Elterninitiativ-Kita

Keine Angst vor Kinderlärm

Die hellen Kinderstimmen sind schon von Weitem zu hören, wenn man in den Karmeliterweg in Frohnau einbiegt. An diesem Vormittag sind es die einzigen Geräusche, die von menschlichem Leben in diesem ruhigen Villenvorort zeugen. Keine Autos, keine Passanten, keine Bewohner in ihren Gärten. Zwischen den hohen Bäumen leuchtet ein rotes Schwedenhaus, das aussieht wie aus einem Buch von Astrid Lindgren.

Davor spielen zwei Dutzend Kinder. Sie klettern, schaukeln, buddeln oder fahren mit dem Dreirad im Kreis. Gabriele Pollert steht zwischen dem Treiben auf dem Spielplatz und betrachtet den Baufortgang ihres neuen Eigenheims auf dem Nachbargrundstück. Sie kennt jedes Kind beim Namen und erklärt ihnen gern das Baugeschehen. Ein Jahr lang hat die Kita des Vereins Senfkorn nach geeigneten Räumen in Frohnau gesucht, doch niemand wollte die tobenden Kinder in direkter Nachbarschaft haben.

Gabriele Pollert ergriff die Initiative, kaufte ein Grundstück und ließ gemeinsam mit ihrem Mann aus eigener Tasche ein Haus für 30 Kinder errichten. Das Engagement von Gabriele Pollert für die Elterninitiativ-Kita hatte bereits vor fünf Jahren begonnen. Als Projektmanagerin hatte sie den Eltern geholfen, eine Einrichtung nach ihren Vorstellungen zu eröffnen. Die 55-Jährige ist Pädagogin und Ökonomin und hat sich auf die wirtschaftliche und inhaltliche Beratung von pädagogischen Projekten spezialisiert.

Gemeinsam mit den Eltern hat sie ein Konzept entwickelt, das auf die Grundsätze der Montessori-Pädagogik, auf eine bilinguale deutsch-englische Erziehung sowie auf christliche Werte setzt. Zunächst kam die Kita im Räumen des Kulturzentrums Bagatelle unter. "Doch schnell stellte sich heraus, dass die Kinder sich nicht mit den sonstigen Veranstaltungen im Haus vertrugen", sagt Gabriele Pollert. Im Klartext heißt das: Die tobenden Kinder störten die kulturellen Angebote für die Senioren im selben Haus.

Raumsuche als größte Hürde

In Berlin ist das kein Einzelfall, gerade die Raumsuche ist für viele Elterninitiativen die größte Hürde bei der Gründung einer Kindertagesstätte. Das bestätigt auch Roland Kern, der Vorsitzende des Dachverbandes Kinder- und Schülerläden, der solche Elterninitiativen berät. Landeseigene Immobilien seien in den Bezirken kaum noch verfügbar, und Privateigentümer würden sich ungern einen ganzen Kindergarten ins Haus holen. Die wenigsten Träger können sich jedoch einen Hausbau leisten.

"Wir waren vielleicht etwas naiv, als wir die Räume im Kulturhaus kündigten, zu glauben, dass wir innerhalb eines Jahres Ersatz finden würden", sagt Gabriele Pollert, die ehrenamtlich im Vorstand der Kita arbeitet. Die beauftragten Immobilienmakler in Frohnau hatten den Eltern allerdings von Anfang an keine große Hoffnung gemacht. Tatsächlich war es so, dass die Verhandlungen um alle infrage kommenden Immobilien letztlich scheiterten. "Die Besitzer wollten zwar nicht als kinderfeindlich dastehen, hatten aber Angst vor Beschwerden aus der Nachbarschaft", sagt Gabriele Pollert. Schließlich rückte der Kündungstermin immer näher, ohne dass es eine Aussicht auf eine neue Bleibe für die Kinder gegeben hätte.

