Bildung

Vertraute in der Not

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Es war denkbar knapp: Fast hätte Anna (Name geändert) das Probehalbjahr vermasselt. Die Siebtklässlerin war mit einer Realschulempfehlung an das Gottfried-Keller-Gymnasium in Charlottenburg-Nord gekommen und fand alles andere spannender als Lernen: Mit den Mädchen giggeln, mit den Jungs flirten, Schminken und Mode - das war ihre Welt und nicht Mathematik und Deutsch.

Von zu Hause bekam sie keine Unterstützung, die Eltern lebten in Trennung und hatten mit sich zu tun. Gerettet hat sie Sabine Schmidt. Sie ist seit diesem Schuljahr Sozialpädagogin an dem Ganztagsgymnasium im Mierendorffkiez. Wäre Anna Schülerin eines Halbtagsgymnasiums gewesen, hätte sie diese Hilfe nicht gehabt.

Mit der Schulreform und der Umstellung auf ein zweigliedriges Schulsystem nach der Grundschule wurde auch das Personalkonzept der Schulen geändert. Allen Lehrern von Sekundarschulen sowie Gymnasien mit Ganztagsbetrieb stehen seit diesem Schuljahr Sozialpädagogen und Erzieher zur Seite. Sie sollen eine Anlaufstelle für Schüler in Konfliktsituationen sein. Das kann familiäre Probleme, wie Scheidung, Alkohol oder Wohlstandsverwahrlosung betreffen, aber auch schulische Sorgen wie Leistungsdruck, Stress und Mobbing. Für die Finanzierung dieser Stellen bekommen die Schulen ein Budget von der Senatsbildungsverwaltung zugewiesen. Das gilt jedoch nicht für Gymnasien mit einem Halbtagsangebot - ihnen werden solche Stellen von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) nicht zugestanden. Der Senator begründet diese Ungleichbehandlung mit der unterschiedlichen Schülerklientel. Die Schülergruppen an Gymnasien seien homogener als an Sekundarschulen und brauchten nicht so viel Unterstützung, sagt Zöllner.

Sorgen der Schüler ernst nehmen

Das sieht Norbert Verch, Rektor an der Freiherr-vom-Stein-Oberschule in Spandau, ganz anders. "Wenn Schüler Probleme haben, können wir sie nicht damit nach Hause schicken", sagt der Leiter des grundständigen Gymnasiums. Sorgen und Ängste müssten ernst genommen werden, sie gehörten zum Schulalltag dazu. Aus diesem Grund hat Verch in diesem Schuljahr zur Selbsthilfe gegriffen und das Angebot vom Institut für Schulsozialpädagogik aus Münster (ISSP) angenommen, den Lehrern und Schülern eine Sozialpädagogin zur Seite zu stellen. Finanziert wird die Arbeit vom ISSP über Spenden, Sponsoren und Stiftungen.

Die Stein-Schule ist damit das erste Gymnasium im Halbtagsbetrieb in Berlin, das eine Schulsozialpädagogin beschäftigt. Im Dezember hat Christiane Schaumann-Richarz ihre Arbeit aufgenommen. An vier Tagen in der Woche ist sie für vier Stunden vor Ort. Etwa 120 Gespräche hat sie in den vergangenen drei Monaten geführt, mit vielen Schülern mehrmals. Etwa 25 verschiedene Fälle sind bei ihr aufgelaufen, die sie nun möglichst zügig zu lösen versucht. "Die meisten Probleme betreffen Konflikte mit Klassenkameraden, wie zum Beispiel Ausgrenzung", sagt die 58-jährige Sozialpädagogin. Sie hält es schon für einen wichtigen Schritt, "wenn Schüler ihre Probleme wahrnehmen und zu mir kommen". Sie baue dann in den Gesprächen ein Vertrauensverhältnis zu den Schülern auf. Manche Konflikte ließen sich leicht relativieren, andere bedürfen weiterer Gespräche.

