Pläne

Die „verbotene Stadt“ und die Flüchtlinge

Wünsdorf wird plötzlich wiederentdeckt: Hier soll eine große Erstaufnahmestation entstehen

Werner Borchert lässt sich auf der Bank nieder, zündet sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug. Zwei Stunden hat er an diesem Vormittag bereits Mitarbeiter des TÜV Deutschland durch die ehemaligen Generalstabs- und Nachrichtenbunker des Oberkommandos des Deutschen Heeres geführt. Über seine Schuhe laufen die Ameisen. „Wir kommen über die Runden. Auch ohne die Landesregierung.“ Werner Borchert ist der Chef hier in der Bücher- und Bunkerstadt Wünsdorf.

Rund 25.000 Besuchern ermöglicht der ehemalige Journalist mit seinen Mitarbeitern jedes Jahr einen Blick durch 100 Jahre Militärgeschichte – und führt Interessierte durch die Hinterlassenschaften aus der Kaiserzeit, des Nationalsozialismus und der Russen. Die Sowjets hatten hier zu DDR-Zeiten von 1953 bis 1994 ihr Oberkommando. Bis zu 40.000 Soldaten lebten mit ihren Familien in der „verbotenen Stadt“. Zu besichtigen sind das Museum Roter Stern und das Garnisonmuseum.

Politiker haben in Wünsdorf keinen guten Ruf. „Sie haben hier viel angefangen, aber nichts vollendet“, sagt Borchert. „Viel versprochen, aber wenig gehalten.“ Unter dem erstem Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD) sollte die ehemalige Militärstadt zum Beamtenstandort Nummer eins werden. Stolpe träumte davon, 40 Kilometer von Berlin und 50 Kilometer von Potsdam entfernt alle wichtigen Behörden anzusiedeln. Hunderte Millionen Mark wurden ausgegeben, um die ehemaligen Kasernen herzurichten – und Wohnungen zu bauen. Es blieben Blütenträume.

Tatsächlich zogen einige Behörden her, der Landesbetrieb für Straßenwesen etwa oder das Landesamt für Denkmalschutz. Schätzungsweise 800 Menschen sind heute in den Landesbetrieben beschäftigt, Tendenz fallend. Doch wohnen wollen die meisten hier nicht. Zu weit ab vom Schuss. Bis die Landesentwicklungsgesellschaft LEG 2002 in die Liquidation ging, hatte die Regierung das 1998 begonnene Projekt der Wald- und Bücherstadt noch unterstützt, seither hält Borchert den Betrieb mit seiner GmbH am Laufen. Die Bunkerführungen laufen besser denn je, während die drei von einst acht noch verbliebenen selbstständigen Buchhändler um jeden Kunden froh sind. Etwa 400.000 gebrauchte Bücher stapeln sich in den Läden.

Bis zu 1200 Asylbewerber

Die Landesregierung hat Wünsdorf nun plötzlich wiederentdeckt. Bis zu 1200 Flüchtlinge will Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) hier unterbringen. Platz gibt es ja genug. Die Erstaufnahmestation in Eisenhüttenstadt ist übervoll. Am Donnerstag will der Minister vor Ort die Pläne vorstellen. Schröter schwebt vor, dass einige Ämter an der Hauptallee umziehen und dort Platz machen. So könnten ab Anfang 2016 die ersten 500 Asylbewerber kommen. Bis November 2016 werden rund 920 Plätze geschaffen, bis März 2017 dann bis zu 1200.

Kürzlich hat es einen Brandanschlag auf eines der für die Flüchtlinge vorgesehenen Gebäude gegeben. Mülltonnen brannten neben dem mit Efeu bewachsenen leer stehenden Haus. „Die Ängste sind groß“, sagt der Sprecher der Stadt Zossen, Fred Hasselmann. Es sei aber nicht wahr, dass Zossen die Hochburg der Rechten sei. Ja, es gab mehrere Vorfälle, ja, die „freien Kräfte“ waren aktiv. 2010 machte ein Brandanschlag auf das Haus der Demokratie Schlagzeilen. Die Initiatoren der Gegenaktion „Zossen zeigt Gesicht“ werfen der Stadt vor, zu wenig gegen die Fremdenfeindlichkeit zu tun. Bürgermeisterin Michaela Schreiber (parteilos) lässt das zurückweisen. Wegen der Pläne des Landes hält sie seit Wochen Sprechstunden ab. Mit der Morgenpost reden mag sie nicht, lässt stattdessen auf die Internetseite der Stadt verweisen – dort finden sich „Infos“ zum geplanten Heim.

Auf der Straße äußern sich die Wünsdorfer ebenfalls zurückhaltend. Andreas Hannemann, der gerade durch die ruhige Behördenstraße gejoggt ist, sagt: „Wir müssen einfach abwarten, was passiert.“ Die 36-jährige Gabriele Ruben und die 35-jährige Candy Ruben machen sich schon Sorgen. Zum Beispiel, ob die Flüchtlinge untersucht werden. „Es könnten ja auch Krankheiten eingeschleppt werden“, sagt Candy Ruben. Das lesbische Paar fürchtet auch, dass es angefeindet wird.

Im Internet werden andere Stimmen laut. „Wünsdorf wehrt sich“, heißt eine Facebook-Seite mit 1657 Unterstützern. Ein Auszug: „Wir sagen NEIN! Ich sehe nur alleinstehende Schwarze, mit kriminellen Energien, die weder arbeiten noch in Ruhe und Frieden leben wollen, sondern im gelobten Land Milch und Honig auf Lebenszeit wollen.“ Eine Facebook-Nutzerin schreibt: „Ja, wo ist Milch und Honig für uns?“ 1658 haben den Seiten-Botton „Gefällt mir“ gedrückt. Die Seite der Flüchtlingshilfe Zossen „Ja zur Erstaufnahmeeinrichtung in Wünsdorf“ hat 474 Gefällt-mir-Klicks.

Gabriele und Hans-Christian Albrecht sehen die Pläne für das Heim hingegen gelassen. „Die Erstaufnahmeeinrichtung ist ja sowieso weit weg von hier“, sagt der 70-Jährige. „Bei uns ist es herrlich ruhig und grün.“ Die Albrechts kamen vor knapp zwei Jahren nach Wünsdorf, wegen des Sohns, der in der Umgebung arbeitet. Früher wohnten sie in Berlin-Spandau.

Bunkerführer Borchert sagt: „Ich bin sehr froh, dass Wünsdorf kein Wallfahrtsort für Neonazis geworden ist.“ Wohl auch deshalb, weil Hitler nie hier war. Historiker vermuten, dass von Wünsdorf aus unter dem Decknamen Walküre das Hitlerattentat vom 20. Juli 1944 geplant wurde. Borchert ist Mitglied des Runden Tisches für Flüchtlingsfragen, hat als Pate den jungen Ibrahim in der Fußballmannschaft des Männerturnvereins untergebracht. „Vielleicht ist die Erstaufnahmeeinrichtung sogar eine Chance“, sagt Werner Borchert. „Es kommt Leben rein und wir werden multikulti.“