Am Freitag ist "Weltknuddeltag"

"Seine Umarmung macht mich glücklich"

Arndt Müller legt Manuela Prokoph beide Arme um die Schultern. "So ungefähr haben wir uns umarmt, als wir nur befreundet waren", sagt er. "Und so ... so umarmen wir uns jetzt." Er umschließt seine zierliche Freundin mit beiden Armen und drückt sie fest an sich. Umarmen gehört für das Paar zum gemeinsamen Leben wie Essen, Arbeiten und Schlafen. Umarmungen sind für beide zum festen Ritual geworden.

"Sie sind so innig und häufig wie möglich. Wir können uns gar nicht oft genug berühren", sagt der 39-Jährige. Ungefähr zehnmal am Tag, besonders oft am Wochenende, nähmen sie sich in den Arm. Es gebe tröstende Umarmungen, herzliche Umarmungen oder, wie Arndt Müller es nennt, "Warte-Umarmungen": "Wenn man zum Beispiel im Fahrstuhl steht und sich aneinanderkuschelt, weil man gerade nichts Besseres zu tun hat."

Manuela Prokoph und Arndt Müller könnten Werbung machen: Werbung für den "Weltknuddeltag", der am Freitag zum 25. Mal stattfindet. Sein Erfinder ist Pfarrer Kevin Zaborney aus Michigan, USA. Er hatte in den Achtzigern die Idee zu einem "National Hugging Day". "Mir wurde klar, dass es eigentlich keinen Tag gibt, der für Umarmungen zwischen Familienmitgliedern oder Freunden wirbt", sagt Kevin Zaborney. "Wir leben in einer Welt, die stark durch das Internet verbunden ist, Freundschaften werden mit sozialen Netzwerken erhalten." Das sei großartig, aber es sollte trotzdem positive Erfahrungen der menschlichen Berührung geben. Auch hierzulande wird der Weltknuddeltag immer bekannter. Am Breitscheidplatz und am Alexanderplatz standen vor einem Jahr Menschen mit großen Schildern, auf denen sie "Free Hugs" anboten. Der 21. Januar eignet sich als Datum hervorragend, denn meist ist es an diesem Tag trübe und grau. Vielen schlägt das Wetter aufs Gemüt - ein guter Grund für mehr Umarmungen.

Mindestens dreimal täglich

Zaborney selbst umarmt seine Frau und seinen Sohn täglich. "Es ist wundervoll, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, als Erstes 'Daddy!!!' höre - und dann eine große Umarmung bekomme." Weil ihn diese Erfahrung so glücklich macht, will er andere dazu ermutigen, sich bewusst öfter zu umarmen. Er habe gehört, mindestens drei Umarmungen pro Tag brauche jeder Mensch. "Aber ich bin der Meinung, es sollte kein Limit geben. Trotzdem sollte jeder vorher fragen, ob er eine Umarmung haben möchte. Wozu ich die Menschen ermutige, ist ein nicht-sexuelles, freiwilliges Umarmen."

Bei Manuela Prokoph und Arndt Müller ergab sich das Umarmen ganz natürlich. Es ist fast schon symbolisch für den Verlauf ihrer Beziehung. Kennengelernt haben sich die beiden 2007 an ihrem Arbeitsplatz. "Anfangs hielten wir eine Art Arbeitsabstand ein", sagt Arndt Müller. Dann trafen sich die zwei über ihren Bekanntenkreis auch privat, umarmten sich locker und unverbindlich. "Allmählich wurden die Umarmungen immer enger. Erst haben sich unsere Wangen berührt, dann unsere Oberkörper." Bis aus ihrer Freundschaft eine Partnerschaft wurde. Seit 2009 sind der Entwicklungsingenieur und die 33 Jahre alte Wirtschaftsjuristin zusammen und über beide Ohren verliebt. Im Juni wollen sie heiraten.

Auch für Juliane Günther und Christian Plagemann gehört das Umarmen und Knuddeln unbedingt zu ihrer Beziehung dazu. Mindestens einmal am Tag wollen sich die beiden drücken. "So eine Umarmung kann bis zu einer Minute dauern und ist eine richtige Gefühlsumarmung. In solchen Momenten fühle ich mich sehr wohl, sehr beschützt und sicher", sagt die 30 Jahre alte Eventmanagerin. Sie kann auf diese Weise ihrem Freund zeigen, wie es ihr gerade geht - und spürt zugleich seine Verfassung. "Wenn ihn etwas bedrückt, dann lässt er sich richtig bei mir fallen. Das merke ich an seinem Atmen."

Die Entspannung sei ein wesentlicher Effekt des Umarmens, sagt Diplom-Psychologe Jan Wolter. "Bei Umarmungen wird das körpereigene Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Es hilft, Stress abzubauen. Wir werden entspannter, selbstsicherer und können loslassen." Jede Art der positiven Berührung wirke zudem anregend: "Französische Forscher haben festgestellt, dass Schüler sich im Unterricht häufiger meldeten, wenn sie vorher am Arm berührt wurden", sagt Wolter. Die vielleicht stärkste Wirkung, die eine Umarmung haben kam, ist die zwischen Mutter und Neugeborenem. "Die liebevolle Berührung gibt dem Kind Vertrauen und lässt bei der Mutter die Milch einschießen." Sie gibt Schutz und ist einer der Gründe, warum wir uns im späteren Leben gern Umarmungen hingeben. "In dem Moment, in dem Menschen eine herzliche Umarmung bekommen, erfahren sie Halt im Alltagsstress", sagt Wolter.

Die Familie legt den Grundstein

Auch Wissenschaftler der kalifornischen Berkeley-Universität haben sich mit dem Umarmen und Berühren beschäftigt und interessante Ergebnisse erzielt. So sind im Mannschaftssport die Teams erfolgreicher, wenn sie sich vor ihren Spielen oder in den Pausen kameradschaftlich berühren, also umarmen oder abklatschen. Dabei haben alle Kulturen der Welt ein unterschiedlich starkes Bedürfnis, Körperkontakt zu zeigen. Während in asiatischen Ländern körperliche Zuneigungsbekundungen in der Öffentlichkeit eher verpönt sind, werden sie in emotionalen Kulturen wie zum Beispiel in Südamerika offener ausgedrückt. Grundsätzlich gilt: Bekommen Menschen viel Körperkontakt in ihrer Familie vorgelebt, sind sie besser in der Lage, diese Art der Zuneigungsbekundung an andere weiterzugeben.

"Die Sprache der Umarmung ist die älteste Sprache der Welt. Es gab sie schon vor den Wörtern", zitiert Psychologe Wolter aus dem Werk "Umarme mich, geliebte Seele" der israelischen Dichterin Michal Snunit. Er findet, dass es gar kein Zuviel an Wärme geben kann und eine Umarmung der perfekte Ausdruck ist. Das sehen Juliane Günther und Christian Plagemann ähnlich. Und stellen schlicht fest: "Umarmen macht glücklich."