Ratgeber

Mein Sohn trägt gern Mädchenkleider

Mein Sohn Jan (5) zieht gern die Kleider seiner großen Schwester an. Er leidet darunter, wenn andere über ihn lachen, bleibt aber trotzdem dabei. Jan sagt, er wäre lieber ein Mädchen. Ist das nur eine Phase - oder muss ich mir Sorgen machen? Christiane S. aus Charlottenburg

Ein schwieriges Thema. Die sogenannte Geschlechtsidentität ist eines der wesentlichen Merkmale der Persönlichkeitsbildung. Dabei gilt einerseits, dass in jedem Menschen männliche und weibliche Anteile vorhanden sind. Wie sich diese Anteile individuell durchsetzen und verbinden, hängt auch von vielen Faktoren der Umwelt ab: Vorbild von Vater und Mutter, persönliche Erfahrungen. Andererseits scheint es einen starken biologischen Faktor zu geben, der die Gewissheit der Zugehörigkeit zum jeweiligen Geschlecht unverrückbar macht. In ganz seltenen Fällen äußert sich das schon in der frühen Kindheit in der Sicherheit "im falschen Körper zu stecken". Meistens ist es aber der gesunde, neugierige Spieltrieb, der Jungen in Röcke schlüpfen lässt und Mädchen auf den Fußballplatz treibt. Und wieder eine Gelegenheit für uns Erwachsene, über das eigene Verständnis von Mann und Frau, gelebter und ungelebter Rollenanteile nachzudenken. Wichtig ist aber auch, den Blick nicht zu verengen: Wie steht es sonst um Jans Selbstbewusstsein? Hat er Freunde, denen das nicht so wichtig ist, die ihn dennoch mögen, auch wenn die Kleider manchmal nerven? Hat er genügend andere Interessen oder ist er auf dieses Thema fixiert? Vielleicht ist es klärend, in die Spezialsprechstunde für kindliche Geschlechtsidentitätsfragen unserer Klinik zu kommen. Hier arbeiten Kinderärzte verschiedener Richtungen zusammen und schauen neben Körper und Hormonen auch auf die Seelenlage.

Dr. Andreas Wiefel ist Oberarzt an der Charité-Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters

Morgen berät Sie Dr. Heidemarie Arnhold zu Erziehungsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an: familie@morgenpost.de