Fassadenkunst

Sprayer mit offiziellem Auftrag

Wie der Potsdamer Künstler Markus Ronge mit Sprühdose und Pinsel viel Farbe auf Trafo-Häuschen und Wände bringt

Die Bäuche der Männer sind kugelig, die Waden der Damen stramm, der See leuchtet in sattem Blau, die geringelte Bademode hebt sich bunt auf grüner Wiese ab – der Pinselstrich Heinrich Zilles ist unverkennbar. Markus Ronge schiebt den Safarihut in den Nacken, nimmt die Sonnenbrille ab, tritt drei Meter zurück, um die Szene, die er soeben auf die grobporige Wand eines Trafo-Häuschens in Blankenfelde-Mahlow gesprüht hat, zu prüfen. „Steht man zu nah, sieht man alles nur noch verpixelt“, erklärt der 37-Jährige. Vorbeikommende, die in Richtung Freibad spazieren, beäugen Ronges Tun misstrauisch. Ronge ist im Auftrag der Kommune hier. Kein wilder Sprayer. Routiniert greift er zur Atemschutzmaske, zieht sie über Mund und Nase. Dann lässt er den nächsten Farbstrahl auf die Betonwand los. Zu seinen Füßen reihen sich Kisten, gefüllt mit Dosen von Nitro- und Acryllacken in allen Farben. Ronge mag Zille, der frechen Motive wegen, die dieser sich von der Straße abgeguckt hat, und dessen Strichführung. „Die wirkt froh.“

2003 hat der Potsdamer mit zwei Freunden das Unternehmen Art-Efx gegründet. Der eine ist von Haus aus Bänker, der andere Fliesenleger, Ronge selbst hat Kommunikationswissenschaften und Nordamerikanistik studiert. Was das Trio eint, ist die Lust am Verschönern. Mit der verdienen die Brandenburger ihr Geld. So erfolgreich, dass sie 16 Mitarbeiter eingestellt haben, seit diesem Jahr sogar in Mediengestaltung und Büromanagement ausbilden. „Angefangen hat alles als Spielerei.“ Mit Ronny Bellovics, 36, den er schon aus dem Buddelkasten kennt, habe er ab und an Fassaden, Garagen und Unterführungen in Potsdam veredelt. Auf Wunsch der betreffenden Wohnungsgesellschaften. „Alles aus Spaß an der Freude und für ein Taschengeld“, erzählt Ronge. Mit der Idee, die Trafo-Häuschen des Landes optisch aufzuwerten, sei aus dem „Nebenbei“ eine Profession geworden. „Anfangs haben wir uns gesorgt, dass diese Säule nicht dauerhaft trägt, weil uns die Häuschen ausgehen.“ Ronge lächelt. „Doch davon kann keine Rede sein. In jedem kleinen Ort gibt es auch ein Umspannhäuschen.“ Mittlerweile hat Art-Efx mehr als 1000 von ihnen mit bunten Farben gestaltet.

Gemeinsame Motivsuche

Das Konzept der Fassadenkünstler geht auf. „Bei der Suche nach dem passenden Motiv beziehen wir die Kommune mit ein, wenden uns an die Anwohner.“ Der Charakter der Region soll sich in den Bildern wiederfinden. „Die eigene Identität spielt eine große Rolle“, hebt Ronge hervor. „Die Usedomer wollen Möwen, Dünen, Boote und Strandkörbe, die Brandenburger präferieren die Havellandschaft mit Storch, Reiher und Reh.“ Er und seine Kollegen nehmen sich Zeit für die Gespräche. Viele Parteien sitzen an einem Tisch, jede habe ihre Vorstellungen. Ronge erinnert sich: „In Oberbayern saß ich einmal mit einer Bürgermeisterin, mit dem Bergbauverein und den Rinderzüchtern des Ortes am Tisch.“ Dann habe es eine Führung durchs Dorf gegeben. Ein Staatsakt im Kleinen. Ronge schmunzelt bei der Erinnerung. „Die Projektplanung bedeutet den eigentlichen Aufwand. Das Malen selbst geht ganz schnell“, sagt er. Frei aus der Hand oder mit Schablone. Die Marke Art-Efx soll erkennbar sein, nicht aber der Künstler dahinter. „Unser Stil muss wie aus einem Guss wirken. Jedes Team muss das andere ersetzen können.“ Das Portfolio hat sich längst erweitert. Ab 100 Euro pro Quadratmeter Fläche kostet die Kunst, rechnet Ronge vor. Konzerne, mittelständische Betriebe, die öffentliche Hand oder Privatleute haben angebissen. Vom Kätzchen auf dem Garagentor über das Kind mit Reagenzglas auf einer Wand der Kita Sonnenschein in Potsdam bis zur aufwendigen Umsetzung einer Fantasiewelt im Untergeschoss des Einkaufszentrums „Das Schloss“ in Steglitz, bei dem Animationen und Lichttechnik in die Darstellung eingeflossen sind, ist alles dabei.

Weltweit Auftraggeber

Die Auftraggeber sitzen längst nicht nur in Deutschland. Wände in der Schweiz, in England, Italien und Dubai haben Ronge und Co. bereits verziert. Ronge will sich verstärkt auf den Berliner Markt konzentrieren. Der ist mittlerweile hart umkämpft. „Es gibt viele Nachahmer.“ Nicht jeder hält sich. Einige sind mittlerweile bei Art-Efx angestellt.

Seinen jüngsten Coup hat Ronge in Prenzlauer Berg gelandet. Und wieder ist Zille mit im Spiel. Zumindest als Muse. Der Eigentümer eines Mietshauses in der Hagenauer Straße 18 war die in die Jahre gekommene aufgemalte italienische Landschaft leid. Art-Efx orientierte sich bei der Wandgestaltung an der Geschichte der Straße nahe der Kulturbrauerei und des Kollwitzplatzes. Logisch, dass ein Leierkastenmann jetzt seine Kurbel dreht, der distinguierte, schmale Beamtentyp, der die Gattin mit Hut und Schirm ausführt, echte Berliner Gören, die in der Seifenkiste über den Bordstein rumpeln, den Mann auf der Leiter zu Fall bringen. Kommentiert wird die Szenerie im Berliner Dialekt. Kaum ein Spaziergänger, der nicht belustigt auf die typische Alt-Berliner Szene reagiert.

Sogar einen persönlichen Scherz hat sich Ronge gegönnt: Rotzbengel Fritze, dessen Zwille noch aus der Hosentasche ragt, wird beim Fassadenschmieren erwischt – und leugnet seine Tat standhaft. Die Kreide, mit der er eben noch den Namen von Lenchen auf dem Mauerwerk verewigt hat, hält er dreist hinterm Rücken. Ronge lacht. „Wie Fritze bemale ich die Fassade – nur mit Erlaubnis und mit Lackfarbe statt Kreide.“ Vielleicht, so hofft Ronge, kann er Wohnungsunternehmen mit diesem Mix aus Fantasie und Stadthistorie für sich gewinnen.