Zooreporter

Das Volk der bissigen Frauen

Man greift nicht rein. Nicht wenn jemand zuschaut. Also auf keinen Fall im Aquarium.

Am Terrarium der Roten Weberameise steht ganz groß geschrieben: "Anfassen verboten. Die Tiere können aggressiv reagieren." Das heißt: Sie feuchten einen blitzschnell aus einer Drüse am Hinterteil mit Ameisensäure ein und beißen zu. Das brennt. Die Täter sehen alle gleich aus, wie Reviertierpfleger Robert Seuntjens sagt. Ihre Königin hat er noch nie zu Gesicht bekommen. Sie lebt seit drei Jahren im dritten Stock des Aquariums. Sie und ihr Volk waren ein Geschenk von Antstore: Der Berliner Betrieb sitzt in Steglitz und ist Spezialist für Ameisen aus aller Welt. Die Rote Weberameise stammt aus Südasien. In Seuntjens Stamm leben wahrscheinlich nur Frauen - und zwar zu Hunderten. Einst hatte sich ihre Königin zu ihrem Hochzeitsflug aufgemacht und von Männern befruchten lassen. "Das war bei uns im Aquarium. Aber das männerproduzierende Volk lebt nicht mehr", sagt Seuntjens. Bei der Begattung nimmt eine Jungkönigin so viel Sperma auf, dass es ein Leben lang reicht. Sie produziert danach täglich im Nest neue Eier. Auch die Ameisen, die schlüpfen, haben festgelegte Aufgaben. Unklar ist nur, wer ein Sonnenbad im künstlichen Licht nehmen darf. Die Lampen strahlen auf das Terrarium, damit die Temperatur 25 Grad beträgt. Es sitzen immer Rote Weberameisen auf den Ästen unter den Lampen - entspannt wie Passagiere auf einem Sonnendeck. Tatsächlich besteht die Aufgabe von Arbeiterinnen darin, die Larven zu pflegen und das Nest zu hegen. Ihre Nester sind speziell. Denn die Tiere leben auf Bäumen und ziehen dort Blätter zu einem Nest zusammen. Den Klebstoff liefern die Larven. Im Geäst des Aquarium-Volkes hängen fünf Nester. Die emsigen Arbeiterinnen tragen ständig Larven von einer alten in eine neue Behausung. Auch die Königin zieht wohl um. Doch erlebt hat Seuntjens das noch nicht.

Wie lange die aktuelle Königin durchhält, ist unklar. Königinnen können 25 Jahre alt werden, einfache Arbeiterinnen leben kaum mehr als drei Jahre. Verläuft sich eine in einen fremden Bau - etwa in die Terrarien der benachbarten Schwarzen Weberameisen -, wird sie wahrscheinlich umgebracht. Es ist kein rascher Tod. "Ameisen reißen ihre Beute auseinander", sagt Seuntjens. Man kann das bei der Fütterung beobachten, wenn lebende Heimchen ins Terrarium gesetzt werden. Außerdem gibt es Fisch und Honig. Und trotz des Verbotes ist ein Biss in Seuntjens Finger möglich. Unter sieben Augen - zwei von Seuntjens, fünf von der Ameise.

Weitere Kolumnen von Tanja Laninger unter: morgenpost.de/tierfamilie

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