Mamas & Papas

Vorstandskrokodile und Mondraketen

Wann genau ist uns die Kontrolle entglitten? Heute Morgen, ich lag noch im Bett, die Kinder kuschelten sich dazu, wurde ich im Halbschlaf Ohrenzeuge dieses Dialogs.

Unser Sohn, triumphierend: "Ich habe schon drei Star-Wars-Filme gesehen!" Darauf unsere Tochter, schnippisch: "Ich einen - Episode IV." Sie ist schließlich schon acht, also viel, viel älter als ihr bald sechsjähriger Bruder.

"Wo habt ihr die Filme denn alle gesehen?", fragte mein Mann erstaunt. "Den einen in Hamburg beim Patenonkel", berichtete die Tochter stolz. "Die anderen, als wir bei meinem Freund Henry übernachtet haben", ergänzte der Sohn. Henrys Vater ist Engländer, dem sind deutsche TV-Hemmungen fremd.

Stille trat ein im Bett. Meine Tochter, das merkte ich auch in meinem Dämmerzustand, war unzufrieden. Es stand 3 : 1 im Star-Wars-Krieg mit ihrem kleinen Bruder. Aber sie hatte ja noch weitere Filmmunition in der Hinterhand. "Ich habe letzte Woche den Harry-Potter-Film gesehen. Erster Teil. Bei meiner Freundin", triumphierte sie.

"Und ich die Vorstandskrokodile!", konterte mein Sohn. Bei ihm werden aus den Vorstadtkrokodilen immer wilde Wirtschaftstiere. "Den habe ich auch gesehen. Aber den zweiten Teil kennst du nicht - der lief nämlich im Hort."

"Ihr schaut Filme im Hort?", fragte ich schlaftrunken.

"Klar!", rief unsere Tochter erfreut. Ihr Bruder wälzte sich unruhig hin und her - Harry Potter kennt er nicht, den zweiten Teil der Vorstadtkrokodile hat er auch noch nicht gesehen. Mit irgendwas muss er doch noch punkten können. Und da fiel es ihm ein. "James Bond", rief er.

"Was?!" Jetzt war ich wach.

"Ja, Mama", sprang ihm die Tochter bei, "James Bond haben wir auch gesehen. Bei Familie X daheim. Goldfinger. Auf dem Beamer."

"Himmel."

"Und die Sache mit der Mondrakete", ergänzte mein Sohn.

"Moonraker?", fragte ich unsicher.

"Genau." Beide Kinder nickten.

Ich fasse nun die DVD-Hits der vergangenen Monate zusammen: drei Star-Wars-Folgen ("Mama, das Geballere gefiel mir besonders!" - mein Sohn), einmal Harry Potter ("Gar nicht so gruselig" - meine Tochter), zwei Vorstandskrokodile oder wie immer die heißen, zwei James Bond ("Kann man an goldener Haut wirklich sterben?" - Frage der Tochter; "zu viel Geknutsche" - Kommentar des Sohnes).

Das Unglaubliche ist: Wir behaupten von uns als Eltern, auf den Medienkonsum unserer Kinder zu achten, und tun es auch. Trotzdem kommen wir kaum mehr hinterher. Was, frage ich mich, ist wohl in Familien los, in denen alles egal ist? Wo in jedem Zimmer ein Fernseher und ein DVD-Spieler stehen? Gar nicht auszudenken.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher