Uraufführung

Wie Kriemhild wirklich starb

Mehr als vier Jahre lang hat Anke Wilkening an der Restaurierung von Fritz Langs zweiteiligem "Nibelungen"-Stummfilmepos gearbeitet. Die Uraufführung der neuen Version von "Siegfried" und "Kriemhilds Rache" findet am 27. April mit dem hr-Sinfonieorchester in der Deutschen Oper Berlin statt.

Martina Helmig sprach mit der Restauratorin der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung.

Berliner Morgenpost: Warum gelten die "Nibelungen" als Meilenstein der Filmgeschichte?

Anke Wilkening: In künstlerischer Hinsicht ist es die außergewöhnliche stilistische Geschlossenheit. Fritz Lang und sein Team hatten ein großes Budget und viel künstlerische Freiheit. Es war bis zur Uraufführung 1924 die teuerste Ufa-Produktion. Da gibt es opulente Massenszenen und beeindruckende Spezialeffekte: Zwerge werden versteinert, Siegfried setzt sich die Tarnkappe auf und wird unsichtbar. Vor allem der lebensgroße, animierte Drache ist sehr überzeugend. Mit diesem Film wollte und konnte die Ufa mit den Amerikanern konkurrieren.

Berliner Morgenpost: Das Filmmuseum München hat in den achtziger Jahren die beiden "Nibelungen"-Filme schon einmal restauriert. Was ist bei Ihrer neuen Fassung anders?

Anke Wilkening: Definitiv die Bildqualität, die orange Einfärbung und die Ergänzung der verloren geglaubten Schluss-Szene. Die in den Filmgeschichtsbüchern gerühmte Lichttechnik kann man erstmals wieder nachvollziehen: die großartigen Nachtszenen, das Flammenmeer und das Nordlicht. Wir konnten im zweiten Teil auch inhaltliche Verbesserungen erzielen. Uns standen jetzt zwei Kameranegative aus dem ehemaligen Staatlichen Filmarchiv der DDR und neu aufgefundene Kopien zur Verfügung. Wir sind mit 15 Filmmaterialien diesmal reich ausgestattet.

Berliner Morgenpost: Wo haben Sie die Schluss-Szene wiederentdeckt?

Anke Wilkening: In einer Rolle mit Outtakes, nicht verwendeten Szenen, in der Stiftung Deutsche Kinemathek. In diesem Sammelsurium fand sich die Einstellung, in der zu sehen ist, wie der Waffenmeister Hildebrand Kriemhild von hinten den Schwertstoß verpasst und sie sterbend zusammenbricht. Wir wissen durch den Klavierauszug, dass diese Szene einmal im Film war. Jetzt kann man endlich die merkwürdige Bewegung einordnen, die in der alten Fassung am Ende der Einstellung in einer Bildecke stattfindet: Da ist die Schwertspitze zu sehen. Man konnte das vorher nicht verstehen.

Berliner Morgenpost: Wie gehen Sie bei der Restaurierung vor?

Anke Wilkening: Nach der weltweiten Recherche findet die Materialanalyse statt. Inhaltlich ergründet man, was für eine Fassung man vor sich hat und wie vollständig sie ist. Es gibt viele inhaltliche Eingriffe von Produzenten, Verleihern und Zensoren. Jeder hat die Filme nach seinen eigenen Bedürfnissen gekürzt und umgeschnitten. In technischer Hinsicht müssen wir entscheiden, welches das beste Ausgangsmaterial für die Restaurierung ist.

Berliner Morgenpost: Ist das Spannungsfeld zwischen inhaltlicher und technischer Qualität nicht problematisch?

Anke Wilkening: Doch, natürlich. Wir bewegen uns immer in dem Konflikt zwischen technischen und philologischen Entscheidungen. Zwischen verschiedenen Kameranegativen kann es inhaltlich große Qualitätsunterschiede geben. Wenn die Ufa gemerkt hat, dass die Resonanz im Ausland größer war als erwartet, wurde aus irgendwelchen Resten noch ein Negativ montiert. Beim Stummfilm hat man oft solche Negative mit Fehlern im Spiel der Darsteller, bei den Trickaufnahmen oder in der Kameraführung.

Berliner Morgenpost: Kann man überhaupt eine "Originalfassung" rekonstruieren?

Anke Wilkening: Der Begriff ist problematisch, auch wenn man ihn bei der Präsentation einer Restaurierung gern benutzt. Er signalisiert: So hat es bei der Uraufführung ausgesehen. Die Uraufführung war aber ein ganz besonderes Event für wenige geladene Gäste. Danach kam der Film erst in den Verleih und hat vielleicht ganz anders ausgesehen, weil vorher noch Szenen gekürzt und umgestellt wurden. Es gibt nicht immer nur eine gültige Version. Welche ist historisch relevant? Die vom Produzenten veränderte Fassung kann ja die sein, die von den meisten Menschen gesehen wurde.

Berliner Morgenpost: Die Uraufführung findet nicht zufällig in der Deutschen Oper Berlin statt. Die Filmmusik von Gottfried Huppertz soll sich an Richard Wagner orientieren. Hat der Film ansonsten viel mit der Wagnerschen Bühnenfassung zu tun?

Anke Wilkening: Ganz im Gegenteil. Fritz Langs Intention war es, sich von Wagners damals populärem "Ring des Nibelungen" abzusetzen. Das war sein ganz klares Konzept. Er wollte nicht mit Wagner-Motiven arbeiten, das zeigt sich auch in den Kostümen. In den zeitgenössischen Kritiken wurde hervorgehoben, wie modern der Film wirkt. Auch ein so lebensechter Drache konnte auf der Opernbühne damals nicht gelingen.

Termin: 27. April, 17 Uhr; 6 Stunden (eine Pause), 35 Euro