Mentorenprogramm

"Der kann zupacken"

Wenn sich Timo Zabel in einen Gabelstapler schwingt, ist er in seinem Element. Mit glänzenden Augen startet er das Gefährt und steuert es souverän durch die Gänge zwischen den knallroten Getränkekisten, die hundertfach neben- und übereinander gestapelt sind. Timo Zabel ist in der Ausbildung zum Fachlageristen bei Coca-Cola am Standort Hohenschönhausen.

"Ich stelle die Bestellungen zusammen, be- und entlade LKW und sortiere auch mal Leergut", erzählt er stolz und rückt seine Arbeitsmontur zurecht. "Das passt. Ich bin ein Praktiker."

Noch vor wenigen Jahren hätte sich Timo Zabel nicht träumen lassen, einmal dazuzugehören. Einen Job mit Perspektive zu haben, von gestandenen Kollegen respektiert zu werden. Nach der Hauptschule schlug sich der 23-jährige Neuköllner mit Gelegenheitsjobs durch. Seine Suche nach einem Ausbildungsplatz lief ins Leere. "Allein 2009 habe ich über 70 Bewerbungen geschrieben und auf viele bis heute keine Antwort erhalten." Ein wenig versteht er das Desinteresse der Betriebe: "Meine Noten waren nicht gut, ich war faul damals", gesteht er. "Ich hätte den Realschulabschluss machen können, aber...." Er richtet seinen Blick auf den Boden, murmelt etwas von falschen Freunden.

Schicksalhafte Begegnung

Die Menschen, die ihn heute umgeben, können sich den "alten" Timo Zabel kaum vorstellen. Markus Donat zum Beispiel, Referent Ausbildung und Personalmarketing bei Coca-Cola. "Der Herr Zabel, der kann zupacken", schwärmt er von seinem Lehrling. Doch ohne Unterstützung hätten sich Timo Zabel und Markus Donat wohl nie getroffen. Es war die Initiative "Joblinge" der Unternehmensberatung The Boston Consulting Group und der Eberhard von Kuenheim Stiftung der BMW AG, die die beiden zusammenführte. Timo Zabel sollte das sechsmonatige Training durchlaufen, das zum Ziel hat, dass sich junge Menschen mithilfe von Workshops, Projektaufgaben und Unternehmenspraktika einen festen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz erarbeiten. Coca-Cola wollte sich an der Initiative mit Praktikumsplätzen beteiligen. Und Donat war so begeistert, dass er sich persönlich als Mentor registrieren ließ, um einen Jugendlichen zu unterstützen. Timo Zabel hatte Glück: Schon bei der ersten Begegnung waren sich "Jobling" und Mentor so sympathisch, dass Markus Donat dem jungen Mann die Chance gab, sich bei ihm im Betrieb zu bewähren - sofort. "Es war Liebe auf den ersten Blick", scherzen die beiden heute.

Nicht immer verläuft die Vermittlung so reibungslos. Und doch ist das Programm, das 2007 aus der Taufe gehoben wurde und im Juni 2010 in der Hauptstadt an den Start ging, erfolgreich. "Von den 28 jungen Menschen, die wir bislang begleitet haben, konnten wir 70 Prozent nachhaltig vermitteln", sagt Michael Hirsch von der Joblinge gAG in Berlin. Auch mit den Fortschritten seiner derzeitigen Schützlinge ist er zufrieden.

Nach seiner Erfahrung sind es vor allem die Trainer aus der Wirtschaft und die Mentoren, die bei den Jugendlichen Eindruck hinterlassen und eine positive Wende herbeiführen können. "Die Schilderungen aus der Praxis wecken Interesse", sagt Hirsch. "Aber vor allem ist das ehrenamtliche Engagement ein Zeichen der Wertschätzung. Da ist jemand, der aufrichtig Interesse zeigt und demonstriert: 'Ich glaube an dich.' Das ist für viele eine ganz neue Erfahrung."

