Interview

"Kleidung zeigt, wo du hingehörst"

| Lesedauer: 5 Minuten

Mode signalisiert den sozialen Status. Das fängt schon in der Schule an. Was das für Kinder und ihre Eltern bedeutet, dazu hat Sören Kittel den Berliner Soziologen Frithjof Hager befragt.

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Berliner Morgenpost:

Herr Dr. Hager, was verstehen Kinder von Mode?

Frithjof Hager:

Sehr viel, die soziologisch beschreibbaren Prozesse "Statusdifferenzierungen" und "Zuschreibungstaktik" treffen auch auf sie zu.

Was bedeutet das?

Kinder merken zum Beispiel schon, dass Mode auch bedeutet, dass man bestimmte Kleidung wählen muss, weil sie einem zugeschrieben werden. Zuschreibung ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Begriff. Das funktioniert bei berufstätigen Erwachsenen ganz automatisch: Blaumann für Berufshandwerker, weiße Kittel für Ärzte, maßgeschneiderte Anzüge für Banker.

Also das alte "Kleider machen Leute" gilt auch in der Schule?

Ich würde lieber sagen: Die Gruppe macht die Kleider, welche die Gruppe braucht. Klamotten sind Signaturen, Zeichen, auch für Kinder.

Was erzählt Mode auf den ersten Blick?

Auf den ersten Blick zeigt Mode dem Betrachter: Ich bin Mann oder Frau, groß oder klein, dick oder dünn, alt oder jung.

Auch arm oder reich?

Das ist dann aber schon eine soziale Bewertung. Es ist erst einmal eine Bewertung des Körperlichen. Da kommt auch der Begriff des Habitus mit hinein.

Also generell die Art, sich auszudrücken, zu bewegen.

Genau. Kleidung zeigt, wer bist du und wo gehörst du in der Gesellschaft hin. Man kann über ein "Was sind das denn für Klamotten!" den anderen einordnen, aber gleichzeitig auch sich selbst.

Können solche Worte Kindern auch wehtun?

Dieser Prozess der sozialen Differenzierung kann manchmal ein Kampf sein. Aber leider müssen sie diese Kämpfe später als Erwachsene immer wieder durchfechten.

Spiegelt sich denn in der Kleidung der Kinder nicht auch immer etwas über die Eltern wider?

Natürlich: der soziale Status. Denn jedes Kind weiß ja heute schon sehr früh, was es kostet, was der andere trägt. Und natürlich zeigt sich dadurch, welches Geld im Hintergrund ist.

Wie gehen Kinder damit um?

Für sie kommt ein weiterer Fakt hinzu: Kinder sind, wenn ich das so hart sagen kann, in der Schule in einer Art Zwangsgemeinschaft. Sie sind in einer Klasse, die sie nicht selbst gewählt haben. Sie müssen aber in dieser Gemeinschaft einen Bereich schaffen, in dem sie selbst bestimmen, wohin sie gehören. All die Kicker- oder Tratsch-Freundschaften sind freiwillig gewählt, aber damit die so bleiben, dafür muss man sich eben anstrengen.

Und das läuft unter anderem über Kleidung?

Richtig. Nur deshalb achtet ein kleiner Junge zum Beispiel darauf, dass die Schuhe von einer bestimmten Marke sind. Denn darüber transportiert er, dass er eben dazu gehört. Das sind Abzeichen, ähnlich wie beim Militär.

Ist das spielerisch?

Das sind natürlich Spiele. Aber mit ernsten Folgen. In Intellektuellenkreisen funktioniert die Abgrenzung übrigens genauso - nur über Bücher, die man gelesen haben muss.

Muss das jedes Kind mitmachen?

Es gibt immer auch Abweichler und Außenseiter. Manche leiden darunter, andere suchen sich dann einen eigenen Stil. Und wenn sie Glück haben, ist der ein paar Monate später plötzlich wieder "in". Mode verändert sich zum Glück.

Kann man das durch Schuluniformen umgehen?

Uniform heißt eben auch, sich angleichen müssen. Seinen eigenen Anspruch auch zurückstecken. Kinder wollen aber wie alle anderen Menschen immer beides ausdrücken: Man möchte zu jemandem gehören und sich gleichzeitig abgrenzen.

Und wie geht das in der Uniform?

Sie werden immer wieder versuchen, ihrem Aussehen eine individuelle Note zu geben: über die Frisur, über Schminke oder das eine Hosenbein, das dann immer an derselben Stelle etwas kaputt ist. Das ist der ganz normale Vorgang der Individualisierung in der Gesellschaft.

Was ist, wenn Eltern ihren Kindern bestimmte Moden vorschreiben wollen?

Manche Eltern wollen allen zeigen, was für hübsche Kinder sie haben. Nach dem Motto: "Jetzt zeig Dich doch mal so!" Das ist schade, weil dann ein natürlicher Spieltrieb gegängelt wird. Dabei wäre das eine Chance, dass auch dieser Bereich einer ist, in dem sie "nicht immer müssen".

Aber manche Eltern wollen ihren Kindern doch durch den Modedschungel helfen.

Eltern müssen dabei aber verstehen, dass es bei Mode eben nicht nur um Schönheit geht, sondern auch um gruppendynamische Prozesse. Man sollte nicht vergessen: Kindern haben immer Spaß, sich zu maskieren und zu VERkleiden. Das sollte man unterstützen. Denn manche Kinder merken instinktiv, dass Mode zwar wichtig ist, aber letztlich auch alles nur eine große Quatschmacherei.

Im Interview Dr. Frithjof Hager ist Dozent am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin. Der 63-Jährige beschäftigt sich vor allem mit Kultursoziologie