Interview

Baby statt Büro - Vollzeitjob Vater

Ihr Arbeitstag kennt keinen geregelten Feierabend. In ihrem Job kann es ohrenbetäubend laut werden, nervtötend, aber auch sehr erfüllend sein.

Markus Kamrad, Yassin Musharbash und Jonas Viering haben nach der Geburt ihrer Kinder Auszeit vom Beruf genommen, um sich der Familie zu widmen - teils unterstützt durch staatliches Elterngeld. In dem soeben erschienen Ratgeber "Wir Wickelprofis" berichten sie von ihren Erfahrungen. Patrick Goldstein hat mit den drei Berliner Vätern gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Welche neuen Seiten haben Sie während der Elternzeit an sich entdeckt?

Yasssin Musharbash:

Ich habe die Grenzen meiner Belastbarkeit ausgelotet. Den Punkt, an dem man merkt: bis hier schaffe ich es, danach brauche ich Hilfe, zum Beispiel, wenn das Kind nicht essen will aber essen soll. Allerdings habe ich auch gelernt, wie viel man dann doch hinbekommt. An Schlafmangel zum Beispiel habe ich mich gewöhnt. Und dann sind da die vielen emotionalen Erlebnisse.

Schöne Erlebnisse?

Yassin Musharbash:

Ja. Viele schöne Erlebnisse. Zwischendurch aber auch Langeweile, Frust, Scheitern.

Jonas Viering:

Nerverei eben. Kinder sind super, aber Kinder nerven auch. Und sich das nicht einzugestehen, halte ich für einen Fehler.

Weitere Einsichten?

Jonas Viering:

Man lernt, Geduld zu üben. Einfach mal nur auf dem Sandkastenrand zu sitzen und ausschließlich sich daran zu erfreuen, statt tausend weitere Dinge zu tun.

Haben sie abends ihren Partnerinnen, die gerade von der Arbeit heimkamen, brühwarm die neuesten Schlappen erzählt, die sie mit dem Baby erlebt hatten?

Markus Kamrad:

Nein. Erstens wusste ich, dass meine Freundin auf dem Gebiet auch nicht hundertprozentig sicher ist. Zweitens hatte sie sich ja gerade erst an den Gedanken gewöhnen müssen, ihr Kind ganz dem Partner zu überlassen - da konnte ich nun nicht zeigen, dass ich überfordert bin. Das hätte ihre Sorge nur noch verstärkt. Kleinere Schlappen habe ich also für mich behalten - und so viele waren es auch gar nicht.

Und andersherum: Waren Ihre Partnerinnen neidisch, wenn Sie den Tag merklich gut im Griff hatten?

Yassin Musharbash:

Sie war mitunter stolz auf ihren Mann. Aber wenn das Kind nur nach Papa verlangt, ist das für Mütter manchmal auch nicht ganz leicht.

Jonas Viering:

Da kann ja schnell ein Wettbewerb ausbrechen, wer das Kind besser versorgen kann. Man steht an der Wickelkommode und wird plötzlich mit einem 'Lass mich mal' dezent beiseite geschoben. Wir mussten deshalb mit unseren Partnerinnen Regeln entwickeln, etwa: Wer dran ist, ist dran. Und: Besser erst abends bereden, was man aus dem Tag gelernt hat. So ein System entspannt beide.

Markus Kamrad:

Meine Freundin war neidisch, wie ich die Ansprüche herunter fahren konnte. Bei mir lautete das Ziel: Heil über den Tag kommen. Da hat es mich nicht tangiert, dass in der Küche Chaos herrschte und wichtige Anmeldeformulare liegen blieben.

Jonas Viering:

Das erledigt man dann abends, wenn die Freundin das Kind übernimmt.

Markus Kamrad:

Na ja, zumindest ein bisschen.

Haben Sie danach Ihre Frauen mit ihrem Dilemma "Mutter & Job" besser verstanden?

