Ratgeber

Das Jugendamt will unseren Sohn aus der Familie nehmen

Unter 13-jähriger Sohn Alexander ist von der Schule ausgeschlossen worden. Er hat im letzten Schulhalbjahr wiederholt Mitschüler bestohlen und in der Umkleidekabine während des Sportunterrichts gezündelt. Zuhause hält er sich nicht an Regeln und bleibt ohne Erlaubnis einfach weg. Es gab auch Ladendiebstähle, und er ist häufig sehr aggressiv. Die Sozialarbeiterin der Schule hat auch das Jugendamt eingeschaltet.

Wir sehen ein, dass etwas passieren muss, denn sein Tagesrhythmus ist völlig durcheinander: Er bleibt abends viel zu lang auf, wird aber morgens früh wach und klagt tagsüber andauernd über Müdigkeit. Beim Essen zieht er sich regelmäßig zurück und nimmt insgesamt nur sehr wenig zu sich. Wir möchten aber nicht, dass Alexander aus der Familie genommen wird, wie es das Jugendamt vorschlägt.

Ulli P. aus Spandau

Ich sehe in der Problematik von Alexander zwei Schwerpunkte, die sich leider gegenseitig verschärfen: Zum einen erscheint sein Sozialverhalten so problematisch, dass es mit den Möglichkeiten der familiären Erziehungsmethoden nicht in den Griff zu bekommen erscheint. Zum anderen deuten seine Verhaltensweisen auf eine depressive Problematik hin. Wenn Alexander durch sein Verhalten gleichzeitig aus den familiären und schulischen Bezügen herausfällt, sehe ich auch keine andere Möglichkeit, als in einem professionellen Umfeld zu versuchen, ihm, wieder den nötigen Halt zu geben. Dazu erscheint auch eine fachärztliche Untersuchung und gegebenenfalls Behandlung der zu Grunde liegenden Depression notwendig. Viele Einrichtungen der Jugendhilfe arbeiten mit Fachärzten zusammen und können so auch für Alexander die notwendige medizinische Hilfe und Unterstützung sichern. Dabei sind alle Helfer verpflichtet, den familiären Bezug möglichst zu erhalten und daran zu arbeiten, dass sich das Verhältnis zu der Familie wieder so verbessert, dass die Beziehungen heilsam und unterstützend sind, der Weg zu Schule und Ausbildung gesichert wird und ein guter Platz für den Jugendlichen gefunden wird. Wenn sich nach einer längeren Zeit der Therapie herausstellt, dass dies auch in der Familie wieder möglich ist, können Sie sich freuen. Ich rate Ihnen aber dazu, auch zuzustimmen, wenn sich zeigt, dass Alexander doch mehr Hilfe braucht als Sie sich das verständlicherweise wünschen.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

Morgen berät Sie Dr. Heidemarie Arnhold zu Erziehungsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an: familie@morgenpost.de