Interview mit Silvia Fauck

"Viele bereuen ihre Trennung"

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Foto: Christian Kielmann

Tränen, wochenlang. Das Gefühl, einen riesigen Fehler gemacht zu haben. Und der verzweifelte Versuch zu verstehen: Es dauert, eine Trennung zu verarbeiten - seelisch und körperlich. Ein unbeteiligter Dritter kann dabei helfen. Silvia Fauck führt Liebeskummerpraxen in Berlin, Hamburg und München. Nina Trentmann sprach mit ihr.

Berliner Morgenpost: Trennungsschmerz hatte jeder schon mal. Warum ist er bei manchen Menschen so schlimm, dass sie sich einer Liebeskummerpraxis behandeln lassen müssen?

Silvia Fauck: Der Großteil der Leute kommt, weil er frisch verlassen wurde und von nichts wusste. Das ist diese Nummer, man kommt nach Hause und da liegt der Brief. Oder man findet raus, dass der Partner schon seit Monaten eine andere hatte. Diese Leute werden richtig krank und müssen behandelt werden. Daneben habe ich ganz oft den Fall, dass jemand in einer Beziehung ist - nicht einmal unglücklich - und sich versehentlich verliebt, ohne Absicht, und jetzt zwischen zwei Partnern steht.

Berliner Morgenpost: Fast jeder Dritte zwischen 20 und 30 ist Single. Woran liegt das?

Silvia Fauck: Gerade in dieser Altersgruppe finden sich die Paare einfach nicht mehr. Die heutigen Frauen sind stark, verdienen eigenes Geld, wissen, was sie wollen. Die lernen viele Männer kennen, es hält aber nie länger als drei Monate. Die Männer beenden so was meist mit Sprüchen wie "Es liegt nicht an dir, aber ich bin beziehungsgestört, ich kann es dir nicht recht machen." Die Frau steht dann da und fragt sich: Was hat der denn? Das sind die Männer, die mit starken Frauen nicht fertig werden. Die möchten gerne so eine starke Frau, aber in dem Moment, wo sie länger mit ihr zusammen leben, fühlt sich der Mann immer minderwertiger, obwohl die Frau das gar nicht so empfindet. Der Mann rennt danach in ganz vielen Fällen mit einem süßen Blondchen rum, das den ganzen Tag sagt: "Mein Held".

Berliner Morgenpost: Sind die Frauen heute zu anspruchsvoll?

Silvia Fauck: Ja. Ich denke, dass uns die Emanzipation der Frau nicht gut getan hat. Das hat uns überholt. Jetzt passen Frauen und Männer noch weniger zusammen. Ich habe zwei erwachsene Töchter: Bei der einen erlebe ich diese Trennungsgeschichte zweimal im halben Jahr. Die Jüngere ist 31 und hat am Wochenende riesig geheiratet. Die ist so, dass sie alles mit ihrem Partner macht und noch so eine traditionelle Beziehung führt. Meine ältere Tochter würde natürlich sagen: "Da hab ich keinen Bock drauf."

Berliner Morgenpost: Dieser Rollenkonflikt wird von den Männern wahrscheinlich nur selten angesprochen.

Silvia Fauck: Ich muss leider sagen: Über ganz viel wird gar nicht geredet. Das ist so. Wenn der Mann zu so einer Frau sagen würde: "Ich habe das Gefühl, ich bin gar nicht mehr der Mann", dann würde sich die Frau sofort zurücknehmen - was viele Frauen gerne täten, sich aber nicht trauen, weil sie dann denken, dass sie dann doof und unselbstständig dastehen. Und wenn die bei mir landen, ist es meist zu spät. Im Grunde gibt es einen Satz, der immer gilt: Kommunikation ist alles. Das klappt leider immer noch nicht.

Berliner Morgenpost: Was ist Ihre Lösung für das Problem?

Silvia Fauck: Es gibt keine. Ich kann ja den Frauen nicht sagen, dass sie sich wieder als kleines Schneckchen hinstellen sollen. Wir sind doch so erzogen worden, dass wir so selbstständig werden. Und jetzt macht uns das in der Partnerschaft einen Strich durch die Rechnung. Ich halte das für eine absolute Zeiterscheinung. Es kommt ja keiner, der sagt, ab 30 müsst ihr Frauen weniger arbeiten und stattdessen mit kurzem Röckchen Weibchen spielen.

Berliner Morgenpost: Die Beziehung auf Augenhöhe: Mehr Wunsch als Wirklichkeit?

Silvia Fauck: Definitiv. Das ist das, wofür ich keine Lösung finde. Müssen wir uns den Postboten nehmen, weil der so tief unter uns steht, dass er uns anhimmelt und bei uns bleibt? Oder müssen wir jetzt einen 15 Jahre älteren Generaldirektor nehmen, der uns als kleines Häschen sieht?

