Konflikt

Der Turmstreit zu Rathenow

Weil die Buga-Macher ihr Wahrzeichen sperren, sind Einwohner empört

Die Rathenower sind nicht nur stolz auf die Geschichte der Stadt als Zentrum der optischen Industrie. Sie sind auch stolz auf ihren Bismarckturm. „Er ist unser Wahrzeichen“, sagt Bürgermeister Ronald Seeger (CDU). Das 1914 eröffnete Bauwerk zu Ehren des einstigen Reichskanzlers Otto von Bismarck ziert Postkarten. 1875 war Bismarck zum Ehrenbürger der Stadt ernannt worden. In Rathenow begann seine politische Karriere, hier hielt er 1848/1849 seine Wahlreden, ehe er Mitglied der Zweiten Kammer des Preußischen Abgeordnetenhauses wurde. 32 Meter hoch ragt der Turm auf dem Weinberg empor. „Von oben hat man einen fantastischen Blick über die Stadt“, schwärmt Seeger. Doch ausgerechnet zur Bundesgartenschau (Buga) bleibt das Baudenkmal geschlossen. „Die Bürger sind sauer darüber“, sagt er. „Und das zu Recht.“

Hausrecht abgegeben

Der Bürgermeister würde den Turm am liebsten sofort für die Besucher öffnen. Wenn er nur könnte. Sein Problem: Die Stadt hat das Hausrecht über das Gelände während der Zeit der Bundesgartenschau von April bis Oktober abgegeben – an den Buga-Zweckverband. Dessen Geschäftsführer Erhard Skupch ließ den Turm, der sonst das ganze Jahr über zugänglich ist, überraschend sperren. „Das ist aus Sicherheitsgründen notwendig“, verteidigt Buga-Sprecherin Amanda Hasenfusz die umstrittene Entscheidung. Der Andrang während der Bundesgartenschau sei schlichtweg zu groß.

„Es handelt sich um einen Gedenk- und um keinen Aussichtsturm“, sagt Hasenfusz auf Anfrage der Berliner Morgenpost. „Er hat keine Aussichtsplattform, nur einen schmalen Streifen mit Ecken und Kanten.“ Es sei „supereng“ da oben. Einem „Massenansturm“ sei das Bauwerk nicht gewachsen. „Für uns war klar, dass wir ihn nicht als Aussichtsturm übernehmen“, betont die Buga-Sprecherin. Rathenow gehört zu den fünf Kommunen, die die Bundesgartenschau ausrichten. Erstmals seit ihrer Premiere 1951 erstreckt sich das Blütenmeer über mehrere Orte in zwei Bundesländern. Brandenburg/Havel, Rathenow, Premnitz, Stölln sowie das sachsen-anhaltische Havelberg erwarten bis Oktober mindestens 1,5 Millionen Besucher. Seit der Eröffnung am 18. April wurden bereits rund 250.000 Besucher gezählt. Die Argumente der Buga-Geschäftsführung will Bürgermeister Seeger nicht gelten lassen. Eigens zur Landesgartenschau 2006 hat die Stadt den Bismarckturm aufwendig saniert und für Besucher zugänglich gemacht. „90 Stufen führen in den siebten Himmel“, wirbt die Stadt für eine Besteigung des Bauwerks. „Die Baugenehmigung“, sagt der Bürgermeister, „sieht vor, dass sich zeitgleich nur 25 Besucher in dem Turm aufhalten dürfen.“

Seeger steht unter Druck. Die Bürger und die Stadtverordneten aller Fraktionen erwarten, dass er weiter für die Öffnung des Turms kämpft. Der CDU-Stadtverordnete René Hill kritisiert die Sperrung scharf. „Immer mehr Rathenower fragen sich, ob wir alle Rechte an unserer Stadt während der Buga an den Geschäftsführer Skupch abgetreten haben“, sagt Hill zur Morgenpost. „Diktatorisch bestimmt er, was in Rathenow in den 177 Tagen zu unterlassen sei.“ Geschäftsführer Skupch hingegen verweist darauf, dass die Buga zur Verantwortung gezogen würde, wenn etwas passiert. „Bei der Landesgartenschau war die Situation eine andere“, so Skupch, „da lag der Turm außerhalb des Gartenschaugeländes.“ Hill wittert einen anderen Grund für die Entscheidung der Buga-Macher. „Viele Rathenower vermuten, dass den Besuchern nur die Aussicht verwehrt bleibt, damit der Turm nicht dem Buga-Skyliner Konkurrenz macht.“ Die mobile Aussichtsplattform macht vom 13. Juni bis 23. August Station in Rathenow. „Andere Türme wie die Friedenswarte in Brandenburg/Havel sind doch auch geöffnet“, sagt Hill. Laut Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (CDU) ist die Friedenswarte aber „als Aussichtsturm konzipiert und als solcher in die Buga integriert“. Tiemann ist Vorsitzende des Buga-Zweckverbandes. Mittlerweile zeigt sich die Geschäftsführung um eine Lösung bemüht. Vor Kurzem stieg der Bürgermeister mit Vertretern des Buga-Verbandes auf den Turm. Die Feuerwehr kam mit der Drehleiter. „Sie konnte beweisen, dass sie von außen an den Turmumlauf kommt“, sagt Seeger. Ein Gutachten, bezahlt vom Zweckverband, soll nun Klarheit bringen. Am Donnerstag soll die Entscheidung fallen.