Über den Wert der guten Sitten

Danke, bitte, gern geschehen

"Benimm dich anständig. Sprich nicht mit vollem Mund. Unterbrich mich nicht. Schon gar nicht mit vollem Mund. Sitz gerade. Iss mit Messer und Gabel. Bohr nicht in der Nase. Reich die Schüssel weiter. Rülps nicht...Ja, schon gut, es ist dir so rausgerutscht, aber entschuldige dich wenigstens! Aber nicht mit vollem Mund..."

Himmel hilf! Ist doch kein Wunder, wenn die gemeinsame Mahlzeit in der Familie beträchtlich an Strahlkraft eingebüßt hat und alle, die das kennen, längst wissen, dass das Familienessen nicht nur ein reines Vergnügen darstellt - ganz egal, was das Familienministerium, die Erziehungsratgeber und die Werbung behaupten. Wenn man bedenkt, was für eine Tortur eine Familienmahlzeit werden kann, entwickelt man klammheimlich viel Verständnis für verschriene Gewohnheiten wie die, zwischen Tür und Angel zu essen und tiefgefrorene Cholesterinbomben in die Mikrowelle schieben, die man anschließend vor amerikanischen Seifenopern verzehrt. Die gemeinsame Mahlzeit war und ist in manchen Familien immer noch der Exerzierplatz für gutes Benehmen, auf dem die junge Generation lernt, wie man sich verhalten muss, um als akzeptabler Zeitgenosse, Kollege und Ehepartner durchs Leben zu gehen.

Exerzieren im Bus

Der andere Exerzierplatz für gutes Benehmen ist das öffentliche Verkehrswesen. In Bussen und Bahnen kann die verantwortungsvolle Mutter weitere Lektionen erteilen. "Drängle nicht so, Liebchen. Lass der Dame den Vortritt. Warum? Weil sie älter ist als du und du Erwachsene respektvoll behandeln sollst." Was aber, wenn die fragliche Dame mit grimmigem Gesicht und Dragonerschritt vorher das Kind auf der Rolltreppe angerempelt und rüde beiseite gedrängt hat?

Weiter geht's im Treppenhaus. Die alte Nachbarin wünscht Mutter und Kind einen Guten Tag, erkundigt sich freundlich beim Kind, wie es ihm geht und reicht ihm die Hand. Das Kind schweigt, vergräbt die Fäuste in den Hosentaschen und senkt den Blick. Die Mutter gerät in Verlegenheit, sprudelt entschuldigende Floskeln hervor und funkelt das Kind an. Wenig später geht's los: "Wie oft soll ich dir eigentlich noch sagen, dass man höflich grüßt, wenn man Bekannte trifft..."

Warum tun wir das alles? Immerhin leben wir in einer Gesellschaft, deren öffentliches Leben schrecklich rüde ist. Warum also bringen wir unseren Kindern nicht bei, nach allem zu grapschen, was sie haben wollen? Über Leute zu lästern, sich rücksichtslos vorzudrängeln und die tiefsten Gefühle unmittelbar auszudrücken?

Weil es grausam wäre, deshalb. Die meisten Menschen finden Kinder und Jugendliche, die sich schlecht benehmen, grauenhaft und wenden sich ab. Menschen müssen lernen, sich akzeptabel zu verhalten, andere Leute nicht zu ärgern und in Verlegenheit zu bringen - am besten von Kindesbeinen an. Wenn ganz kleine Kinder die Zähne nicht auseinanderkriegen, wenn sie angesprochen werden, oder sich für Geschenke nicht bedanken, mag das noch hingenommen werden. Von Vier-, Fünfjährigen beginnen Erwachsene zu erwarten, dass sie sich anständig benehmen.

Aber man kann die Sache locker angehen. Im Allgemeinen wissen auch Dreijährige schon ganz gut, was Erwachsenen gefällt. Erzieher früherer Generationen haben den Wunsch zu gefallen häufig ausgenutzt, um Kinder zum Knicksen und Küsschengeben abzurichten. Das ist glücklicherweise vorbei, aber rühren die Dreijährigen nicht immer noch ans Herz, wenn sie ein "dante sssön" wispern, bevor sie sich über ihr Eis hermachen? Nur über den Beifall der Umwelt angespornt, macht hier ein Kind seine erste höfliche Phase durch. Das legt sich auch wieder, aber eine wichtige Erkenntnis über gutes Benehmen dämmert schon: Es macht beliebt. Wer die Metzgersfrau lieb anlächelt, kriegt eine Wurst. Wer dem Apotheker für den Traubenzucker dankt, kriegt beim nächsten Mal bestimmt wieder einen.

