Berliner Familienbeirat

Wunschzettel an Wowereit

Etwas ist anders als sonst bei diesem Pressetermin im Roten Rathaus. Als der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Mittwoch den 200 Seiten starken Familienbericht 2011 des Berliner Familienbeirats entgegennimmt, befinden sich unter den Zuhörern auch zwei Babys.

Sie scheinen sich zwar nicht brennend für die Reden von Wowereit, Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) und den Vorsitzenden des Berliner Familienbeirats, Peter Ruhenstroth-Bauer, zu interessieren, dennoch geht es um sie, zumindest indirekt. Eine der Hauptempfehlungen lautet nämlich, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch weiter verbessert werden muss. Besonders für berufstätige Eltern mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten und in den Schulferien gebe es nach wie vor nur wenig Unterstützung. Hier seien auch die Arbeitgeber aufgefordert, familienpolitisches Engagement in ihren Unternehmen weiter auszubauen, sagte Ruhenstroth-Bauer.

Damit spricht der Vorsitzende des Berliner Familienbeirats zumindest Familie Böhnke aus Lichterfelde-West aus der Seele. "Auf dem Gebiet ist noch einiges zu tun", sagt Olaf Böhnke, berufstätiger Vater von drei Kindern. Seine Familie hat sich am Online-Dialog beteiligt, den der Familienbeirat mehrfach organisiert hat, und in den formulierten Wünschen vor allem flexible Betreuungszeiten in den Fokus gestellt. Gerade arbeitende Eltern von Schulkindern seien darauf angewiesen, dass der Ganztagsbetrieb weiter ausgebaut wird. "Und auch Eltern von Kita-Kindern brauchen mehr Flexibilität", sagt Olaf Böhnke. "Eine Betreuung bis 17 Uhr, wie die meisten Kitas sie anbieten, ist für viele Berufstätige einfach zu kurz." Außerdem, so der Familienvater weiter, sollten Besserverdienende auf die beitragsfreien Kita-Jahre verzichten. "Ich würde zum Beispiel gern auch für die letzten drei Kita-Jahre bezahlen, wenn das Geld bei den Kitas ankäme und die Qualität der Betreuung so verbessert werden kann."

Doch die Forderungen in der Studie "Zusammenleben in Berlin" des Berliner Beirats gehen noch weiter. Auf der Agenda steht auch die Unterstützung bei der Pflege Angehöriger. Die Frage, wie sich Beruf und Familie miteinander vereinbaren ließen, beschränke sich viel zu sehr auf junge Familien mit Kindern. Aufgrund der demografischen Entwicklung gewinne aber die Betreuung von älteren Angehörigen zunehmend an Bedeutung.

Der Familienbeirat wurde vor drei Jahren vom Senat ins Leben gerufen, mit dem Auftrag, einen Familienbericht zu erstellen. Peter Ruhenstroth-Bauer hat dazu Akteure an einen Tisch gebracht, die vor allem in der Praxis mit Familienthemen zu tun haben, auch wurden viele Berliner Familien direkt nach ihren Problemen im Alltag befragt.

Vor allem die Bildung ihrer Kinder liegt vielen Eltern am Herzen. Und hier sieht der Familienbeirat auch noch Defizite. So mahnt er für Kinder mit Migrationshintergrund eine stärkere Sprachförderung an und kritisiert die hohe Quote von Schulabgängern ohne Abschluss. So haben im vergangenen Schuljahr 36 Prozent der Hauptschüler, 32 Prozent der Förderschüler und 23 Prozent der Gesamtschüler ohne ein Abschlusszeugnis die Schule verlassen. "Das können wir uns nicht leisten", sagte Ruhenstroth-Bauer.

Zugleich gebe es aber auch viele positive Entwicklungen in Berlin. Der Beirat lobt das Engagement des Arbeitskreises Neue Erziehung, der die Elternbriefe herausgibt und Eltern auch über das Internet unterstützt. Auch Initiativen wie der "Papaladen" in Prenzlauer Berg oder die "Stadtteilmütter" in Neukölln würden viele neue Impulse geben. Das Problem sei, dass die Vernetzung einzelner Projekte noch kaum erfolgt sei und daher gute Beispiele kaum über Bezirksgrenzen hinaus eine Breitenwirkung bekommen.

"Familienbericht 2011" im Internet unter www.familienbeirat-berlin.de