Die Gesamtkonferenz des Spandauer Gymnasiums hatte sich sofort für einen Sozialpädagogen ausgesprochen, als das Angebot vom ISSP kam. Seit zehn Jahren ist das Institut als gemeinnütziger Verein an Münsteraner Gymnasien tätig. Die ersten Ergebnisse der Arbeit in Münster liegen inzwischen vor: So haben zum Beispiel im Laufe eines Jahres mehr als die Hälfte der Schüler eines Gymnasiums die Beratungsstelle aufgesucht. In mehr als 30 Prozent der Fälle waren es Lern- und Leistungsprobleme, heißt es in der Auswertung. Jetzt will Anette Just, Leiterin des Instituts, ihre Arbeit auf Berlin ausdehnen. Sie hat eine Dozentenstelle am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Freien Universität angenommen und bereits auf mehreren Veranstaltungen für die Bedeutung der sozialpädagogischen Arbeit an Gymnasien geworben. Fünf weitere Schulen haben mittlerweile ihr Interesse angemeldet.

Dass Sozialpädagogen an Schulen eine große Hilfe für Lehrer, Schüler und Eltern sind, ist unbestritten. Erst kürzlich forderte der neue Präsident der Kultusministerkonferenz Bernd Althusmann (CDU) den Einsatz von Sozialpädagogen an allen Schularten. Damit könnten herkunftsbedingte Unterschiede in den Bildungsbiografien bei Schülern mit Migrationshintergrund ausgeglichen werden. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft schließt sich dieser Forderung an. Vor allem für Kinder aus armen Familien sei das ein wichtiger Schritt zu mehr individueller Förderung und besseren Bildungschancen, sagt die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer.

Lehrer brauchen Unterstützung

Die Präsenz von Sozialarbeitern an Gymnasien wird immer wieder von verschiedenen Seiten gefordert, zuletzt erst am Humboldt-Gymnasium in Tegel. Die Befürchtungen sind groß, dass mit dem neuen Aufnahme- und Losverfahren viele Schüler an die Gymnasien drängen, die mehr Hilfe und Unterstützung beim Lernen brauchen. Im gleichen Zug werde die Arbeit an den Schulen immer komplexer, sagt Schulleiter Bernd Kokavecz. Technik, Außendarstellung, Kontaktpflege, Sozialarbeit - alles laste heute auf den Pädagogen, die "nebenbei" noch ihre Unterrichtsstunden zu bestreiten hätten.

Eberhard Kreitmeyer vom Gottfried-Keller-Gymnasium zieht nach dem ersten Halbjahr ein fast euphorisches Fazit: Die Sozialpädagogin sei ein vollwertiges Mitglied in den Klassenteams, erstelle Profile der Schüler und bewerte das Sozialverhalten. Sabine Schmidt ist über einen Freien Träger - die Technische Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft - in Vollzeit an dem Ganztagsgymnasium angestellt. "Sie ist eine enorme Entlastung für die Lehrer", sagt der Kreitmeyer. Lehrer würden immer auf die Leistung schauen. Die Sozialpädagogin habe eine ganz andere Perspektive. Sie könne in privaten Gesprächen auf die Schüler eingehen und nach Ursachen für das Verhalten forschen. Gibt es Probleme im Elternhaus? Mangelt es an der Bereitschaft zum Lernen? Wird das Kind gemobbt? Ihre Erkenntnisse helfen den Lehrern, die Schüler besser einzuschätzen und zu fördern, sagt der Schulleiter. Vertrauen, Zeit und eine individuelle Beratung - das mache die Arbeit der Sozialpädagogin aus. Immerhin hat Sabine Schmidt die Problemschülerin Anna dazu gebracht, sich über Weihnachten hinzusetzen und zu lernen. Das Ergebnis war eine Zwei in Mathe.

Eberhard Kreitmeyer denkt bereits darüber nach, das Angebot auszubauen. Mit dem neuen Schuljahr 2011/12 wird die Zahl der Ganztagsschüler von derzeit 200 auf 300 anwachsen. Dann halte er es für sinnvoll, noch eine Halbtagsstelle für einen Mann zu schaffen, sagt Kreitmeyer. Das sei eine sinnvolle Ergänzung.