Wenn die Zeit der Rollenspiele anbricht, steht auch dem guten Ton eine neue Blüte bevor; vorausgesetzt, es gibt im Leben des Kindes Erwachsene, die im Alltag solche Floskeln verwenden. Plötzlich findet man die höflichsten Kinder der Welt - im Kaufmannsladen. "Darf es sonst noch etwas sein?", "Möchten Sie, dass ich ihre Bananen einpacke?" - und neuerdings entlassen Kinder im Kaufmannsladen den Kunden schon mal mit "'nen schönen Tag noch!". Irgendwie kriegen sie's doch alle mit: Fünf- und Sechsjährige wissen, dass man sich bedankt, wenn man etwas geschenkt bekommt, und ahnen, dass das Messer neben dem Teller nicht dazu da ist, um Kerben in den Tisch zu ritzen.

Was allerdings genau gutes von schlechtem Benehmen unterscheidet, wird überall verschieden interpretiert. Bei Meiers gibt man Gästen zur Begrüßung die Hand - total überflüssig, finden die Müllers, die nur auf ein freundliches "Guten Tag" oder wenigstens "Hallo!" Wert legen. Keine leichte Übung für Vierjährige. Ein freundliches Vorbild verhilft zu schöneren Erfolgen als strenger Drill. Wenn Philipp beim Eierkauf auf dem Wochenmarkt strahlend seine drei Bonbons in Empfang nimmt, vergisst er meistens das Dankeschön. Das macht dann seine Mutter, stellvertretend. Irgendwann springt der Funke über. Dass man sich bedankt, wenn einem Gutes widerfährt, versteht ein Kind besonders gut, wenn sich auch Eltern bei ihm bedanken - fürs Aufräumen oder seine Hilfe beim Tischdecken.

Die Tage, wo man gesellschaftlich geächtet wurde, weil man nur mit der Gabel das Essen in sich hineinschaufelt, sind vorbei. Solange Kinder wissen, wie man in der Öffentlichkeit mit Messer und Gabel hantiert, dürfen sie daheim ruhig mal mit den Händen essen. Ein paar angenehme Gewohnheiten kann man etablieren. Zum Beispiel isst man besser mit geschlossenem Mund. Es ist bemerkenswert einfach, Kinder jeden Alters vom Sinn dieser Übung zu überzeugen, indem man sich ihnen gegenübersetzt, laut schmatzt, tüchtig kaut und den Mund dabei offen lässt. Hilfreich ist auch, sich ein besonders rüdes, gieriges Kind aus einer anderen Familie einzuladen. So merken die eigenen Kinder schnell, wie schmerzlich man Gepflogenheiten wie die Schüsseln weiterzureichen, andere ausreden zu lassen oder das letzte Schnitzel zu teilen vermissen kann, wenn sie nicht praktiziert werden.

Eltern müssen Vorbild sein

Auch wenn kleine Kinder mit Messer und Gabel noch überfordert sind und auch ein Drei-Gänge-Menü noch nicht stillsitzend bei höflicher Konversation überstehen, kann man einen gewissen Respekt vor der Mühe des Kochs oder der Köchin erwarten. Jede Familie findet ihre eigenen Regeln - etwa: Man muss nicht essen, was auf den Tisch kommt. Man darf aber auch nicht lauthals "bääää" rufen, wenn es mal nicht schmeckt. Kaum ein Kind will stillsitzen, bis die Eltern aufgegessen haben. Aber wer aufsteht, ist auch fertig mit dem Essen. Sind mehrere Kinder am Tisch, ist die Regel "Kinder warten auf Kinder" praktisch, damit wenigstens ein bisschen Ruhe beim Essen einkehrt.

Und noch etwas. Wenn die Eltern zueinander und zu den Kindern unhöflich sind, werden die Vorträge über gute Manieren nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Wenn Sie quer über den Spielplatz rufen: "Musst Du mal pullern?"; wenn Sie Ihre Freunde unfreundlich behandeln und ihnen Sachen aus der Hand reißen; wenn Sie nie fragen, wie sie geschlafen hätten oder wie ihr Tag gewesen wäre - warum sollten sie sich dann besser benehmen? Wenn Eltern einander dauernd zusammenstauchen, wenn einer vor Gästen die Leistungen des anderen verächtlich macht, wenn einem selbst Bemerkungen entschlüpfen wie: "Dein Vater ist ein egoistischer Vollidiot!" oder "Deine Mutter ist eine überdrehte Zicke!", dann beeinträchtigen Sie nicht nur die emotionale Sicherheit Ihrer Kinder, sondern auch ihre Manieren.

Und wenn Eltern doch einmal die Pferde durchgehen, ist das auch eine wertvolle Erfahrung für interessiert zuhörende Kinder. Schließlich kann man sich entschuldigen. Woher sonst sollten Kinder lernen, dass einem kein Zacken aus der Krone bricht, wenn man für einen Ausrutscher um Verzeihung bittet?