Forschung im Babylabor

Die Melodie der Grammatik

Wer Eltern beobachtet, die mit ihrem Baby sprechen, amüsiert sich häufig über die erhöhte Stimmlage und die Überbetonung der Worte. Was manchmal albern klingt, vermittelt dem Baby aber eindrücklich etwas, das in den ersten Monaten für die Sprachentwicklung entscheidend ist: die Melodie einer Sprache.

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Betonung, Sprechpausen und Intonation - Fachleute sprechen bei diesen Merkmalen von der Prosodie der Sprache - legen den Grundstein für den Einstieg in die Grammatik. Im Sprachlabor für Babys, dem "Babylab" der Universität Potsdam, wird untersucht, ob und ab wann Babys Muster in der Sprache erkennen können. Dort wird gemessen, wie Babys auf bestimmte Sprachreize reagieren - mit erstaunlichen Ergebnissen.

Erste Hinweise auf die sprachlichen Muster ihrer Muttersprache bekommen Babys schon im Mutterleib. "Die erste Stufe zum Erwerb der Muttersprache ist das Segmentieren des Lautstroms in kleinere Einheiten", sagt Laborleiter Tom Fritzsche. Wenn Babys Erwachsene sprechen hören, ist das zunächst wie ein Schwall Geräusche - einzelne Sätze und Wörter sind kaum zu unterscheiden. "Ganz so, wie wenn wir Erwachsene eine völlig fremde Sprache hören", erklärt Fritzsche. Das Baby muss lernen zu unterscheiden, was in dem Schwall einzelne Wörter sind. Hierfür ist die Sprachmelodie entscheidend: Im Deutschen betonen wir Zweisilber meist auf der ersten Silbe - aus diesem Betonungsmuster leiten Babys dann ab, dass mit einer betonten Silbe ein neues Wort beginnt. Und das ab dem sechsten Lebensmonat.

Babys müssen sich also total auf die Sprachmelodie verlassen können - für sie ist sprachliche Anregung deshalb elementar. "Wichtig ist es, in vollständigen Sätzen zu sprechen und nicht nur in Babysprache", sagt Sprechwissenschaftlerin und Logopädin Sibylle Lottermoser. "Nicht auf den Hund zeigen und 'Wauwau' sagen, sondern 'Der Hund macht Wauwau'".

Lottermoser bildet in Berlin Erzieher in der Sprachförderung aus. "Auch zu singen ist sinnvoll, weil Babys so stark auf die Melodie reagieren." Zu viele Anregungen müssen aber auch nicht sein. "Babys brauchen nicht zusätzlich noch CDs und Radio. Man sollte ihnen auch mal Stille zum Verarbeiten gönnen - oft fangen sie dann selbst mit dem Brabbeln an."

Sinnvoll für die Sprachentwicklung sei es auch, immer zu erklären, was gerade gemacht wird: Nicht einfach den Kinderwagen packen, sondern sagen, dass es jetzt auf den Spielplatz geht. "Eltern sollten aber nicht bloß auf ihr Baby einreden, sondern sich ruhig auch trauen, einen Dialog zu führen und auf seine Reaktionen eingehen", rät die Sprechwissenschaftlerin. Wer Eltern dabei beobachtet, wie sie mit ihrem Baby sprechen, wird merken, dass sie sich schon richtig gut verstehen können.