Gewerkschaften

„Unsere Arbeit ist kein Spiel“

Streik-Auftakt: Etwa 1000 Erzieherinnen demonstrieren in Potsdam. Kitas bleiben geschlossen

Im Bürgersaal war alles vorbereitet. Malstifte und Bücher lagen bereit. Die drei Erzieherinnen warteten am Montag früh im Rathaus Kleinmachnow allerdings vergebens mit einem kleinen Frühstück auf die Kinder. Nicht einmal die fest angemeldeten drei Kinder kamen zur angebotenen Notbetreuung. „Offenbar haben die Eltern eine andere Lösung für diesen Tag gefunden“, sagte Doris Nowak, die im Kita-Verbund der Gemeinde südwestlich von Berlin für das Personal zuständig ist. Sechs Kitas und ein Hort von den insgesamt elf kommunalen Einrichtungen blieben in Kleinmachnow zum Wochenbeginn geschlossen. Erzieherinnen und Erzieher kümmerten sich ausnahmsweise mal nicht um die Kleinen, sondern um sich selbst. Zusammen mit etwa 1000 Kolleginnen und Kollegen nahmen sie zum Auftakt der Kita-Streiks in Brandenburg an einer von den Gewerkschaften Verdi und GEW organisierten Kundgebung in Potsdam teil.

Nach Einschätzung der Organisatoren macht etwa die Hälfte der etwa 900 kommunalen Kitas in Brandenburg bei dem Streik mit, dessen Ende nicht absehbar ist. In machen Orten wie in Kleinmachnow wird es voraussichtlich aber bei nur einem Streiktag bleiben. Am Montag waren Einrichtungen in den Landkreisen Potsdam-Mittelmark, Havelland, Uckermark, Barnim, Dahme-Spreewald sowie in den Städten Frankfurt (Oder) und Neuruppin geschlossen. Auch sieben Kitas des Studentenwerks in Berlin blieben geschlossen. „Am Dienstag kommt noch Eisenhüttenstadt dazu“, sagte Verdi-Fachbereichsleiter Erich Mendroch am Rande der Demonstration in Potsdam. Er kündigte an: „Der Streik ist unbefristet. Notfalls machen wir bis Pfingsten weiter.“ Weitere Kundgebungen sind in dieser Woche in Eisenhüttenstadt, Falkensee, Hennigsdorf und Königs Wusterhausen geplant.

Zehn Prozent mehr Lohn

„Wir gestalten die Zukunft“, stand auf den Plakaten, mit denen die Erzieherinnen vom Steubenplatz am Landtag durch die Stadt zum Jägertor zogen. Dafür werden sie aber nicht gerade üppig bezahlt: Eine Kita-Erzieherin verdient in den Anfangsjahren 1300 Euro netto. Die Einstiegsgehälter liegen bei knapp über 1800 Euro brutto und enden bei knapp 3100 brutto. Da sehr viele Erzieherinnen – meist ungewollt – Teilzeit arbeiten, ist ihr Einkommen aber deutlich geringer. Die Gewerkschaften fordern eine höhere Eingruppierung der bundesweit 240.000 Erzieherinnen und Sozialarbeiter in den kommunalen Kitas. „Im Durchschnitt bedeutet das eine Gehaltserhöhung um zehn Prozent“, erläutert Verdi-Vertreter Mendroch. Die kommunalen Arbeitgeber halten dies für nicht bezahlbar. Die Verhandlungen über eine Aufwertung der Sozial- und Erziehungsberufe scheiterten Ende April.

Potsdam ist von dem Arbeitskampf nicht betroffen, da es in der Landeshauptstadt ausschließlich privat betriebene Kitas gibt. Aber auch die Erzieherinnen dort profitieren von den höheren Tarifabschlüssen. Sylvia Swierkowski, die in Potsdam im Hort am Bornstedter Feld als Erzieherin arbeitet, nahm sich eigens einen Urlaubstag, um die Kolleginnen und Kollegen von den kommunalen Kitas bei ihren Forderungen zu unterstützen. „Es geht uns nicht nur um eine bessere Bezahlung“, sagte die junge Frau, „sondern um mehr Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen.“

Eine Erzieherin kümmert sich in Brandenburg um sechs Kinder, das sind doppelt so viel wie in Bremen. Nach den Plänen der rot-roten Landesregierung sollen noch in diesem Jahr 500 weitere Erzieherinnen und Erzieherin eingestellt werden. Eine Erzieherin wird dann rein rechnerisch für 5,5 Kinder im Alter bis zu drei Jahren zuständig sein und für 11,5 Drei- bis Sechsjährige. Die Arbeitsbelastung bliebe enorm, zumal die Anforderungen steigen. „Unser Beruf wird immer anspruchsvoller“, sagt Katrin Pajonk, Leiterin der Kita Zwergenland in Strausberg.

Die Eltern sehen den Streik sehr unterschiedlich. „Die Reaktionen sind gemischt, manche Eltern sind schon verstimmt“, so Katrin Pajonk. Der Potsdamer Holger Katt zeigt Verständnis. Der Vater der zweieinhalbjährigen Helvi ist Koch und hatte sich extra frei genommen, um die Tochter zu betreuen. Denn die Kita in Wilhelmshorst gehörte zu denen, die am Montag geschlossen blieben. „Die Arbeit der Erzieherinnen wird immer mehr, es ist richtig, dass sie streiken“, sagt Holger Katt. Die Gewerkschaft GEW rät den Eltern, die Kita-Beiträge bei den Kommunen für den Betreuungsausfall anteilig zurückzufordern. „Die Rückforderung von Kita-Beiträgen ist im Sinne der Streikenden und ein geeignetes Mittel, sich mit den Beschäftigten zu solidarisieren“, heißt es auf der Internetseite der GEW. Denn wenn sich Beschäftigte am Streik beteiligen, ist der Arbeitgeber berechtigt, für die Ausfalltage den Lohn anteilig einzubehalten. „So gesehen profitieren die kommunalen Arbeitgeber sogar von einem Streik“, meint die GEW.

Busse fahren wieder

Unterdessen gibt es wenigstens eine gute Nachricht: Nach zwei Wochen Streik der Bus- und und Straßenbahnfahrer ist der Nahverkehr wieder angelaufen. Etwa die Hälfte der betroffenen 16 Nahverkehrsbetriebe meldete am Montag, dass alles wieder weitgehend nach Fahrplan laufe.