Haushaltsbuch

Die perfekte Haushälterin

Die Seiten waren vom ständigen Umblättern vergilbt und zerrissen, schon von außen konnte man die schlechten Monate von denen unterscheiden, die nicht ganz so mies waren. Es gab Wochen, da musste sie offenbar ohne Unterlass hin- und herblättern, nachrechnen und dann doch feststellen, dass gar nichts übrig geblieben war.

An manchen Stellen waren die Zahlen mit einem roten Stift unterstrichen, vielleicht Überflüssiges, der Eintrag "4 Knöpfe, br." sogar mit einem Ausrufezeichen versehen. Vier Knöpfe in der Farbe Braun, das war vielleicht das, was das Fass zum Überlaufen brachte. Nach dem Eintrag vom 23. Februar 1949 war das Geldsäckel offenbar leer, jedenfalls ist der Rest der Seite leer. Vielleicht hatten sie mit dem Nachbarn Kartoffeln gegen Milch und Butter getauscht, um über die Runden zu kommen.

Großmutters säuberlich geführtes Haushaltsbuch. In einem grauen Heft sind die Geschicke der Familie minutiös niedergeschrieben, vielleicht sogar präziser als in einem Tagebuch. Wo eine Hose gekauft werden muss, wann ein neuer Reifen fürs Fahrrad, wann es Fisch gibt und vielleicht sogar mal Fleisch, die ganze Wirtschaftspotenz von einer Handvoll Menschen auf wenigen Seiten - so viel gebündelte Struktur bekommt keine Unternehmensberatung hin.

Ich habe kein Haushaltsbuch. Dann wiederum habe ich auch kaum Geld. Warum nicht? Keine Ahnung. Wohin verschwindet Geld? Zunächst ist es ja da, und, wenn man der Steuerberatung glauben darf, es müsste eigentlich reichen. Eigentlich ist natürlich ein mehr als vages Wort. Was sagt das schon? Kennen die etwa die Bedürfnisse einer Kleinfamilie? Vielleicht ist es mit dem Geld ein wenig wie mit den Socken und der Waschmaschine: Auch Apparate haben Appetit und verzehren, heimlich und ausschließlich in unbeobachteten Momenten, Socken, Geld, kleine Bauteile der Lego-Raumstation. Wo am Monatsanfang noch genügend Moneten waren, um den halben Bio-Supermarkt leer zu kaufen, sitzen irgendwann ein paar traurige Kröten in der Ecke herum, die nichts anderes rufen können als "Dispo! Dispo! Dispo!" Eine Zeit lang hatte ich den Staubsauger in Verdacht, aber dann fiel mir ein, dass er Geld ganz öffentlich verschluckt, zum Beispiel wenn sein Spezial-Teppich-Klopf-Kopf wieder mal kaputtgeht. So ein Typ hat keine Scham und auch keine Heimlichkeiten.

Ich fragte meine Steuerberaterin: "Wo ist nur mein Geld hin?" Aber sie sah mich nur trübe an und wusste es auch nicht. "Sie sollten ein Haushaltsbuch führen, dann können Sie Ein- und Ausgänge beobachten und am Ende des Jahres eine schöne Bilanz ziehen." Bilanz, Eingang, Ausgang, Kosten-Nutzen-Rechnung sind Worte, bei denen mir unwillkürlich übel wird und ich meine Kraft zusammennehmen muss, um mich nicht geräuschvoll auf dem Tisch der Steuerberaterin zu entleeren. Obwohl mir der Gedanke nicht fremd ist. Ich kenne eine Menge Eltern, die ständig darüber reden, endlich ein Haushaltsbuch zu führen, "dann wüssten wir mal, wo wir sparen können". Ich selbst habe bestimmt schon zwölfmal ernsthaft darüber nachgedacht. Aber, ach, Sparen ist nicht mein Ding, schon gar nicht bei Lebensmitteln. Doch ich gebe zu, dass ich in gewissen Bereichen zu einer, sagen wir, ungünstigen Nachlässigkeit neige.

