Zukunftsvision

Mein Berlin in 60 Jahren

Wie werden wir hier in Berlin leben im Jahr 2071? Werden Monster aus CO2-Ozeanen oder aus dem mit Plastikmüll verseuchten Meer emporsteigen? Werden wir um Trinkwasser und Lebensraum kämpfen müssen? Diese und andere Ideen spielt die Winterakademie des Theaters an der Parkaue in unterschiedlichen Laboren mit Kindern und Jugendlichen durch.

Alltag in der Zukunft soll simuliert werden, unter einer Grundvoraussetzung: Berlin liegt dann am Meer.

Die Schüler Anna und Alexandra Priesterath und Lenz Lengers werden auf der Zeitreise der Winterakademie dabei sein. Wie finden sie die Vorstellung, dass Berlin in 60 Jahren am Meer liegt? Das Meer mögen sie alle drei, da sind sie sich einig. In Berlin muss es aber nicht sein. Denn selbst die beiden Achtjährigen, Anna und Lenz, denken bei dieser Vision mit, dass ein maritimes Berlin Veränderungen mit sich bringt, die sie nicht in Kauf nehmen wollen. Zumindest dann nicht, wenn das Meer einen Teil des gewohnten Lebensraums verschluckt. "Wenn das Folgen hat, wenn bestimmte Dinge nicht mehr da sind, die ich mag, dann möchte ich das nicht", sagt Lenz bestimmt.

Angst vor Veränderungen

Auf dem Plakat zur 6. Winterkademie sind drei Kinder auf einem Schiff zu sehen. Der Blick, den ein kleiner Junge und ein Mädchen über die Reling auf ein Berlin am Meer werfen, ist skeptisch. "Neben der Lust auf ein Leben am Meer mit Sommer, Sonne und Strand schwingt noch etwas anderes mit: Es ist die Angst vor gravierenden Veränderungen, die mit einem Klimawandel einhergehen", sagt Sascha Willenbacher, Leiter der Winterakademie. Der Theaterpädagoge und Dramaturg weiß, dass die Zukunftsvision, die sein Theater vom Leben in Berlin im Jahr 2071 entworfen hat, zwiespältige Gefühle bei den Teilnehmern hervorruft.

Von Klima und Klimawandel hat Lenz schon gehört: "Das kenne ich, das sagen die ganz oft in den Kindernachrichten" erklärt er, und Anna fügt mit ernster Stimme hinzu: "Das kommt vom CO2 und von den Autos". Mit diesem Wissen ist sie weiter als viele Gleichaltrige, schließlich steht Klimawandel nicht auf dem Schullehrplan für ihre Altersgruppe.

Vorkenntnisse wird nicht jeder der 8- bis 20-jährigen Teilnehmer der Winterakademie haben. Im Vorfeld sollen Naturwissenschaftler den Kindern und Jugendlichen einen Überblick über Klimawandel und Erderwärmung geben. Die Verbindung von Kunst und Naturwissenschaft hilft ihnen dabei, sich mit künstlerischen Mitteln naturwissenschaftlichen Themen zu nähern. Dabei geht es nicht darum, die Teilnehmer als Klimaexperten zu entlassen, sondern "sie werden lernen, dass es Leute gibt, die sich damit beschäftigen, und eine Ahnung davon bekommen, was Klimawandel ist und welche Folgen das hat", erklärt Willenbacher. Diese Ahnung sollen die Kinder dann in die kreative Arbeit in den von Künstlern betreuten Laboren einfließen lassen.

