Haushaltsorganisation

"Mit großer Scham besetzt"

Das HOT-Programm wurde vom Deutschen Caritasverband als Konzept zur Armutsprävention entwickelt. Die Horizont GmbH in Charlottenburg bietet seit zwei Jahren Trainings an. Beatrix Fricke sprach mit Geschäftsführerin Doris Wepler über die Erfahrungen.

Berliner Morgenpost: Warum hat Ihr Familienpflegedienst HOT eingeführt?

Doris Wepler: Unsere Familienpflegerinnen unterstützen Familien in Notsituationen, etwa wenn die Mutter erkrankt ist. Dabei haben wir festgestellt, dass viele Familien auch im normalen Alltag Hilfe bräuchten - beziehungsweise selbst lernen sollten, wie man einen Haushalt organisiert.

Berliner Morgenpost: Wo liegen die Schwierigkeiten?

Doris Wepler: Viele Mütter und Väter haben nie gelernt, was man tun muss, damit die Kinder und sie selbst saubere Kleidung, regelmäßige Mahlzeiten und eine gepflegte Wohnung zur Verfügung haben, und wie man mit Geld umgeht. Es fehlte ihnen im Elternhaus an Vorbildern. Bei anderen sind diese Kenntnisse durch eine Krise, etwa eine Depression, verschüttet. Mit der Zeit kommt das Problembewusstsein abhanden, man ergibt sich in sein Schicksal. Und wenn man im Chaos versinkt, ist das auch mit großer Scham besetzt. Da versteckt man sich lieber.

Berliner Morgenpost: Wo setzt die Hilfe von HOT an?

Doris Wepler: Wir versuchen alltagspraktische Dinge zu vermitteln. Gemeinsam mit der Familie entwickelt die Trainerin Haushaltspläne. Es nützt nichts, To-do-Listen aufzuhängen. Man muss zeigen, wie etwas geht, und alle Familienmitglieder einbeziehen.

Berliner Morgenpost: Arbeiten die Familien gern mit?

Doris Wepler: Einige Familien melden sich selbst beim Jugendamt und bitten um Hilfe. Bei anderen Familien ist der hygienische Zustand der Wohnung so kritisch, dass das Kind aus der Familie genommen werden müsste. In dieser Situation dient der Zwang als Motivation. Mit der Zeit aber merkt die Familie, dass alle sich in einer sauberen Wohnung und mit einem strukturierten Alltag wohler fühlen.

Berliner Morgenpost: Wie lange dauert ein Einsatz?

Doris Wepler: So ganz schnell geht es nicht, denn die Familie muss ja lange angelerntes Verhalten ändern. Einige Monate, vielleicht auch über zwei Jahre trainieren unsere Kolleginnen die Familie. In der Intensivphase können sie bis zu fünfmal in der Woche kommen, dann verringern sich die Termine bis hin zur Überprüfungsphase. Wenn etwas nicht gut läuft, wird analysiert, warum, und eine neue Lösung gesucht. Auch mit Rückschlägen müssen die Eltern lernen umzugehen.

Berliner Morgenpost: Gibt es Familien, die besonders krisenanfällig sind?

Doris Wepler: Jeder kann in eine Situation der Überforderung geraten - weil eine Krise jeden treffen kann. Aber natürlich ist Armut ein Problem. Manchmal fehlt sogar Geld, um Lappen zu kaufen. Viele Eltern sind langzeitarbeitslos und Hartz-IV-Empfänger. Sie haben oft keine Berufsausbildung und sehr oft Schulden.

Berliner Morgenpost: Warum ist es so wichtig, Ordnung in den Alltag zu bringen?

Doris Wepler: Genauso, wie äußeres Chaos oft auf eine innere Krise hinweist, hat das äußere Aufräumen Wirkung auf die innere Aufgeräumtheit. Gerade Kinder benötigen viel Struktur, um sich körperlich und geistig gesund entwickeln zu können. Sie brauchen regelmäßiges Aufstehen, Kita- und Schulbesuche, gesunde Ernährung, saubere Kleidung und Anregungen zum Spielen.