Bildung

Flüchtlinge retten die Schule von Golzow

46 Jahre lang begleitete ein Filmteam Kinder, die 1961 eingeschult wurden. Jetzt sollte es dort keine Erstklässler mehr geben

Über dem Eingang der Grundschule von Golzow im Oderbruch hängt ein großes Schild mit der Aufschrift „Hier gingen die Kinder von Golzow zur Schule“. Wo sonst, wird sich der Uneingeweihte fragen. Doch wer als Fremder in den 850-Einwohner-Ort bei Seelow kommt, der tut es meist genau wegen „der Kinder von Golzow“, die durch die längste Filmdokumentation der Geschichte sogar im „Guinnessbuch der Rekorde“ landeten.

1961 wurde das damals neue Schulgebäude eingeweiht, mit dabei war auch ein Dokumentarfilmteam, das die Einschulung von 26 ABC-Schützen – Kinder von Golzow – begleitete. Was damals unspektakulär unter dem Titel „Wenn ich erst zur Schule geh“ begann, daraus wurden 46 Jahre, in denen der Berliner Regisseur Winfried Junge und seine Frau Barbara 20 Einzelfilme drehten. Darin wird die Entwicklung von 18 Schülern mit der Kamera verfolgt und gleichzeitig der DDR-Alltag auf dem Lande dokumentiert. Dabei häufig mit im Bild: die Golzower Schule. „Besucher unseres Filmmuseums fragen immer: Und gibt es die Schule von damals noch?“, erzählt Ingrid Ostwald, die bis 2009 dort Schulleiterin war.

Doch jetzt stand die bei Filmfans bekannte Bildungseinrichtung plötzlich vor dem Aus. Laut Ostwald hatte sie in Hochzeiten noch als Oberschule (bis zum Jahr 2003) mehr als 500 Schüler und 40 Lehrer. Aufgrund rückläufiger Schülerzahlen gerade in ländlichen Gebieten ist sie mittlerweile nur noch eine Grundschule und das nur einzügig. Neun Lehrer unterrichten die knapp 150 Schüler. Die nächste erste Klasse für das kommende Schuljahr ließ sich nur mühsam füllen und das staatliche Schulamt empfahl den betroffenen Eltern schon, sich nach Alternativen für ihre Kinder umzuschauen. „Wir hatten 17 Anmeldungen, die Behörde erkannte uns aber nur 14 an, eine zu wenig, um laut Gesetz eine erste Klasse aufmachen zu können“, beschreibt Golzows Bürgermeister Frank Schütz.

„Die Jugend wandert ab“

Dass es knapp werden könnte, habe sich schon länger abgezeichnet. „Die Jugend wandert ab, für junge Familien gibt es hier keine Perspektiven“, meint das ehrenamtliche Dorfoberhaupt, selbst Vater zweier Söhne im Schulalter. „Das Land will sich kleine Schulen einfach nicht mehr leisten“, klagt er an. Dabei hatte die Brandenburger Landesregierung angesichts dauerhaft sinkender Schülerzahlen bereits 2012 eine extra einberufene Kommission beauftragt, Modelle für die Grundschulversorgung im ländlichen Raum zu erarbeiten. Die Ergebnisse liegen seit zwei Jahren vor, umgesetzt werden sie offenbar nicht. Im Gegenteil, sagt Schütz, das Schulamt habe deutlich gemacht, große Klassen mit 28 Schülern seien rechnerisch und bezogen auf die Lehrerstellen besser als kleine mit nur 15.

Nun aber sind es Flüchtlingskinder, die die traditionsreiche Grundschule von Golzow erst einmal im Bestand sichern. Schütz hatte bereits Wochen zuvor dafür gekämpft, dass zumindest in zwei der elf leerstehenden kommunalen Wohnungen syrische Asylbewerberfamilien einziehen. Seit wenigen Tagen sind sie da – mit sechs Kindern zwischen zwei und acht Jahren.

Für den Bürgermeister ist die Aufnahme und Integration der Flüchtlinge nur logisch, weil er Parallelen in der Geschichte sieht. „Vor 70 Jahren mit dem Kriegsende kamen auch viele Flüchtlinge nach Golzow und fanden hier eine neue Heimat“, erzählt der 44-Jährige. Die meisten im Ort seien den Fremden gegenüber aufgeschlossen.

Die beiden ältesten Flüchtlingskinder werden im August eingeschult, gemeinsam mit den 14 Mädchen und Jungen, die bereits angemeldet waren. Doch die neue erste Klasse wird noch größer, wie Schulleiterin Gaby Thomas erläutert. „Eine Familie mit einem ABC-Schützen zieht gerade aus Bayern zu uns, ein weiteres Kind aus Küstrin-Kietz möchte lieber hier statt in Manschnow eingeschult werden.“

Golzow will Bildungsstandort bleiben, schließlich ging fast jeder aus dem Dorf hier auch zur Schule. „Wenn Kinder schon im Grundschulalter anderenorts lernen müssen, werden sie frühzeitig ihrer Heimat entfremdet“, glaubt der Bürgermeister. Auch im nächsten Jahr seien die Schülerzahlen in der Gemeinde noch knapp. Dennoch hat er Hoffnung: Es würden auch wieder Familien nach Golzow ziehen.

„Die Frage ist doch, ob die Landesregierung das fördert oder im ländlichen Raum nur noch Windparks haben möchte.“ Spätestens 2017, so hat er in den demografischen Prognosen gelesen, sei der Geburtenknick in der Region aber ausgestanden.