Prozess

Schüsse im ICE

Prozess um Geiselnahme auf der Strecke von Berlin nach Hamburg beginnt mit Geständnis

Im November vergangenen Jahres versetzte David S. die Fahrgäste eines ICE von Berlin nach Hamburg in Angst und Schrecken. Seit dem gestrigen Montag muss sich der 24-Jährige deshalb wegen erpresserischen Menschenraubes vor dem Landgericht Potsdam verantworten. Ob vor diesem Gericht auch das Urteil gesprochen wird, ist allerdings noch unklar. Denn was als leicht skurril anmutende Geiselnahme eines möglicherweise psychisch kranken Täters begann, könnte als sogenannte Staatsschutzsache vor dem Oberlandesgericht enden.

Der Zug, der am frühen Morgen des 21. November 2014 um kurz nach 5 Uhr den Berliner Hauptbahnhof verließ, war nur spärlich besetzt. Die meisten der etwa zwei Dutzend Fahrgäste dösten vor sich hin, bis plötzlich gegen 5.30 Uhr ein Schuss die morgendliche Stille durchbrach. Der Zug befand sich gerade kurz vor Nauen, als David S. vom Schaffner kontrolliert wurde und anstelle der gewünschten Fahrkarte eine Schusswaffe zückte. Nachdem er einen Schuss in die Luft abgegeben hatte, erklärte er sein Handeln kurzerhand zur Geiselnahme und präsentierte dem konsternierten Zugchef seine Forderungen.

Schuldfähigkeit noch unklar

S. verlangte nicht nur 2,5 Millionen Euro, sondern übergab dem DB-Mitarbeiter noch ein als Presseerklärung deklariertes Schreiben mit politischen Forderungen an Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Anschließend zwang er die anderen Fahrgäste, den Wagen zu verlassen. Da der 24-Jährige auf mehrere Passagiere einen verwirrten Eindruck machte, griffen diese ihn beherzt an. In dem sich anschließenden Gerangel gab Daniel S. zwei weitere Schüsse ab, bevor er überwältigt worden konnte.

Inzwischen hatte ein weiterer Zugbegleiter die Bundespolizei alarmiert und den Zug im Bahnhof Nauen anhalten lassen. Dort wurde S. festgenommen, die restlichen Fahrgäste mussten in einem anderen ICE umsteigen, der sie nach Hamburg brachte. Gegen den Geiselnehmer wurde zunächst ein Unterbringungsbeschluss erlassen, er kam daraufhin in eine psychiatrische Klinik.

Eine Begutachtung durch Fachärzte kam später zu dem Ergebnis, dass eine Minderung der Schuldfähigkeit bei dem 24-Jährigen nicht vorlag. Daraufhin wurde der Unterbringungsbeschluss in einen Haftbefehl umgewandelt und gegen S. Anklage erhoben. In der Hauptverhandlung vor der 22 Strafkammer des Landgerichts Potsdam legte S. am Montag gleich zu Prozessbeginn ein umfassendes Geständnis ab. Wie Gerichtssprecherin Sabine Dießelhorst der Berliner Morgenpost am Montag sagte, könnte die Frage der Schuldfähigkeit bei der weiteren Verhandlung nochmals eine Rolle spielen. Wo weiter verhandelt wird, steht allerdings noch nicht fest.

Möglicherweise vor dem Oberlandesgericht in Brandenburg (Havel). Der Vorsitzende teilte am Montag mit, seine Kammer werde bis zum nächsten Verhandlungstag am 29. Juni entscheiden, ob der Fall dorthin abgegeben wird. Grund sind die Forderungen des Angeklagten an die Kanzlerin und den Bundespräsidenten. Rechtlich gilt das als Nötigung eines Verfassungsorgans und ist in der Regel ein Fall für Staatsschutzsenate einer höheren Instanz.