Es sind vor allem junge Männer um die 20 mit Hauptschulabschluss oder gar keinem Abschluss, die bei den "Joblingen" landen. "Unorientiert, demotiviert, ohne Selbstwertgefühl", sagt Koordinator Hirsch knapp. Er schildert, wie ihm manchmal regelrecht "zum Heulen" zumute sei: weil die jungen Menschen nach jahrelangen Misserfolgen gar nicht mehr um ihre Stärken wüssten. Hirsch und seine Mitstreiter versuchen, das Positive herauszukitzeln und immer wieder aufs Neue zu ermutigen. "Mut gehört dazu", sagt Hirsch. "Denn natürlich macht es Angst, etwas Neues auszuprobieren."

Timo Zabel hat die Mutprobe bestanden, sich bei seinen 80 Kollegen einen guten Stand erarbeitet. Selbst wenn es mal Überwindung kostet, in aller Herrgottsfrühe oder spätabends in der Firma zu erscheinen. Zabel arbeitet in drei Schichten, im wöchentlichen Wechsel von sechs bis 14 Uhr, 14 bis 22 Uhr oder 22 bis 6 Uhr. An die 30 000 Kisten Brause, Wasser, Tee und Fruchtsäfte werden in Hohenschönhausen pro Tag umgeschlagen. Alle sechs Wochen muss Zabel die ungeliebte Schulbank drücken. Doch nun hat er sich einen Notendurchschnitt von 1,3 erarbeitet - weil er ein Ziel hat: "Ich möchte Schichtleiter werden", sagt er selbstbewusst. "Ich übernehme gern Verantwortung."

Wissen weitergeben

Mit seinem Mentor Markus Donat bespricht er regelmäßig die nächsten Schritte: etwa wann er ansprechen könnte, dass er seine Ausbildung um ein Jahr verlängern will, um als Fachkraft für Lagerlogistik abzuschließen. Markus Donat sagt, auch er profitiere von den Zusammenkünften: "Sie haben meinen Blick erweitert. Gerade wenn wir Nachwuchs für den technisch-gewerblichen Bereich suchen, werden wir neben Schulnoten stärker auf praktische Fähigkeiten achten."

Timo Zabel will etwas von dem weitergeben, was er selbst bekommen hat. Anfang Dezember hat er selbst einen "Jobling" unter seine Fittiche genommen: den 23-jährigen Andreas*. Bei ihm läuft das Training nicht so rund: Bereits nach wenigen Tagen hat er sein Praktikum abgebrochen, weil er Angst hatte, die Erwartungen des Werkstattleiters nicht zu erfüllen. "Ich werde ihm weder eine Standpauke halten noch ihn mit Samthandschuhen anfassen", sagt Timo Zabel. "Ich versuche, für ihn da zu sein." Ein Vorbild wolle er sein, Andreas zeigen: "Ich habe es geschafft, warum solltest du das nicht können?"

Genau diese Art der passiven Präsenz sei es, die viele Jugendliche benötigten, sagt Joblinge-Koordinator Michael Hirsch. Für alles Weitere fühlt sich Hirsch zuständig. Er will Andreas Nachhilfe in Mathematik vermitteln, um die im Betrieb beanstandeten Lücken zu schließen, und ihm bei der erneuten Orientierung und Suche nach einem neuen Praktikumsplatz behilflich sein. Vielleicht auch in einer anderen Sparte: "Die Jugendlichen, die zu uns kommen, kennen gerade mal zehn Ausbildungsberufe", sagt Hirsch. "Dabei gibt es in Deutschland über 300." Bei den "Joblingen" wurden Karrieren vom Tischler über den Lebensmitteltechniker bis hin zum Altenpfleger gestartet.

"Es macht mich glücklich zu sehen, wie sich die Jugendlichen durch kleine Impulse Schritt für Schritt zu aufgeschlossenen und selbstbewussten Persönlichkeiten entwickeln", sagt Hirsch. "Das zieht teilweise Kreise bis ins Private." Auch bei Timo Zabel. Diana heißt die Glückliche, die er am 1. Juli heiraten will.

Den Segen seines Mentors hat er: "Diana ist prima, sie glaubt an Timo", sagt Markus Donat, der die beiden neulich gemeinsam getroffen hat. Und auch die weiteren Pläne des Paares will er gern unterstützen. Weil es Diana in ihre Heimat nahe Karlsruhe zurückzieht, hat sich Timo Zabel schon nach den Jobchancen am dortigen Standort von Coca Cola erkundigt. "Das ist doch toll, wenn junge Leute so mobil sind", freut sich Markus Donat.

*Name geändert