Gabriele Pollert fasste einen ungewöhnlichen Entschluss. "Mein Mann und ich wollten ohnehin ein Grundstück in Frohnau kaufen, um dort zu bauen", erzählt die Projektmanagerin. Sie konnte ihren Mann, der im Vorstand eines großen Unternehmens sitzt, überzeugen, gleich ein doppeltes Grundstück zu kaufen und die Kita im eigenen Garten aufzunehmen. "Uns stört der Kinderlärm nicht", sagt sie. Im Gegenteil. "Die Kinderstimmen bedeuten Leben. Wenn wir wollen, dass die Menschen Kinder bekommen, müssen wir auch den Lärm wollen", sagt die 55-Jährige. Sie selbst habe zugunsten der Karriere auf Kinder verzichtet, weil die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in ihrer alten Heimat Baden-Württemberg nicht so einfach gewesen sei. Mit ihrem Engagement für die Kita will sie es den Frauen heute leichter machen, sich für ein Kind zu entschieden. Schließlich würden noch immer gerade Frauen, die erfolgreich im Beruf sind, oft auf Nachwuchs verzichten.

Durch das neue Haus hat die Kita nun doppelt so viel Platz. Die Öffnungszeiten wurden verlängert, nun ist Ganztagsbetreuung möglich. Vorher mussten die Kinder bis 15 Uhr abgeholt werden, weil in dem Kulturhaus nachmittags eine Musikschule unterrichtete. Durch die zusätzlichen Räume können nun außerdem auch Kinder im Krippenalter unter drei Jahren aufgenommen werden. "Diese beiden Kriterien waren uns wichtig", sagt Gabriele Pollert. Die Nachfrage gibt ihnen Recht. Schon jetzt existiert eine Warteliste für die Villa Kunterbunt, die erst im September vergangenen Jahres bezugsfertig war.

Stress mit den Nachbarn habe es bisher nicht gegeben, sagt Gabriele Pollert. Von Anfang an habe sie Gespräche mit den Bewohnern in der Umgebung geführt. Die Überzeugungsarbeit sei gar nicht so schwer gewesen, schließlich gebe es auch handfeste Argumente für einen Kindergarten. "Am Abend und an den Wochenenden ist die Ruhe hier garantiert", sagt sie. Zur Eröffnung gab es dann einen Tag der offenen Tür, damit die Nachbarn die Kinder, Eltern und Erzieher kennenlernen konnten. Im Inneren des zweistöckigen Holzhauses finden sich noch Provisorien. Viel Mobiliar wurde neu gekauft, doch alles auf einmal war nicht drin.

Insgesamt 500 000 Euro sind bisher aus dem Privatvermögen von Gabriele Pollert in das Haus geflossen. Der Kita zahlt eine vergleichsweise moderate Miete, die nicht die Summe übersteigt, die sie auch für die Räume in dem Kulturhaus zahlen musste. "Mein Mann und ich sehen darin eher eine langfristige Investition", sagt Gabriele Pollert.

Mit Buntstiften verzierte Grundrisse

Die fünfjährige Helene ist begeistert von dem neuen Haus. "Ich bin am liebsten im Bewegungsraum", sagt das zierliche, lebendige Mädchen. Ausgerechnet der Bewegungsraum ist noch gar nicht eingerichtet. Doch wann finden die Kinder schon mal ein leeres Zimmer vor, in dem sie ihrer Fantasie freien Raum lassen können? An den Wänden hängen technische Zeichnungen mit dem Grundriss des Hauses, die mit Buntstiften von den Kindern verziert wurden. "Es ist toll, wenn man den Grundriss so mitgestalten kann, dass er zum Konzept passt", sagt auch die Leiterin der Einrichtung, Angela Saffran. Es gibt eine eigene kindgerecht eingerichtete Küche, in der die Erzieher gemeinsam mit den Kindern backen oder kochen können. Die Toiletten sind behindertengerecht, und die Gruppenräume können bei Bedarf geteilt werden, sie verfügen über eine durch Erdwärme gespeiste Fußbodenheizung. Doch Leiterin Angela Saffran freut sich vor allem auf den Frühling: Denn dann kann sie gemeinsam mit den Kindern die Gestaltung des Gartens in Angriff nehmen.