Überflüssige Ausgaben der vergangenen Wochen:

- Gogo's Crazy Bones Serie 4, 30-Tüten-Display für 39,05 Euro (Pro: Der Zeitungsladen hatte keine mehr, die Jungs freuen sich, super als Trost bei aufgeschlagenen Knien. Contra: Überflüssiger Plastikmüll, ständiges Kriechen, um die Dinger nicht einzusaugen.)

- Plump & Shine Lipgloss für 34,90 Euro (Pro: Hoffnung ist eine gute Sache, macht die Lippen tatsächlich etwas voller, für etwa fünf Minuten. Contra: Das kann nicht gesund sein, ich trage außerdem gar keinen Lippenstift.)

- Telefon Nokia C 6 für 189,90 Euro (Pro: Dem iPhone widerstanden. Contra: Ich brauche kein mies funktionierendes Smartphone, ich sollte lernen, dem E-Plus-Heini zu widersprechen, Wunsch nach iPhone ist inzwischen fast übermächtig.)

Und das sind nur die großen Sachen, die mir spontan einfallen. Ich erinnere mich allerdings des Weiteren an ein Biobrathuhn (28,70 Euro), das so gesund und groß war, dass wir nach zwei Tagen immer noch davon essen konnten und es schließlich an Tag Nummer drei nur unzureichend abgenagt in den ewigen Kreislauf überführten. Ständig kaufe ich Zucchini und Bananen und esse sie dann nicht. Oder Tennisbälle, weil ich Tennisspielen für eine prima Idee hielt, trotz Winters und der Tatsache, dass kein Tennisschläger für die Bällchen vorhanden war. Von einem Spielpartner zu schweigen. Kurzum: Wäre mein Leben nicht schöner, weniger verramscht, sogar kostengünstiger, wenn ich ein Haushaltsbuch führte? Kaufte man weniger Plunder, wenn einem die Absurdität des eigenen Konsumverhaltens ständig vor Augen schwebte?

Ganz bestimmt. Sicher sogar. Dann wiederum ist Spontaneität dem Menschen als Zeichen seiner persönlichen Freiheit wichtig. Wer ständig aufzählt, wie viele Toastpackungen durch den heimischen Kühlschrank gewandert sind ("Ihr werdet zu speckig! Noch im letzten Jahr haben wir 4,87 Toastpackungen weniger verbraucht!") wird ein knauseriger, nach Sonderangeboten spähender Kopf, der um 17 Uhr um die Stände auf dem Markt schleicht und wartet, bis das Gemüse von selbst in die Tasche hüpft. Dann wiederum ist das eine feine Sache, vor allem, wenn man tatsächlich kein Geld hat und es nicht nur nicht versteht, mit dem vorhandenen Geld zu wirtschaften. Den höheren Töchtern in England wurde übrigens als Erstes das Haushalten beigebracht, hat mir meine Großmutter einmal erzählt. Die Fertigkeit, mit dem Geld der Familie sorgsam umzugehen, galt als höchste Tugend und als respektvolle Handlung gegenüber dem Manne und seiner Wirtschaftskraft. Ich gebe zu, dass mir diese Tugendhaftigkeit zunehmend schwerfällt, vor allem, wenn man die ganze Zeit marktschreierisch zu Konsumhandlungen aufgefordert wird.

Nein, jetzt, wo ich dies schreibe, schäme ich mich doch. Ich zücke den Stift und ein Schreibheft mit hellbraunem Umschlag und schreibe oben links auf die erste Seite das Datum des heutigen Tages. Darunter, so hübsch es geht: Einnahmen/ Ausgaben. Mehr noch: Ich fordere Sie auf, das Gleiche zu tun. Auf dass wir nicht knauserig werden. Sondern nur ein kleines bisschen vernünftiger.