Mamas & Papas

Spielenachmittag in Wedding

Ich bin ein rücksichtsvoller Vater. Das Spielen überlasse ich konsequent den Kindern. Die Fantasie wird ja völlig unterdrückt, wenn Vati ausgefeilte Raumschiffe bastelt.

Von übermäßiger elterlicher Kreativität frustriert, entwickelt der Junge womöglich absonderliche Berufswünsche und will Politiker werden oder zum Fernsehen, weil er sein Leben lang Minderwertigkeitskomplexe abarbeiten muss. Eigenverantwortliches Spielen kann man den Knirpsen gar nicht früh genug beibringen. Außerdem ist es eine Zumutung, mit albernen Playmobil-Rittern mittelalterliche Geräusche zu machen. Lego geht noch; da kann Vati sich eine Corvette zusammenschrauben oder irgendeine andere verspoilerte PS-Schleuder, die er einst gegen Kombi, Familie und den Traum von Freiheit eintauschen durfte.

Freiheit - das große Thema der Menschheit, insbesondere der Väter. Ausgerechnet im wilden Wedding liegt das "Kindermuseum", ein weise gewählter Name, weil die Mutter glaubt, hier würde dem Nachwuchs eine Extraportion Bildung vermittelt. Dabei handelt es sich nur um einen Indoor-Spielplatz. Früher haben Kinder ja angeblich draußen gespielt und sich bisweilen sogar gegenseitig besucht. Völlig unmöglich, wenn die junge Kundschaft unserer Hochleistungs-Kita aus allen Teilen der Stadt eingeflogen wird. Zudem passt Einfach-mal-so-Vorbeikommen nicht in unsere prallvollen Terminkalender. So kommt nach ausgiebigem TV-Studium am Sonntagnachmittag unweigerlich der Moment, wo der anschwellende Groll der Chefin die Männer aus den Schlafanzügen und in Aktivitäten treibt.

Und nun? Spielplatz? Lieber nicht. Der liegt draußen, und da könnte es regnen. Also Kindermuseum. Hans jubelt. Kaum haben wir einen kinogleichen Eintritt entrichtet, saust mein Herzblatt davon. Ohrenbetäubendes Gekreische in der ehemaligen Fabrikhalle, Eltern, die ihre gesamte Camping-Ausrüstung aufgebaut haben und matschige Apfelspalten mümmeln, sowie total engagierte Mitte-Eltern, die sich in ein Prinzessinnenkostüm der Größe 128 gezwängt haben. Ich dagegen bevorzuge das Prinzip der Nichteinmischung und vertiefe mich in die Zeitung. Kurz vor dem Sportteil kommt Hans das erste Mal vorbeigesaust, verlangt nach Kakao und Kuchen, inhaliert beides und ist sofort wieder verschwunden. Leider gibt es weder Bier hier noch Flatscreen. Wer denkt eigentlich mal an die Väter und schenkt uns ein Best of Bundesliga? Von der Galerie klingt Geheule, das von Hans stammen könnte. Steh' ich auf? Lieber nicht. Kinder müssen lernen, Konflikte selbst auszutragen.

Abends freut sich die Chefin, dass Vater und Sohn so toll miteinander gespielt haben. Dass Hans ausnahmsweise schwieg, anstatt mir in den Rücken zu fallen, hat nur einen Hamburger auf dem Nachhauseweg gekostet.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann