Umwelt

Der Biber nagt am Oderbruch

Das Land will die Schäden begrenzen – aber Experten bezweifeln das

Martin Porath bringt die Sache auf den Punkt. „Seit Februar mussten wir quasi zuschauen, wie der Biber das Oderbruch zerstört“, sagt der Chef des zuständigen Gewässer- und Deichverbandes (GEDO). Der Grund: Der Landkreis Märkisch-Oderland musste sich dem Naturschutzbund vor Gericht geschlagen geben.

In der Folge wurde jeder einzelne durch Biber verursachte Schadensfall über ein separates Genehmigungsverfahren durch die Untere Naturschutzbehörde entschieden – ob es um die simple Beseitigung eines Biberdammes ging, oder um die gezielte Vertreibung von Tieren, die den größten eingedeichten Flusspolder Deutschlands mit seinen 1500 Kilometern größtenteils künstlicher Gewässer als Paradies ansehen. Eine Tötung von Problem-Bibern, wie in der Allgemeinverfügung des Landkreises angedacht, wurde gar völlig unmöglich gemacht.

Beantragen und warten

Mehrfach hatte Landrat Gernot Schmidt zuvor eine Landes-Biberverordnung für Brandenburg gefordert, in der geregelt wird, wie die von den Nagern verursachten Schäden zu regulieren sind. Um Klarheit zumindest in Märkisch-Oderland zu schaffen, erließ der Landkreis vor einem Jahr besagte Allgemeinverfügung, die vor allem dem GEDO artenschutzrechtliche Ausnahmen einräumte und dann per Gerichtsentscheidung zunichte gemacht wurde.

„Die betroffene Bevölkerung – ob nun Landwirte, Kommunalvertreter oder Anwohner – informierten uns weiterhin über Schäden. Wir aber durften laut Gerichtsentscheid nur dokumentieren, beantragen und warten“, beschreibt Porath. Daraufhin hätten sich die jeweiligen Probleme „von selbst gelöst“. Damit deutet er an, dass Landwirte möglicherweise Fallen aufgestellt haben. Schon deshalb wurde es für die Brandenburger Biber-Verordnung, die Umweltminister Jörg Vogelsänger jetzt in Kraft setzte, höchste Zeit.

„Die Verordnung ist besser als gar nichts“, räumt der sichtlich frustrierte GEDO-Chef ein, „mal abwarten, was sie in der Praxis bringt“. Denn die Vorstellung, dass Biber jetzt wie andere Tierarten bejagt werden können, ist falsch. Nach wie vor ist er europaweit nach Fauna-Flora-Habitat-Richtlinien streng geschützt. Knackpunkt für die Kritiker ist der Geltungsbereich der Verordnung: Deiche und sonstige Hochwasserschutzanlagen, Dämme von Kläranlagen oder auch bewirtschaftete Fischteiche sollen demnach für Biber tabu sein. Dort können Dämme abgesenkt, Burgen entfernt, Tiere gefangen und in letzter Konsequenz sogar getötet werden. Allerdings: Die europäischen Vogelschutzgebiete – fast ein Viertel der Landesfläche – sowie gerade die von Biberschäden besonders betroffenen, aber unter Naturschutz stehenden Regionen wie das Oderbruch sind von diesen Regelungen ausgenommen. Das mache die Brandenburger Verordnung zu einem „harmlosen Stück Papier“ und quasi wirkungslos, kritisiert Lutz Wercham, Landwirt im Oderbruch und Vorstand im Bauernbund. „Das Problem bleibt“, sagt auch Henrik Wendorff, Vizechef des Brandenburger Bauernverbandes. „Da sind wieder Einzelfallentscheidungen nötig – eine ähnliche Konstellation, wie wir sie bereits im vergangen Jahr hatten.“ Einziger Unterschied: Diesmal sind die Naturschützer keine Gegner, sondern sitzen gleich mit im Boot.

In Märkisch-Oderland hat sich eine regionale Arbeitsgruppe gegründet, die Fallbeispiele und entsprechende Handlungsempfehlungen erarbeitet – gemäß dem Bundesnaturschutzgesetz. „Das ist eine pragmatische Verfahrensweise“, sagt Wendorff, „wir definieren Fälle, bei denen auch die Vertreter des Naturschutzes akzeptieren, dass es beispielsweise zum Einfangen oder Töten von Bibern keine Alternative gibt.“ Denn auch die bisherigen Gegner der Biber-Regulierung würden den Handlungsbedarf inzwischen einsehen.

Raum für den Baumeister

Andererseits ist sich die Arbeitsgruppe auch einig darüber, dass es für den Biber bestimmte Entwicklungsräume geben muss. Auf immerhin 3000 Tiere schätzt das Brandenburger Umweltministerium den Bestand in der Mark, mindestens die Hälfte davon lebt im Oderbruch. „Um den Schutzstatus zu verändern, braucht es ein Bundesratsverfahren. Und das dauert Jahre. Wir aber haben akute Probleme zu lösen“, sagt Wendorf.

Die Überprüfung des Schutzstatus’ auf der Ebene der Europäischen Union helfe im Oderbruch wenig, auch wenn es den Umgang mit dem Thema etwas erleichtern würde, glaubt auch Rainer Schinkel, Kämmerer im Landkreis Märkisch-Oderland. Er spricht von einem „Mix aus Prävention und Bekämpfung“, den die regionale Arbeitsgruppe derzeit unabhängig von der Biber-Verordnung des Landes zusammenstellt. Das Fangen oder Töten von Bibern dürfe auch weiterhin nur das letzte Mittel sein, betont er.