Berliner Morgenpost: Sie haben bestimmt mehr Frauen als Männer in Ihrer Praxis, oder?

Silvia Fauck: Im Gegenteil: Mehr Männer. Die haben keinen zum Quatschen, die kommen gerne gegen Geld zur Expertin. Mit dem besten Freund sprechen die nicht darüber. Frauen kommen nur zu mir, wenn sie im Gespräch mit ihren Freundinnen einen toten Punkt erreicht haben. Frauen bleiben dafür aber länger in der Beratung. Männer kommen und wollen das Problem schnell bei mir abladen.

Berliner Morgenpost: Wie alt sind Ihre Klienten?

Silvia Fauck: Das fängt bei 25 Jahren an und geht vom Studenten bis zum Bundestagsabgeordneten. Die ganz Jungen kommen nicht. Die können sich das nicht leisten, der Liebeskummer in dem Alter ist auch noch ein anderer. Ich hatte auch schon mal eine Dame, die war Mitte 70. Viele sind in meinem Alter, wenn die Ehen nach 20 oder 30 Jahren in die Brüche gehen und man völlig bei Null anfängt. Und natürlich Singles, die scheinbar überhaupt niemanden kennen lernen. Die Einsamen, sag ich immer.

Berliner Morgenpost: Welchen Rat geben Sie denen?

Silvia Fauck: Die Singles fragen sich natürlich: "Liegt es an mir? Mache ich was falsch? Oder ist es Zufall?" Die wollen dann häufig ein Coaching, bei dem wir feststellen, ob sie immer wieder denselben Fehler machen. Ich war auch schon mit Leuten einkaufen, habe Wohnungen eingerichtet oder war mit Männern Brillen kaufen. Manche Klienten wollen mit mir essen gehen, weil sie glauben, alles verlernt zu haben. Ganz spannend finde ich es, dass manche Menschen sagen: "Ich kann nicht mehr aus dieser Tasse trinken." Da hilft manchmal schon ein Satz neues Geschirr oder Bettwäsche.

Berliner Morgenpost: Zu wie viel Geduld raten Sie, wenn Ihre Kunden sich trennen wollen?

Silvia Fauck: Das kann ich so pauschal nicht sagen. Einer meiner Klienten kämpft gerade um seine Beziehung, es kriselt reichlich. Er war vorher zwei Mal verheiratet und sagt heute: "Eigentlich hätte ich die beiden Ehen retten müssen." Weil er damals zu früh das Handtuch geworfen hat, kämpft er heute so sehr um seine jetzige Beziehung. Ich glaube, dass ganz viele Leute ihre Trennungen im Nachhinein bereuen. Man gibt zu schnell auf, gerade heute, wo so viel verfügbar ist.

Berliner Morgenpost: Scheinbar...

Silvia Fauck: Richtig. Wer draußen nichts findet, der geht halt ins Internet. Noch viel schlimmer finde ich es, dass so viele Menschen - gerade Männer - immer glauben, sie würden was verpassen. Ich habe einen Kunden, der hat sich in sieben Tagen schon mit fünf Frauen getroffen und will noch zehn weitere daten. O-Ton: "Es könnte ja noch was besseres kommen." Das finde ich sehr traurig: Es ist nie gut genug. Alle wollen die große Liebe, Kinder, ein intaktes Verhältnis zu ihren Kindern, bombastischen Sex. Nach außen hin erfüllt natürlich jeder diese Erwartungen. Tatsächlich bleibt irgendwas immer auf der Strecke.

Berliner Morgenpost: Gerade Männer haben ja schnell eine "Neue", wenn Schluss ist.

Silvia Fauck: Das hat nichts zu sagen. Wenn der Ex nur wenige Wochen später mit so einer Tussi durch die Gegend läuft, ist das der Versuch, sich abzulenken - gerne auch mit Sex. Da denkt jede Frau natürlich: "Der denkt nicht mehr an dich." Das ist Quatsch. Während wir heulen und uns einschließen, suchen die Männer Sex.

Berliner Morgenpost: Torschlusspanik: Was vor ein paar Jahren eher für Frauen Ende dreißig galt, ist jetzt auch für Frauen Ende zwanzig ein Problem.

Silvia Fauck: Stimmt. Die Frauen entwickeln diese Angst, keinen Partner mehr abzukommen, deutlich früher und checken ihr gesamtes Umfeld nach einem potenziellen Partner ab. Ein schmaler Grat, denn wer so offensichtlich auf der Suche ist, verkrampft schnell - das merken auch die Männer.

Berliner Morgenpost: Gibt es "den" klassischen Beziehungsfehler?

Silvia Fauck: Nein. Aber die Verlassenen fühlen sich komischerweise immer schuldig. Das fällt mir immer wieder auf. Die Leute kommen nicht auf die Idee, dass derjenige, der sie verlassen hat, einfach ein anderes Leben will und sich deshalb trennt.