Moabit

Integration auf Türkisch

Der fünfjährige Mohammad hat für den hohen Besuch in seiner Kita extra eine Krawatte angelegt. Er durfte gemeinsam mit der sechsjährigen Sevde dem türkischen Minister für Kultur und Tourismus, Ertugrul Günay, einen Blumenstrauß überreichen.

Der Minister versuchte am Mittwoch in Berlin die Wogen zu glätten, für die der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan durch seine Rede in Düsseldorf erst kürzlich gesorgt hatte. Am 27. Februar hatte Erdogan in einer Rede vor Tausenden Landsleuten gefordert, dass türkische Kinder in Deutschland zuerst Türkisch lernen müssten - und dann Deutsch. Die Äußerungen lösten eine Welle der Kritik aus.

Der Kulturminister, der sich derzeit im Rahmen der Internationalen Tourismusbörse in Berlin aufhält, hatte die Kita "Kleiner Frosch" in Moabit für seinen Besuch nicht zufällig gewählt. Der türkische Elternverein hatte die Kita in Moabit, in der 40 Kinder betreut werden, vor 17 Jahren mit dem Schwerpunkt der Zweisprachigkeit Deutsch-Türkisch gegründet. Die Umgangssprache in der Kita ist Deutsch, doch die Erzieherinnen sprechen ebenso gut Türkisch, sodass auch die Muttersprache der Kinder gefestigt wird. Die Kinder singen Lieder in beiden Sprachen und feiern Fasching ebenso wie das Opferfest. Durch die Betonung aller Herkunftssprachen der Kinder werde das Selbstbild der einzelnen gestärkt, heißt es im Konzept des Elternvereins.

Kulturelle Besonderheiten bewahren

"Die Integration ist wichtig, und ebenso wichtig ist es, die kulturellen Besonderheiten zu bewahren", sagte der türkische Kulturminister. Damit die Integration gelingt, müsse auch die türkische Seite ihren Beitrag leisten, so der Minister. Die frühkindliche Förderung in der Krippe und der Kita vor der Schule sei für den Spracherwerb von großer Bedeutung. Dafür wolle er in Berlin ein Zeichen setzen, so Günay. Der Minister ließ keinen Zweifel, dass er insbesondere die Form der Zweisprachigkeit als Königsweg der Integration sehe. Als Geschenk an die Kinder brachte er zweisprachige Bücher mit Vorlesegeschichten auf Deutsch und Türkisch mit.

Mit der Aufforderung an seine Landsleute, die Kinder rechtzeitig in die Kita zu geben, unterstützt der türkische Politiker die Bemühungen des Senats. "Vor allem im dritten und vierten Lebensjahr ist die Quote der Migrantenkinder in den Kitas geringer als die der deutschen Kinder", sagt Christian Walther, Sprecher der Senatsbildungsverwaltung. Die Sprachtests hätten aber gezeigt, dass ein Kitajahr vor der Schule häufig nicht ausreiche. Erst bei einem Kitabesuch von mindestens zwei Jahren sei ein deutlicher Fortschritt der Kinder in der deutschen Sprache sichtbar. Der Sprachförderbedarf sei bei diesen Kindern wesentlich geringer. Laut Sprachstandstests in den Kitas im Jahr 2010 hatten insgesamt 33,6 Prozent der Kinder aus Migrantenfamilien einen Sprachförderbedarf. Die Quote der Kinder, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, lag bei 17 Prozent. Die größten Sprachdefizite gab es in Neukölln, Mitte und Marzahn-Hellersdorf.

Der hohe Anteil der Kinder mit Sprachschwierigkeiten ist seit Jahren relativ konstant. Und das, obwohl die Kitas mit den Sprachlerntagebüchern die Sprachförderung eigentlich verstärkt haben. Um eine Rückmeldung über den Erfolg der Förderkonzepte in den Einrichtungen zu erhalten, will Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) einen zweiten Test kurz vor Schuleintritt einführen. Die Ergebnisse der einzelnen Kinder sollen nicht nur die Grundschulen erhalten, sondern auch die Kitas, aus denen die Schulanfänger kommen. Auf diese Weise sollen die Einrichtungen Rückschlüsse ziehen können, ob ihr Sprachförderkonzept erfolgreich ist.

Suche nach neuen Räumen

Der türkische Elternverein ist überzeugt, dass die beste Form der Sprachförderung die zweisprachige Erziehung ist. Das Konzept für ihre Kita in Moabit haben sie 1993 von Erziehungswissenschaftler Helmut Essinger erarbeiten lassen. "Viele Studien belegen heute, dass bei einer zweisprachigen Erziehung keine der beiden Sprachen zu kurz kommt", sagt Tülay Usda vom türkischen Elternverein. Im Gegenteil: Die Sprachentwicklung sei sogar besser. Wichtig sei, dass die Kinder die Struktur einer Sprache begreifen, dann könnten sie viel einfacher weitere Sprachen lernen. Auch im sozialen Verhalten würden sich viele Vorteile zeigen, so Usda. Die Kinder seien weltoffener und hätten weniger Probleme mit ihrer Identität.

Die zweisprachige Kita Kleiner Frosch hat eine lange Warteliste. "Die Nachfrage ist groß", sagt Tülay Usda. Deshalb will der Verein eine weitere Kita gründen. "Dann wollen wir je nach Bedarf auch weitere Sprachen wie Englisch oder Spanisch anbieten", sagt die Elternvertreterin. Allerdings sei es sehr schwierig, geeignete Räume zu finden. Die Eltern der Kita "Kleiner Frosch" schätzen aber nicht nur die Sprachförderung, sondern die Kommunikation mit den Erziehern. "Die Hemmschwelle für die türkischen Eltern ist geringer, wenn sie wissen, dass die Erzieherin auch ihre Sprache versteht", sagt Tülay Usda. In den Elternversammlungen sprechen die Erzieher zwar Deutsch, aber es gibt es eine Simultanübersetzung auf Türkisch und Arabisch. Die Eltern hätten vor allem vor der Schule viele Fragen zum Schulsystem, zum Unterrichtsablauf und zur richtigen Schulwahl.

Der türkische Elternverein setzt sich dafür ein, dass auch in den Grundschulen mehr deutsch-/türkischsprachige Klassen angeboten werden. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Schulen mit Klassen, in denen die Kinder in beiden Sprachen alphabetisiert werden, von 17 auf vier reduziert worden. "Dabei sind die Schüler erfahrungsgemäß aus diesen Klassen sehr erfolgreich", sagt der türkische Elternvertreter Turgut Hüner. So hätten Kinder aus der Deutsch-Türkisch-Klasse an der Rixdorfer Grundschule in Neukölln wesentlich mehr Gymnasialempfehlungen als die Schüler in den übrigen Klassen der Schule. Langzeitstudien gebe es hierzu jedoch leider nicht.