Interview

"Oper, Theater und Ballett sind wunderbare Entwicklungsräume"

Kinder brauchen Raum, um aktiv zu sein und sich auszutesten, sagt Kinderpsychiater und Buchautor Gunther Moll. Die Bühne gebe ihnen dazu eine gute Gelegenheit. Zuletzt erschien von ihm zusammen mit Ralph Dawirs "Die 10 größten Erziehungsirrtümer". Mit dem Leiter der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit des Universitätsklinikums Erlangen sprach Annette Kuhn.

Berliner Morgenpost: Ein Engagement auf der Bühne bestimmt meist die gesamte Freizeit, die Kindern neben der Schule bleibt. Wie wirkt sich das aus?

Gunther Moll: Wir haben eine falsche Organisation der Kinderzeit. Wir haben das Leben der Kinder nach der Arbeitswelt der Erwachsenen organisiert und zugebaut. Die Kinder haben wegen der verkürzten Gymnasialzeit und in den Ganztagsschulen fast keine Zeit mehr für kreativen Müßiggang und für andere Aktivitäten. Sie schmeißen die Gitarrenstunde, sie melden sich vom Sportverein ab. Und sie haben kaum noch Zeit, kulturelle Fertigkeiten zu erwerben. Dabei ist das Recht "auf freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben" sogar in der UN-Kinderrechtskonvention verbrieft. Wenn ein Kind also die Chance hat, in einer Oper oder in einem Ballett mitzuwirken, dann sollte es diese Chance nutzen. Ich denke daher: Statt sich zu fragen, wie viel Zeit einem Kind neben der Schule bleibt, sollte man eher umgekehrt fragen: Wie viel Zeit hat ein Kind noch neben der Oper für die Schule?

Berliner Morgenpost: Das Mitwirken in der Oper stellen Sie über den Schulbesuch?

Gunther Moll: Wenn ein Kind eine Opernaufführung von A bis Z mitmacht und auch noch vor dem Publikum auf die Bühne tritt, dann ist das doch mehr, als im gesamten Schulleben in Musik unterrichtet wird. Das Kind erwirbt alles, was mit Musikalität zu tun hat. Es lernt, Teil eines Ganzen zu sein, etwas im Team auf die Bühne zu bringen. Und vor allem lernt es, selbst etwas zu machen, aktiv zu sein. Die Schule aber ist fast nur abstrakt, das ist kein echtes Leben. Genauso wenig wie das Internet, das ist virtuell. Aber das Singen oder Tanzen, die Proben, die Spannung vor der Premiere, das Erfolgserlebnis, der Applaus, wenn der Vorhang fällt, all das ist echt.

Berliner Morgenpost: Manchen Kindern bereitet das aber auch Druck.

Gunther Moll: Kleine Kinder begeben sich zunächst einmal gern in einen Wettbewerb. Sie testen aus: Wer ist der Schnellste? Wenn der eine gewinnt, weint natürlich auch mal der andere. Aber dann kommt ein neues Spiel, und es geht weiter. Der Wettbewerb liegt in der Natur des Menschen, und er macht Kindern Freude. Der Druck kommt dann erst durch die Schule und durch die Eltern. Dadurch verlieren Kinder erst die natürliche Freude am Wettkampf.

Berliner Morgenpost: Müssen Kinder denn nicht auch manchmal zu Leistung motiviert werden?

Gunther Moll: Kinder erbringen mit Freude von sich aus Leistung. Sie wollen etwas zustande bringen und wollen immer weiter. Das beginnt schon mit dem Laufenlernen. Wenn sie sich aufgerichtet haben, laufen sie los, dann fangen sie an, Treppen und später Bäume hochzuklettern. Wir müssen die Kinder nicht motivieren, wir müssen nur die Räume schaffen, damit sie weiterklettern können. Und die Bühne ist ein wunderbarer Entwicklungsraum für Kinder.

Berliner Morgenpost: Woran können Eltern sehen, ob das auch der richtige Raum für ihre Kinder ist?

Gunther Moll: Eltern müssen mit ihren Kindern durch die Welt gehen und schauen, was sie interessiert, was sie anspricht. Wenn sie ein Kind haben, das sich freut und wenn gesungen wird auch gleich mitsingt, dann sollte man ihm weitere Angebote auf diesem Gebiet bringen. Ein anderes Kind springt auf Musik vielleicht gar nicht an, rennt aber jedem Ball hinterher. Die Unterschiedlichkeit muss man als Eltern beachten. Und noch eine zweite Frage sollten sie sich stellen: Besteht vielleicht Interesse, aber das Kind traut sich nicht? Viele Kinder sagen dann: Ich will das gar nicht. Das müssen Eltern herausfinden und das Kind dann unterstützen. Wenn es sich nicht traut, dann kann man ganz klein anfangen. Dann steht es am Anfang vielleicht nur als Dekoration auf der Bühne, als Baum zum Beispiel, und kommt so langsam hinein. Wenn Kinder es dann schaffen, über sich hinauszuwachsen, erspart das jede Psychotherapie.

Berliner Morgenpost: Das Theater, die Kostüme, der Erfolg - kann das Kindern über den Kopf wachsen?

Gunther Moll: Wenn ein Kind Kontakte zu Gleichaltrigen und ein Familienleben hat, hält es das auf dem Boden der Tatsachen. Ein Kind lernt dabei: Zu Hause bin ich die Tochter oder der Sohn, im Freundeskreis die Antonia oder der Florian und so viel wert wie alle anderen. Aber auf der Bühne, da bin ich ein Star. Doch wenn das Kind abgeschminkt ist, wenn es das Kostüm ablegt und seine Alltagsklamotten wieder anzieht, ist es kein Star mehr. Kinder müssen lernen, dass sie in unterschiedlichen Bereichen Unterschiedliches sind.

Berliner Morgenpost: Und wenn es nicht klappt auf der Bühne, wenn das Kind beim Casting nicht genommen wird oder wenn es nach einem Jahr wieder rausfliegt - ist das nicht hart?

Gunther Moll: Das ist das Leben. Kinder müssen Niederlagen erleben und lernen, mit ihnen umzugehen. Wie sonst sollten sie lernen, wieder aufzustehen und nicht aufzugeben? Die ganze Familie muss es dabei unterstützen. Und wenn es mit der Oper nicht geklappt hat, muss man eben etwas Neues suchen und bei nächster Gelegenheit wieder voll an die Sache herangehen. Und vor allem sollte man Kindern helfen, so eine Niederlage mit Humor zu nehmen.

Mehr von Gunther Moll gibt es im Internet: www.kinderkompetenz.com