Hochzeit

Schnapszahl ins Glück

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Karen Merkel und Lucas Wiegelmann

Ihre Eheringe haben neun Kanten und sind aus Edelstahl. Wenn Jens Plath und Sabine Quoll sich heute das Jawort geben, ist viel Symbolik im Spiel. "Die Zahl der Kanten steht für unsere Beziehung", sagt Sabine.

Zweimal neun ist 18 - auf den Tag genau die Zahl der Jahre, die sie und Jens bereits ein Paar sind. Zugleich stehen die beiden Neunen an ihren Händen für ihren heutigen Hochzeitstag - den 9.9.2009. "Ich dachte, wenn nicht zu diesem Datum, dann heiraten wir nie mehr", begründen die 38 Jahre alte Sabine und ihr gleichaltriger Verlobter die Entscheidung.

Tage wie den 9. 9. 2009 nehmen viele Paare gerne zum Anlass, um sich noch fester aneinander zu binden. Sei es, weil das Zahlenspiel den Ausschlag gibt, doch noch den Weg zum Altar zu wagen oder weil sie sich so den Hochzeitstag leichter merken können. Dass die Ehen, die zu solchen Schnapszahl-Daten geschlossen werden, auch besonders häufig geschieden werden, lässt dabei den Strom der Heiratswilligen nicht abreißen.

Seit dem Milleniumswechsel müssen Paare auf die Hochzeit mit dem gewissen Etwas auch nicht mehr ganz so lange warten, zweimal im Jahr haben sie die entsprechende Gelegenheit - in diesem Jahr beispielsweise am 9.9.2009 und am 20.9.2009. Auch das mag ein Grund sein, warum der Ansturm auf die Berliner Standesämter gemäßigt verläuft. Obwohl mehr als doppelt so viele Paare heiraten wie an einem gewöhnlichen Mittwoch, sind nicht einmal alle Standesämter ausgebucht. In Mitte heiraten zum Beispiel 34 Paare, das sind nur halb so viele wie am 8.8.2008. "Aber der 8. August war eben auch ein Freitag", sagte Rainer Ahnert, Leiter des Standesamtes Mitte. Zwar sind in Treptow-Köpenick Doppelschichten für die 15 Trauungen im Bezirk geplant, doch reicht diese Zahl längst nicht an den Rekordhalter aller Hochzeitstage heran: den 9. 9. 1999. Vor zehn Jahren heirateten in Treptow mindestens doppelt so viele Paare wie heute. In Mitte gab es damals genau 99 Trauungen - auch das ein Rekord für Amtsleiter Ahnert. In ganz Berlin gaben sich 720 Paare das Jawort.

Massenhochzeit am 9.9.99

Natürlich gab es viele, die den Eventcharakter dieser Massenhochzeit kritisierten. Aber dass die vielen Neunen wirklich Glück bringen können, zeigt das Beispiel von Gisela und Wolf-Dieter Mast. Die beiden Wirte des Lokals "Heideklause" in Köpenick ließen sich gemeinsam mit acht weiteren Paaren im Palais am Festungsgraben in Mitte trauen. Es war die Aktion einer Lokalzeitung. Heute sagen die beiden: "Wir haben es nie bereut."

Wer das Ehepaar Mast besucht, erlebt eine Art Blitzurlaub. Die Fahrt führt am Zeuthener See entlang nach Rauchfangswerder, dem südlichsten Ortsteil Berlins. Er hat seinen Namen von den Fischern, die früher ihre Forellen an Ort und Stelle in ihren Räucheröfen veredelten. Das Grundstück der Masts liegt am Wasser, hinten im Garten ist ein kleines Motorboot vertäut. Das helle Holzhaus hat Wolf-Dieter Mast (65) selber gebaut.

"So ein einprägsamer Hochzeitstermin ist sehr praktisch, den vergisst man nicht. Ich rate Ihnen, sich auch so einen Tag auszusuchen", sagt Herr Mast. Er sitzt neben seiner Frau Gisela (66) auf der Terrasse, ein Springbrunnen plätschert. Vor zehn Jahren und ein paar Monaten las Gisela in der Zeitung, dass Brautpaare gesucht würden, die sich am 9.9. das Ja-Wort geben wollten. Wer sich meldete, durfte anschließend bei einer riesigen Party Unter den Linden mitfeiern, zwischen Staatsoper und Palais am Festungsgraben. "Ich habe meinen Mann gefragt: Wollen wir da nicht mitmachen? Und er hat geantwortet: ,Mach doch. Wenn du meinst. Aber ich kümmere nicht darum.'"

Frau Mast kümmerte sich darum. Sie rief bei der Zeitung an, und einige Monate später heirateten die beiden, umringt von Fotografen und Journalisten. Sogar das Fernsehen war da. Es war ein rauschendes Fest bei schönstem Spätsommerwetter, mit Oldtimer-Brauereiwagen, Leierkastenmann, großem Buffett. Die Masts trugen historische Kostüme, er mit Zylinder, sie mit Pompadour und Hut. Die Sachen stammten aus einem Theater-Fundus. Die Hochzeit war öffentlich und heimlich zugleich: Die Stadt schaute zu bei der Massenveranstaltung, aber Freunde und Verwandte wurden erst am nächsten Tag benachrichtigt. Herr Mast rief seine Eltern und sagte: "Morgen kommt ihr mal bei uns vorbei, ja? Es gibt eine kleine Feier. Wir haben gestern geheiratet."

