Heinz Buschkowsky

"Kein Kindergeld mehr für Schulschwänzer"

In Berlin-Neukölln sind die zugezogenen Migranten nie wirklich angekommen. Tradierte Erziehungsmuster verhindern auch das Einleben der folgenden Generationen. Das sagt Bürgermeister Heinz Buschkowsky über seinen Bezirk. Mit finanziellen Sanktionen bei den Sozialleitungen will er der Integration nachhelfen.

Morgenpost Online: Neukölln gilt als der problematischste Bezirk Berlins. Warum?

Heinz Buschkowsky: Halten wir mal den Ball etwas flacher. Neukölln ist ein bunter und schillernder Bezirk mit ganz viel Tradition und starker Geschichte. Allerdings gibt es auch starke soziale Gegensätze und Nord-Neukölln mit seinen 160.000 Einwohnern wird zu Recht als sozialer Brennpunkt bezeichnet. Der Anteil der Migranten an der Bevölkerung liegt dort bereits bei 55 Prozent und der überwiegende Teil davon entstammt den bildungsfernen Schichten der Herkunftsländer.

Morgenpost Online: Was heißt das konkret?

Heinz Buschkowsky: Die Familien kommen aus Kulturkreisen mit einem Werte- und Sozialisationsgerüst, das von unseren mitteleuropäischen Zivilisationsnormen weit entfernt ist. Der Überlebenskampf, spartanische Existenzgrundlagen, Familienriten, Geschlechterrollen, Gewalt als Herrschafts- und Kommunikationsform haben sie in ihren Herkunftsländern geprägt. Und hier versuchen sie nun, ihr bisheriges Leben hinter verschlossenen Türen zu konservieren. Sie sind nie wirklich angekommen und, was viel schlimmer ist, durch die tradierten Erziehungsmuster verhindern sie die Integration ihrer Kinder.

Morgenpost Online: Kann Schule da noch erziehend entgegenwirken?

Heinz Buschkowsky: "Kinder lernen nicht durch, sondern trotz der Schule" lautet ein alter Lehrerwitz. Er meint, dass die Schule nur auf den Fundamenten des Elternhauses aufbauen kann, die Eltern die Arbeit der Schule also zumindest motivierend unterstützen müssen. Dort, wo das Elternhaus der Schulbildung gleichgültig bis ablehnend gegenübersteht, wird es auch für die Lehrer sehr schwer. Wenn der Sozialarbeiter auf die Frage nach dem Schulbesuch des Kindes auf Antworten stößt wie "Aus mir ist auch ohne Schule ein ganzer Mann geworden" oder "Meine Tochter soll eine gute Frau und Mutter werden, wozu braucht sie da die Schule?", dann müssen wir intervenieren.

Morgenpost Online: Und wie?

Heinz Buschkowsky: Zum Beispiel durch die Stadtteilmütter. Das sind Frauen aus dem gleichen Kulturkreis, die Einwandererfamilien beraten und betreuen. Sie schaffen Vertrauen und wirken als Vorbild und dadurch legen sie den Grundstein zur Teilhabe der Familien an der Gesellschaft. Und sie sind sehr erfolgreich. Weiterhin haben wir an allen Nord-Neuköllner Grundschulen Schulstationen eingerichtet und das Modellprojekt Campus Rütli ins Leben gerufen. Das sind aber alles nur Projekte, die Integrationspolitik durchaus begleiten, sie aber nicht ersetzen dürfen. Was wir brauchen, sind politische Weichenstellungen, die da lauten Kindergartenpflicht, Ganztagsschulen und konsequentes Einfordern von Regeln.

Morgenpost Online: Welche Regeln zum Beispiel?

Heinz Buschkowsky: Nehmen wir die Schulpflicht. Sie wird häufig nur als unverbindliche Empfehlung betrachtet. Ich sage da immer: Kommt das Kind nicht in die Schule, kommt das Kindergeld nicht auf das Konto. Die Leute müssen verstehen lernen, dass staatliche Leistungen auch mit der Erwartung einer Gegenleistung verbunden sind.

Morgenpost Online: Das heißt konkret?

Heinz Buschkowsky: Auch im sozialen Netz muss es Sanktionen geben können. Keine Prävention ohne Repression, sagen die Holländer. Was nutzen die besten Sprachtestvorschriften und Kinderschutzgesetze, wenn sie im konkreten Fall nicht durchgesetzt werden können, weil sie keine Sanktionsklausel enthalten? Als Motivationshilfe muss man da ansetzen, wo es weh tut, am Geldbeutel. Wenn wir uns im Straßenverkehr nicht richtig, gibt es auch Geldbußen. Blech und Parken sind uns wichtig. Aber wenn es um die Zukunft unserer Kinder geht, da ist Fehlverhalten egal.

Morgenpost Online: Ist auch unser Sozialsystem Schuld an der jetzigen Situation?

Heinz Buschkowsky: Für nicht wenige besteht die deutsche Gesellschaft aus dem Sozialsystem, das sie ernährt und versorgt. Hartz IV ist als alleinige Lebensgrundlage adaptiert, denn es garantiert einen Lebensstandard weit über dem des Herkunftslandes. Und damit sind viele auch zufrieden. In Neukölln-Nord beziehen je nach Wohngebiet zwei Drittel bis drei Viertel aller Kinder Hartz IV. Wir haben Schulen, in denen 90 Prozent der Eltern von der Zuzahlung bei den Lernmitteln befreit sind. Das heißt, in einer solchen Schule geht so gut wie kein Elternteil mehr arbeiten. Erwerbsleben spielt im Alltag zu Hause überhaupt keine Rolle, es ist weder Vorbild noch Motivation. Es findet in der Sozialisation der Kinder einfach nicht statt.

Morgenpost Online: Was kann man da tun?

Heinz Buschkowsky: Schwierige Frage. Es gibt bereits einen negativen Kreislauf. Wenn der Tag der Einschulung naht, verlassen viele Familien fluchtartig den Neuköllner Norden. Und mit jedem Möbelwagen verlässt soziale Kompetenz das Quartier. So entstehen mittelfristig Slums. Nicht mit Blechhütten oder offenen Fäkalienrinnen auf der Straße, aber hinter Wohnungstüren und in Köpfen. Kein schönes Thema.

Morgenpost Online: Trotzdem reden Sie offen darüber...

Heinz Buschkowsky: Totschweigen oder Schönreden haben noch nie ein Problem gelöst.

Das Gespräch führte Nicole Oppermann