Yassin Musharbash:

Ja, ganz klar. Wenn man Elternzeit ernsthaft gemacht hat als Vater, dann ist auch in der Beziehung klar, dass ich mich danach mit dem gleichen Einsatz an den Aufgaben beteilige, dass ich nicht 'raus bin, nur weil ich ein paar Euro mehr verdiene als sie. Also muss ich mit meiner Frau immer wieder austarieren: wann kannst du früher nach Hause kommen, wann kümmerst du dich, wenn die Kita Schließzeit hat. Das ist ein Gleichberechtigungsschub, der in der Elternzeit wurzelt.

Markus Kamrad:

Ein Beispiel: Fünf Tage nach meiner Rückkehr aus der Elternzeit wurde unser Sohn krank. Meine Freundin hatte einen wichtigen geschäftlichen Termin, also blieb ich zuhause und war gleich wieder eine Woche lang weg aus dem Job. Das war mir furchtbar unangenehm, aber es war letztlich die logische Fortführung der Elternzeit. Dieses Verständnis des ständigen Ausbalancieren-Müssens von Job und Familie ist in der Elterzeit und der Zeit danach entstanden.

Jonas Viering:

Man wird ein bisschen zum Frauenversteher. Und das finden wir auch ganz gut.

Warum nehmen relativ wenige Väter die Elterzeit in Anspruch?

Markus Kamrad:

Darauf haben wir selbst nach langer Recherche keine Antwort gefunden. Trauen sich wenige Väter weil die Arbeitgeber so böse sind, oder werden vermeintlich böse Arbeitgeber nur vorgeschoben, damit der Vater sich nicht trauen muss.

Yassin Musharbash:

Es ist wohl beides.

Es ist heute ja sehr hip, ein engagierter Vater zu sein. Kommen aber alle Väter damit zurecht?

Markus Kamrad:

Der Kindersitz am Fahrrad ist jedenfalls inzwischen ein Statussymbol. Im Anzug auf dem Weg ins Büro den kleinen Sohn zur Kita zu bringen, kommt auch gut an. Und es ist völlig okay, abends bei Geschäftsterminen zu sagen: Ich würde jetzt gern gehen, weil ich noch die Gute-Nacht-Geschichte erzählen möchte. Das Problem ist aber, dass es die berufliche Entlastung, die dafür nötig wäre, nicht gibt. Also erfolgreich im Beruf, und voll da in der Familie zu sein. Das war bislang ein reines Frauenproblem. Nun ist es bei den Männern angekommen.

Nach der Elternzeit arbeiten Sie und Ihre Partnerinnen nun wieder. Kitas und Babysitter sind eingebunden...

Yassin Musharbash:

...und das geht sehr gut. Klar gibt es immer Momente, wo es wackelt, wo man schnell reagieren muss und ein gutes Netzwerk braucht. Aber es geht.

Jonas Viering:

Wenn man sich Kinder gönnt, muss man halt jonglieren für ein paar Jahre.

Wie hat die Vater-Elternzeit Ihre Partnerinnen beeinflusst?

Yassin Musharbash:

Meine Frau musste nie das Gefühl haben, sie erfährt Erschöpfungszustände und Krisen mit dem Kind, die nur sie kennt und ich nicht. Stattdessen teilen wir das.

Markus Kamrad:

Meiner Freundin hat das wohl ermöglicht, mir zu vertrauen und dieses Vertrauen auch auf Andere zu übertragen, etwa die Babysitterin, die Kita-Erzieherinnen. Sie weiß, dass es ihrem Kind auch woanders sehr gut gehen kann, und dass sie eine gute Mutter sein kann, ohne immer beim Kind zu bleiben. Und ich hoffe, dass es ihr Selbstvertrauen gibt, was ihr Berufsleben betrifft. Sie weiß, dass sie jemanden hat, der bereit ist, ihr den Rücken frei zu halten.

Markus Kamrad, 37, ist Vizesprecher der Bundestagsfraktion der Grünen, für seinen Sohn blieb er zwölf Monate daheim; Yassin Musharbash, 33, ist Online-Redakteur. Für seine zwei Töchter gab er sieben Monate den Hausmann; Jonas Viering, 38, ist freier Wirtschaftsjournalist, war acht Monate zuhause.