Die kleine Feier fand dort statt, wo sich das Paar kennen lernte, wo sie ihr gesamtes gemeinsames Leben verbracht haben und wo sie selbst zu kleinen Berühmtheiten wurden: Im Restaurant "Heideklause". Es liegt nur ein paar Straßen von ihrem heutigen Zuhause entfernt. Gisela hat das Restaurant in den Siebzigern gegründet. Wolf-Dieter, der aus Brandenburg stammt, kam nach der Wende regelmäßig als Gast. Der gelernte Kfz-Schlosser half auf Baustellen und reparierte Bootsmotoren. Nach Feierabend trank er bei Gisela sein Bier und genoss ihre rustikale Küche. Heute sagt sie: "Mir hat gefallen, dass er so geschickte Hände hatte. Und er hatte immer so einen guten Appetit. Er liebte Currywurst, Bratkartoffeln, Omelette. Das fand ich toll." Wolf-Dieter wiederum imponierte es, wie sie als Frau allein den Laden schmiss. Die beiden verliebten sich, obwohl beide zu dem Zeitpunkt noch verheiratet waren und erwachsene Kinder hatten, sie eins, er drei. "Irgendwann blieb eben die Frage: Ja oder nein? Dann haben wir uns entschieden: Wir bleiben zusammen."

Das war 1992. Die beiden ließen sich scheiden und führten die "Heideklause" fortan zu zweit. Er stand hinter der Theke, sie in der Küche. Es war die eigentliche Bewährungszeit ihrer Liebe; die spätere Ehe war nur die Zugabe. Frau Mast sagt: "Plötzlich waren wir 24 Stunden am Tag zusammen. Ich war gespannt, wie wir damit klarkommen würden." Alles ging gut. Das Lokal brummte, sie hatten viel zu tun, im Urlaub fuhren sie gemeinsam weg, nach Zypern, nach Spanien, oder sie unternahmen Tagesfahrten mit ihrem Boot. Eines Tages machte Wolf-Dieter seiner Gisela einen Heiratsantrag. Sie lehnte ab, sie sah nicht ein, wozu das gut sein sollte. Erst die Annonce von der Schnapszahl brachte das Thema wieder auf die Tagesordnung. Gisela Mast hat den Zeitungsschnipsel bis heute aufbewahrt.

Heute genießen die Masts das Rentnerdasein. Vor drei Jahren haben sie ihr Restaurant aufgegeben. Das Paar zog aus, er baute das kleine Holzhaus, über der Tür hängt eine Laterne aus dem alten Lokal. Wolf-Dieter Mast bastelt gern und zieht nun Orchideen. Gisela sagt: "Mein Mann hat goldene Hände und grüne Daumen." Sie selbst liest gern historische Romane oder Krimis, treibt Sport und unternimmt Ausflüge. "Wenn man tolerant ist", sagt sie, "und die Eigenheiten des Anderen erträgt, dann übersteht man alles." Deshalb können die Masts alle Paare, die heute den Bund fürs Leben schließen, in ihrem Vorhaben nur bestärken.

Wenn, dann nur am 09.09.09

Sabine Quoll und Jens Plath hatten keine Angst, sich aufeinander einzulassen. Er half ihr, die Wände ihrer ersten Wohnung in Friedrichshain zu streichen. Da waren die beiden schon Jahre befreundet, dann wurde es mehr. Bald zog Jens bei Sabine ein, sie war sich bereits im Jahr 1991 sicher: "Mit diesem Mann möchte ich Kinder haben." Dieser Wunsch ging in Erfüllung - heute freut sich besonders die acht Jahre alte Yolanda darüber, dass sie gemeinsam mit ihrem zweijährigen Bruder Marzellus zur Trauung Blumen streuen darf.

Als Jens und sie ein Paar wurden, ließen sich gerade mehrere Paare im Freundeskreis scheiden. "Damit war das Thema erledigt", sagt Sabine. Ihre Eltern hatten die Hoffnung längst aufgegeben, dass Jens Sabine jemals vor den Traualtar führen wird - bis sie sich vor einem Jahr ein Herz fasste. Zum 17. Jahrestag legte sie Jens einen Brief auf den Frühstückstisch, schrieb: "Wenn, dann am 9.9.2009." Als Jens abends von der Arbeit nach Hause kam, trug er einen großen Strauß roter Rosen vor sich her, auf seinem T-Shirt gedruckt ein Songtitel der gemeinsam Lieblingsband Rammstein: "Heirate mich!" Heute werden sich die beiden im Märkischen Museum das Ja-Wort geben, die beiden Berliner fanden die geschichtsträchtige Kulisse spannender als das Standesamt. Ob sie im nächsten Jahr dann Einjähriges feiern, oder ihren 19. haben sie noch nicht entschieden. Nur eines ist für Sabine sicher: Sie hat geprüft, bevor sie sich ewig bindet. "Wir werden für immer zusammen bleiben, das weiß ich", sagt sie.