Landespolitik

Brandenburgs oberster Lobbyist

Thomas Kralinski leitet die Landesvertretung. Mit 42 Jahren ist er der Jüngste unter den Bevollmächtigten der Bundesländer

Dunkle, massive Holzmöbel. Eine Schreibtischlampe in edlem, beigefarbenem Glas. Sehr gediegen die Einrichtung. Hier also residiert der Bevollmächtigte des Landes Brandenburg beim Bund. Thomas Kralinski heißt er. Viel hat er in dem Büro unweit des Potsdamer Platzes nicht verändert, seit er es Ende vorigen Jahres bezogen hat. Nur der moderne Brandenburger Adler an der Wand, der ist neu. Ein guter Freund malte das märkische Wappentier mit wenigen Pinselstrichen, in leuchtend-roter Acrylfarbe.

„Wir Brandenburger sind hier etwas Besonderes“, sagt Kralinski. Denn im Gegensatz zu den anderen Ländern, die in der Bundeshauptstadt eine Vertretung haben, grenzt Brandenburg direkt an Berlin an und liegt somit vor der Haustür. „Umso besser lässt es sich von hier für die Mark Brandenburg werben“, meint Kralinski. Seine Aufgabe ist aber nicht nur die Imagepflege. Er ist der Mann, der im politischen Berlin die Weichen dafür stellen soll, dass das Land seine Interessen im Bundesrat so gut wie möglich einbringt. So sagt er von sich: „Ich bin Brandenburgs oberster Lobbyist in Berlin.“

Mit 42 Jahren ist Thomas Kralinski der derzeit Jüngste unter den Leitern der 16 Landesvertretungen. Berlin selbst hat auch eine Vertretung, sie ist im Roten Rathaus eingerichtet. Bis Regierungschef Dietmar Woidke (SPD) den gebürtigen Weimarer Kralinski nach den jüngsten Landtagswahlen im vorigem Jahr zum neuen Bevollmächtigten ernannte, kannten ihn nur wenige. Der Politikwissenschaftler gehört zum engsten Zirkel der Brandenburger SPD. Dort arbeitete er die meiste Zeit hinter den Kulissen. Als Stratege für die Wahlkämpfe des früheren Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD), als Herausgeber der politischen SPD-Heft-Reihe „Perspektive 21“ und zuletzt als Fraktionsgeschäftsführer im Landtag.

Belohnung für Parteiarbeit

„Als der Ministerpräsident voriges Jahr Ende Oktober anrief und mich fragte, ob ich die Aufgabe des Bevollmächtigen des Landes beim Bund übernehmen möchte, stand ich gerade mit ausgezogenen Schuhen auf dem Airport in London“, erzählt Kralinski. „Der Sicherheitsmitarbeiter forderte mich barsch auf, endlich mit dem Telefonieren aufzuhören.“ Er habe keinen Moment gezögert und sofort zugesagt. „Ich fand die Schnittstelle zwischen Land und Bund allerdings schon immer reizvoll“, sagt Kralinski. Es ist also sein bisheriger Traumjob. Für Kritiker ist klar, dass er mit der Position als Staatssekretär für seine treue Parteiarbeit belohnt wurde.

Eigentlich wollte Thomas Kralinski Russischlehrer werden. Er besuchte – noch zu DDR-Zeiten – eine erweiterte Oberschule mit internationaler Ausrichtung in einem Internat im Thüringer Wald. Doch es kam anders. Das Abitur legte er 1991 nach dem Fall der Mauer ab und nahm danach in Leipzig das Studium der Politikwissenschaft, Osteuropawissenschaft und Volkswirtschaftslehre auf. 1994 wäre er fast in die Labour-Partei von Tony Blair eingetreten. Damals studierte er ein Jahr in Manchester. 1998 entschied er sich für die SPD. „Die Parteifarbe spielt bei meiner Arbeit aber nicht die entscheidende Rolle“, sagt Kralinski. Denn oft haben die sogenannten A- und B-Länder (SPD- oder CDU-geführt) die gleichen Interessen, wie etwa beim Kampf um die Regionalisierungsmittel, die der Bund an die Länder für den Nahverkehr verteilt.

Bei 69 Sitzen im Bundesrat sind 35 Stimmen nötig, um Gesetzesvorhaben der Regierung durchzuwinken oder scheitern zu lassen. Brandenburg hat im Bundesrat vier Stimmen, so viele wie Berlin.

Die Länder können im Bundesrat, der elf Mal im Jahr tagt, aber auch eigene Anträge stellen. So gelang es Brandenburg mit Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen, die Kürzung der Filmförderung zu verhindern. Bislang ohne Erfolg brachte Brandenburg hingegen schon viermal die Initiative ein, wonach der Bund mehr Geld für die Beseitigung von Munition aus den Weltkriegen beisteuern soll. „Wir geben da nicht auf“, sagt Kralinski. Kürzlich hat er sich in Oranienburg ein Bild von der Situation gemacht. Etwa 20.000 Bomben fielen im Zweiten Weltkrieg auf die Stadt, jedes Jahr werden gefährliche Blindgänger entschärft. 25 Mitarbeiter hat Thomas Kralinski, der zudem Beauftragter für Internationale Beziehungen ist. Er pendelt zwischen der Staatskanzlei in Potsdam und der Landesvertretung hin und her.

Büro im einstigen Niemandsland

Von seinem Büro aus kann der Bevollmächtigte die Hochhäuser am Potsdamer Platz sehen. Hinten im Garten steht eine Kiefer. „Ein historisch bedrückender Ort“, wie Kralinski sagt. Von 1961 bis 1989 war das hier Niemandsland, unbetretbar. Der Todesstreifen. Zuvor standen hier die alten Reichsministerien und die neue Reichskanzlei von Adolf Hitler, Ausgangspunkt des zweiten Weltkriegs. Da, wo der Sportplatz liegt, war einst das Gelände des Führerbunkers. Das Gebäude in Berlin hat das Land zusammen mit Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2001 neu bauen lassen.

Die Landesvertretung, die Brandenburg pro Jahr 300.000 Euro kostet, wird manchmal auch vom Ministerpräsidenten genutzt. Für vertrauliche Gespräche. Bevor Michael Müller sein Amt als Regierender Bürgermeister antrat, hat sich Dietmar Woidke mit dem neuen Kollegen in der Landesvertretung getroffen. Nirgendwo sonst sind sie ungestörter, meint Kralinski.