Arbeitsalltag einer Grundschullehrerin

Alles auf meinem Rücken

Ich bin noch immer gerne Lehrerin, obwohl die Bedingungen, unter denen wir arbeiten müssen, ständig schlechter werden. Eine große Herausforderung für mich ist derzeit die Arbeit mit den Eltern. Seit ich meine jetzige Klasse leite, in der 25 Kinder lernen, fast alle deutscher Herkunft, habe ich es mit überaus anspruchsvollen Eltern zu tun.

Ich habe noch nie so viele Elterngespräche geführt wie in den vergangenen drei Jahren. Jede Korrektur, jede Beurteilung meinerseits wird von den Eltern hinterfragt. Ständig wollen sie mit mir darüber diskutieren.

Die meisten von ihnen haben sehr große Erwartungen an die Lehrer und den Unterricht, sie sind genauestens über das Bildungswesen informiert und fordern ein, was möglich ist. Da wir eine gebundene Ganztagsschule sind, gehen sie zum Beispiel davon aus, dass Lehrer und Erzieher alles übernehmen, was mit Schule zusammenhängt. Sogar um die Ordnung im Ranzen sollen wir uns kümmern.

Geradezu hysterisch verhalten sich diese Eltern, wenn es um die Vorbereitung ihrer Kinder auf das Gymnasium geht. Alle meinen, dass ihre Kinder von uns so weit gebracht werden müssen, dass sie den Übergang auf das Gymnasium schaffen. Verschiedene Eltern sind vor einiger Zeit sogar mit der Bitte an mich herangetreten, einen Elternabend zum Thema "ordentliche Heftführung" zu machen. Sie wollten das ganz genau wissen, um ihre Kinder kontrollieren zu können. Das geht zu weit, habe ich den Eltern gesagt. Die Kinder müssen lernen, dafür allein verantwortlich zu sein.

Der Druck, der von den Eltern an mich, aber auch an die Kinder weitergegeben wird, ist riesig und wächst ständig.

In Klassen, die sich vor allem aus Kindern nicht deutscher Herkunft zusammensetzen, sieht die Elternarbeit ganz anders aus, weniger anstrengend ist sie aber nicht. Diese Eltern sind nicht so sehr an Schule interessiert, sie müssen deshalb überhaupt erst einmal von der Wichtigkeit der Bildung überzeugt werden. Als Lehrerin muss ich versuchen, sie in die schulischen Zusammenhänge einzubinden und ihnen die Lerninhalte ihrer Kinder nahezubringen. Nur wenige dieser Eltern unterstützen ihre Kinder so, wie es nötig wäre. Deshalb muss Schule viel mehr leisten. Wir müssen zum Beispiel dafür sorgen, dass die Kinder ihre Umwelt kennen lernen. Viele sind kaum vor die Tür gekommen, haben zum Beispiel noch nie auf einem Berg gestanden oder das Meer gesehen und wissen nur sehr wenig über ihre Stadt. Ihre Freizeit verbringen sie stattdessen fast komplett vor dem Fernsehapparat. Auch Bücher kennen nur die wenigsten.

Individuell unterrichten

Für diese Schüler muss ich spezielles Arbeitsmaterial zusammenstellen. Schulbücher zu geografischen, geschichtlichen und anderen Themen können wir meist nicht benutzen, weil die Kinder sprachlich nicht in der Lage sind, die dargestellten Zusammenhänge zu verstehen. Also geht viel Zeit dafür drauf, Material selbst herzustellen.

Diese so unterschiedlich entwickelten Kinder sollen wir Lehrer aber zusammen unterrichten. Die Unterschiede nehmen dramatisch zu und für uns Lehrer wird es zunehmend problematischer. Wir sollen deshalb möglichst jeden Schüler individuell fördern. Das ist zwar die richtige Schlussfolgerung, steht aber im Widerspruch dazu, dass die Bewertung der Leistungen nach standardisierten Kriterien erfolgt. Das geht einfach nicht. Wenn wir individuell unterrichten sollen, dann müssen wir weg von der gegenwärtigen Form der Beurteilung. Statt die Leistungen zu zensieren, sollte die Lernentwicklung der Kinder beurteilt werden. Nur dann hat Individualisierung Sinn.

