Bildungschance

Studentin Nummer eins

Nuray Hirik strahlt Zuversicht aus. Sie lacht viel, spricht selbstbewusst von ihrer Zukunft und wirkt konzentriert, wenn sie von ihrem Studium erzählt. Sie studiert Wirtschaftsingenieurwesen, stammt aber aus einer Familie, die keinen akademischen Hintergrund hat. Auch in ihrem Umfeld gehört es nicht zur Regel, eine Universität zu besuchen. Und obwohl ihr studierende Vorbilder in nächster Nähe fehlen, ist die 19-Jährige überzeugt: "Der Weg, den ich gehe, ist der richtige."

Nuray gehört zu den wenigen Nichtakademikerkindern, die sich in Deutschland an eine Universität wagen. Noch immer sind die Bildungschancen stark von der sozialen Herkunft abhängig: Nur 24 von 100 Nichtakademikerkindern trauen sich, ein Hochschulstudium zu beginnen, hat das Deutsche Studentenwerk in seiner Sozialerhebung des Jahres 2010 herausgefunden. Demgegenüber studieren von 100 Akademiker-Kindern 71. "Vielleicht bin ich einfach neugieriger als andere", erklärt die junge Frau aus Schöneberg ihre Lust auf ein Studium. Vielleicht spielt aber auch die Unterstützung eine Rolle, die sie zur richtigen Zeit erhielt.

Gute Noten in der Schule

Nuray hatte schon in der Schule gute Noten. Am Hermann-Hesse-Gymnasium in Kreuzberg machte sie im vergangenen Jahr ihr Abitur. Doch schon zwei Jahre vor dem Schulabschluss hatte sie Gelegenheit, ihre beruflichen Perspektiven auszuloten: als Teilnehmerin des "Studienkompass", eines Förderprogramms, das unter anderem von der "Stiftung der Deutschen Wirtschaft" und der "Deutsche Bank Stiftung" ins Leben gerufen wurde. Drei Jahre lang werden die Schüler von Trainern betreut: zwei davon in der Schule, das dritte an der Universität - zum Eingewöhnen.

An der Schule erfuhr Nuray, welche Möglichkeiten sich ihr bieten, und sie konnte herausfinden, welches Fach zu ihr passt. "Die Seminare haben mir geholfen, meine Stärken zu entdecken. So ist die Gefahr geringer, dass man sein Studium wieder abbricht", sagt Nuray. Linguistik, Informatik und Wirtschaftsingenieurwesen weckten ihr Interesse. "Ich habe mich dann für Wirtschaftsingenieurwesen entschieden." Weil "es vielseitig ist und irgendwie passte", sagt die junge Frau, die in der Schule Begabung in Mathematik und Physik gezeigt hatte.

Heute besucht Nuray die Beuth-Hochschule in Wedding im ersten Semester. Viermal in der Woche geht sie zu Seminaren, die um 14 Uhr beginnen und bis in den späten Abend hinein dauern. Sie konzentriert sich auf den Schwerpunkt Bau, wozu auch Kurse in Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, Baustoffkunde und Technischer Mechanik gehören. "Es macht mir wirklich Spaß, vieles wird auf Englisch unterrichtet", sagt Nuray. Für ihren Bachelor braucht die junge Frau sieben Semester. Doch sie denkt schon weiter: Im Anschluss will sie ihren Master an der Technischen Universität in Berlin oder Cottbus machen - und vielleicht eines Tages als Stadtplanerin arbeiten.

"Meine Freundinnen konnten mich anfangs überhaupt nicht verstehen", erzählt Nuray. "Wir sind zwar in der Schule zusammen in die Seminare vom Studienkompass gegangen, aber ich weiß nicht, warum die Botschaft nicht bei ihnen angekommen ist." Nuray erklärte ihren Freundinnen dann am eigenen Beispiel, warum ihr ein Studium wichtig ist. "Sie begannen, mich zu verstehen, und inzwischen studieren zwei von ihnen selbst."

Nurays Eltern sagen, dass sie nicht stolzer sein könnten auf ihre Tochter. Sie stammen aus der Türkei, Nuray ist das erste von fünf Geschwistern. Vater Gökhan Hirik, 43, ist gelernter Maschinenschlosser und arbeitete 18 Jahre lang bei Osram in Berlin. Seit 2005 ist er Hartz-IV-Empfänger. Nurays Mutter Nurten Hirik, 37, ist Hausfrau. Sie sind vor allem deswegen so stolz, weil zunächst alles ganz anders ausgesehen hatte. Nach der Grundschule hatte das Mädchen eine Realschulempfehlung bekommen, alle anderen Kinder ihrer Klasse eine für das Gymnasium. Das macht Nurten Hirik heute noch wütend. "Ich kannte nicht nur ihre Noten, sondern vor allem ihre Stärken." Die Mutter setzte sich durch: Nuray kam auf das Gymnasium. Und blieb dort - während viele andere den Zweig nach dem ersten Halbjahr wieder verlassen mussten.

Nurays Eltern unterstützen ihre Tochter, so gut sie können, und versuchen, sich in die neue akademische Welt hineinzudenken, in der sie sich bewegt. Seminare, Kurse, Vorlesungen, Hausarbeiten - sie motivieren, wo es nötig ist. Sie sei einst auch so wissbegierig gewesen wie ihre Tochter, erzählt Nurten Hirik. Nach der Schule hatte sie eine Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Assistentin begonnen. Doch mit 17 heiratete sie und wurde mit Nuray schwanger. Da blieb keine Zeit, die Ausbildung fortzusetzen.

Vorbild für die Schwestern

Wenn es nach den Eltern geht, soll sich Nuray so lange weiterbilden, wie es möglich ist. "Früher war man der Meinung, die Kinder sollten möglichst schnell eine Ausbildung machen und auf eigenen Füßen stehen", sagt Gökhan Hirik. "Heute ist wichtig, dass sie einen guten Beruf haben, der ihren Leistungen entspricht." Und zum Heiraten, ergänzt Nurten Hirik lächelnd, bleibe noch genügend Zeit.

Zunächst einmal ist Nuray schließlich Studentin - und das Vorbild, das sie selbst nie hatte. Ihre Schwestern Nilay (16) und Hilal (14) schauen stets sehr interessiert, wenn Nuray nach Hause kommt. "Nilay fragt mich jetzt immer öfter, wie es so läuft im Studium und was ich da mache. Ich scheine sie zu motivieren, selbst nach der Schule zu studieren. Sie sagt: 'Wenn du das schaffst, Nuray, schaffe ich das auch'."