Losgelöst von dem Theater-Projekt sind vor allem die beiden jüngeren Teilnehmer fest im Hier und Jetzt verankert. Gedanken an die eigene Zukunft liegen ihnen fern. 60 Jahre später - das liegt so weit weg, dass Lenz meint, "da bin ich ja schon 68, da bin ich eigentlich gar nicht mehr da." Anna verstummt und sieht auf den Boden auf die Frage hin, ob sie sich vorstellen kann, wie sie in 60 Jahren leben wird. Ihre 14-jährige Schwester Alexandra meint: "Na ja, so richtig nicht. Das sich das Leben verändert, das ist ja klar. Ich werde in 60 Jahren wahrscheinlich ganz hässlich aussehen", sagt das Mädchen und wirft die langen Haare hinter die Schulter, "und vielleicht gibt es dann hier so wie in New York viel mehr Hochhäuser." "Auf jeden Fall", da ist sie sich sicher, "möchte ich nicht als Pessimistin durchs Leben gehen, dann ist man ja ganz draußen."

Pessimisten will auch die Winterakademie nicht aus ihrer Veranstaltung entlassen. In den zehn Laboren ist die Zukunft bereits angekommen. Das Projekt macht den Kindern und Jugendlichen konkrete Vorgaben und eröffnet ihnen Spielfelder. Die Teilnehmer sind zum Beispiel gefordert, Lösungsansätze und Strategien für eine Stadt im Wasser zu entwickeln, wie im "The Foresight Company" Workshop, sich im "Suchquadrat 2011" einer Forschergruppe des Jahres 2071 anzuschließen oder im "Monsterclub" eigene Monster, die dem Meer um Berlin entsteigen könnten, zu kreieren. Und auch wenn Lenz sich wünscht, dass sein Leben zu Hause "so bleiben soll wie es ist", merkt man deutlich, dass der Ausblick auf die kreative Arbeit in den Laboren den Kindern Flügel verleiht.

"Ich war doch nie in den Bergen"

Darauf freuen sich die drei Winterakademie-Teilnehmer jetzt schon. Lenz kann es kaum abwarten, im Labor 1 ein Wettermacher-Konzert zu veranstalten. Die Wettermusikmaschine, die er dafür bauen wird, soll, wie er in Gesten andeutet, aus Blitzewerfern, Kühlschränken und Mikrofonen konstruiert werden. "Das wird bestimmt lustig", sagt er.

Alexandra liebt es zu schauspielern, das hat sie schon bei den letzten Winterakademien herausfinden können. Diesmal kann sie vielleicht eine Wettermoderatorin im Jahr 2071 spielen. Im Labor 8 "Tendenz steigend" werden nämlich die Teilnehmer mit Live-Kamera und Green Screen dreidimensionale Wetterszenarien für Berlin kreieren und in ihrer eigenen Wettershow auftreten.

Auch ihrer Schwester Anna gefällt der Rollentausch, am liebsten würde sie in die Rolle eines Erwachsenen der Zukunft schlüpfen. Im Labor 2 wird sie einen Zeit-Tausch-Pakt mit den Erwachsenen schließen. Darin bestimmen Kinder, was Erwachsene 2011 einen Tag lang tun sollen, damit die Erde bewohnbar bleibt "Dann kann ich auch mal sagen, wie alles sein soll", freut sie sich und lächelt zum ersten Mal. Im Gegenzug schenken die Kinder den Erwachsenen einen Tag im Jahr 2071, für den die Erwachsenen festlegen dürfen, was erhalten bleiben soll.

Der Verluste, die sie selbst nicht hinnehmen wollen, sollte das Meer oder andere Umweltveränderungen wirklich eines Tages einen Teil ihrer Stadt verschlucken, sind sich Anna, Lenz und Alexandra ganz bewusst. Dabei denkt die 14-jährige Alexandra auch über Berlin hinaus. "Dann wären ja die Niederlande weg, die liegen ja unter dem Meeresspiegel." Aber am meisten Sorge macht ihr, dass sie in einer veränderten Umwelt Dinge nicht mehr machen kann, die jetzt noch möglich sind. "Ich war doch auch noch nie in den Bergen", stellt sie plötzlich fest. "Da möchte ich auf jeden Fall noch hin." "Meine Schule", ruft Lenz, "die soll bleiben und natürlich unser Haus." Und Anna möchte niemals auf den Fernsehturm verzichten - "denn den mag ich doch so".