitspielern redet Yesim gern. "Manchmal ärgere ich die Alten ein bisschen und mach den einen oder anderen Spruch", sagt sie. Sie legt ihre Karten auf den Tisch, stupst ihren Sitznachbarn mit der Schulter an und lächelt kess.

Er kümmert sich

Yesim hat von ihrem Vater die Liebe zum Fußball geerbt. Als kleines Mädchen nahm ihr Vater sie zu den Spielen des Kreuzberger Fußballvereins Anadoluspor mit. "Ich konnte nie die Halbzeitpausen abwarten, um selbst aufs Tor zu bolzen", sagt Yesim. Der Vater erkannte ihr Talent und schickte sie zur Jungs-Mannschaft von Anadoluspor. Später wechselte sie als Stürmerin zum Spandauer SC. Ihr Vater habe früher als Verteidiger in der ersten türkischen Liga gespielt, erzählt Yesim. Doch dass er früher in großen Stadien aufgelaufen sei, erzähle er heute niemandem. Bescheiden sei er, aufopferungsvoll. Aber es fallen auch Sätze wie dieser: "Manchmal war mein Vater für andere Menschen mehr da als für die Familie."

Özdincer kümmert sich. Das war bereits beim DGB so. "Schon damals habe ich von einer Beratungsstelle wie unserem Rentnerverein geträumt - wo es auch Essen gibt, Geselligkeit und Vergnügen." Seine Gesprächspartner schaut er mit wachen Augen an, seine Spiel-Gegner auch - so wie jetzt seinen 70-jährigen Freund Ebegümeci Bedric, mit dem er sich schon viele Tavla-Duelle geliefert hat. Erdogan Özdincer wirft die Würfel locker aus dem Handgelenk ein, während Bedric sie aufs Spielbrett schmeißt, dass es laut kracht.

Während die Männer zocken, sitzen die Frauen im hinteren Bereich des Vereinslokals und plaudern. Manchmal spielten sie auch mit den Männern, aber meistens fehle ihnen dazu die Lust, sagen sie. "Von den Männern haben wir oft die Nase voll", sagte die eine. "Wir können hier in Ruhe reden, alles besprechen", sagt die andere. Ihr wichtigstes Thema sind die Kinder. Viele ihrer Sprösslinge bekommen Hartz IV. Eigentlich haben sie sich von ihrem Nachwuchs Unterstützung erhofft. Jetzt haben die Kinder keinen Job, und die Familie muss sehen, woher das Geld kommt. "Da ist es gut, dass es den Verein gibt. Hier gibt es Kaffee, Tee und Essen."

Bei Özdincer und Bedric steht es 4:4. Das entscheidende Spiel. Özdincer würfelt einen Pasch. Er ruft dem benachbarten Tisch zu: "Schaut her! Ich habe ihn geschlagen!" Die Männer nicken wohlwollend. Özdincer lächelt zufrieden und lehnt sich zurück. In einer Woche fliegt er wieder in die Türkei - "als Urlauber", sagt er.