Und noch etwas ist wichtig. Unterricht, der auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes eingeht, ist sehr aufwendig. Wir Lehrer müssen für jeden einzelnen Schüler geeignete Materialien herstellen und spezielle Lernstrategien entwickeln. Das ist nur dann wirklich zu schaffen, wenn zwei Lehrer eine Klasse betreuen. Zumindest in der Schulanfangsphase sollte das längst Alltag sein, so hat es die Bildungsverwaltung festgelegt. In Wirklichkeit sind wir aber weit davon entfernt.

Besonders anstrengend ist die Arbeit in der Schulanfangsphase. Viele Schulanfänger sind gerade einmal fünfeinhalb Jahre alt und ohne jede Vorschulerfahrung. Ein Drittel der Kinder, und zwar vor allem Kinder nicht deutscher Herkunft, hat nicht einmal eine Kita besucht. Manche sind so eingeschüchtert, dass sie die ersten Wochen unter dem Tisch verbringen, mit ihrem Kuscheltier im Arm. Viele können nicht allein auf die Toilette gehen, geschweige denn mit dem Stift oder einer Schere umgehen. Für diese Kinder sollten grundsätzlich in jeder Stunde zwei Lehrer da sein. Dazu aber fehlt es an Personal.

Der permanente Lehrermangel äußert sich auch an einer anderen Stelle. Allein an unserer Schule sind vier Kollegen tätig, die als Vertretungskräfte eingekauft wurden. Alle vier sind keine voll ausgebildeten Lehrer, sondern haben lediglich das erste Staatsexamen absolviert. Das heißt, sie werden ohne Erfahrung im Fachunterricht eingesetzt und sind damit oft heillos überfordert. Meist sind es Probleme mit der Disziplin, die ihnen zu schaffen machen. Statt entlastet zu werden, müssen wir uns auch noch um diese Kollegen kümmern. Dafür ist eigentlich überhaupt keine Zeit.

Kein Rückzugsraum

Neben dem Unterricht sollen wir noch viele andere Aufgaben erledigen: Konzepte entwickeln, am Schulprogramm arbeiten, uns Gedanken über das Schulprofil machen und unsere Arbeit immer wieder evaluieren. Um diese Aufgaben zu erledigen, müssen wir uns verschiedenen Arbeitsgruppen anschließen, die alle unter einem hohen Termindruck stehen. Gerade für ältere Kollegen ist das eine zusätzliche Herausforderung, die manche kaum noch bewältigen können. Hinzu kommt, dass wir Lehrer an der Schule keinerlei Rückzugsmöglichkeiten haben. Arbeitsräume, in denen wir den Unterricht vorbereiten, Arbeiten korrigieren oder zwischendurch einfach mal abschalten können, gibt es nicht. Das gilt auch für die Schüler.

Freizeitangebote finden meist in den Klassenräumen statt, die ohnehin viel zu eng sind. Gruppenarbeit ist da ebenso wenig möglich wie die Arbeit am Computer. Wir haben zwar ein Gerät im Klassenzimmer, da es aber so beengt ist, finden davor höchstens zwei bis drei Schüler Platz. Sogar das Schulessen muss in den Klassenräumen eingenommen werden.

Für mich steht fest, in sozialen Brennpunkten ist die Ganztagsschule ein richtiges und wichtiges Angebot. Nur ist sie nicht zum Nulltarif zu haben. Damit Ganztagsschule gelingt, braucht es viel Personal und genügend Räumlichkeiten. Zudem müssen dem Lehrer bestimmte Aufgaben wie etwa die Elternarbeit oder die Arbeit am Schulprofil auf seine Arbeitszeit angerechnet werden, damit diese ein vertretbares Maß nicht überschreitet. In kaum einem anderen Unternehmen käme man beispielsweise auf die Idee, dass Mitarbeiter eine zusätzliche Ausbildung in ihrer Freizeit machen und diese auch noch selbst bezahlen. In der Schule aber ist das normal. Meine Ausbildung zum Mediator habe ich an mehreren Wochenenden absolvieren und obendrein privat finanzieren müssen.