Jugend

Kleine Könige im Oderbruch

Kinder musizieren im Klangzimmer von Alt Tucheband. Hier lebte die Familie von Rio Reiser

Fabian will das Waschbrett spielen. Und der Bruder von Lukas war auch schon hier. Mit Feuereifer machen sich die Erstklässler an ihr Projekt. Im Klangzimmer in Alt Tucheband im Oderbruch basteln sie eine Rassel – und begegnen einem, den auch ihre jüngeren Lehrer nicht mehr kennen: Rio Reiser.

Die Familie des 1996 gestorbenen Rockpoeten („König von Deutschland“) stammt aus dem Ort. Der Musiker Hans Andreas aus Alt Tucheband ging der Familiengeschichte nach und engagierte sich für das Klangzimmer. Seit fünf Jahren gibt es diesen Raum nun in der früheren Schule in Rathstock, einem Ortsteil von Alt Tucheband. Genutzt wird er für Musikunterricht, Seniorennachmittage und eben Schülerprojekte.

Die Kinder sind begeistert

Rio Reiser hatte Anfang der 90er-Jahre mit seinem Vater dessen Elternhaus in Alt Tucheband gesucht, war aber nicht gerade herzlich empfangen worden und rasch wieder abgereist. Die Episode geriet in Vergessenheit, bis Hans Andreas sie hörte. „Das darf doch nicht wahr sein, habe ich gedacht“, erinnert er sich. War da noch etwas zu retten? Andreas ließ nicht locker. Das Klangzimmer entstand, unterstützt von der Gemeinde.

Musikinstrumente hängen von der Decke, auch die im Oderbruch einst beliebte Ziehharmonika. Eine Ecke erinnert an Musikkapellen der 50er- und 60er-Jahre. Auch Rio Reiser (1950–1996), dem berühmten Enkelsohn des Dorfes – denn geboren wurde er in Berlin –, ist Platz gewidmet. „Wir wollten kein Rio-Reiser-Museum machen, das war von Anfang an klar“, betont Andreas, der als Musiker im Oderbruch bekannt ist. In Tracht und Holzschuhen spielt er auf, als „Hölschebure“. „Wir wollen in seinem Sinn etwas für die Musikerziehung der Kinder machen; auch Rio Reiser hat mit Kindern gearbeitet.“ Jährlich finden mehr als 100 Veranstaltungen im Klangzimmer statt, neben Projekttagen auch Seniorennachmittage. Eine Musikschule nutzt den Raum für Unterricht.

Die Arbeitsinitiative Letschin schickt jährlich einen Betreuer. In diesem Jahr bastelt Ingrid Schulz mit den Erstklässlern Musikinstrumente. Wenn die fertig sind, tritt der „Hölschebure“ mit der Ziehharmonika auf. Er übt mit den Kindern Rhythmus, Lautstärke, Tempo. Gemeinsam singen und musizieren sie, unterscheiden Vogelstimmen. Am Ende zieht eine Polonaise durch den Raum. Die Kinder juchzen. „Wir versuchen, regelmäßig zu kommen“, sagt Lehrerin Annette Nielsen. Das Schöne sei, dass die Musik im Vordergrund stehe. Hans Andreas hat die Rasselbande schnell im Griff. „Ich war 40 Jahre Lehrer“, schmunzelt der 67-Jährige und spielt wieder auf, passend zur Jahreszeit „Alle Vögel sind schon da“. Die Kinder stimmen ein, die Rasseln heftig schwenkend.

Reisers Vater kam 1924 in Alt Tucheband zur Welt, der Großvater war Kammerdiener beim Gutsbesitzer. Alte Familienfotos hängen im Klangzimmer, auch ein T-Shirt von Rio. „Das hat uns ein Fan überlassen“, sagt Andreas. Mehr Requisiten oder gar ein Instrument des Sängers von „Ton Steine Scherben“ würden sich die Enthusiasten schon wünschen. Doch die Kontakte zur Band sind schwierig. Ein Bruder von Rio Reiser kam 2010 zur Eröffnung des Klangzimmers. Andreas zeigt auf einen roten Samtsessel, den ein Fan stiftete. Am Projekttag darf ein Kind dort sitzen, mit Zepter und Krone „König von Deutschland“ sein. Diesmal wird es Robin. Er darf eine Freundin mit auf den Thron nehmen. Manchmal schreiben Schüler auch auf, was sie ändern würden, würden sie regieren. Frieden und kein Krieg werden oft gewünscht.

Aufwertung des Ortes

Nur ab und zu suchen Besucher Spuren von Familie Möbius, so der bürgerliche Nachname von Rio Reiser. Dennoch ist die musikalische Initiative in Alt Tucheband nicht zu unterschätzen, wie der Potsdamer Psychologe Gerd Reimann betont. „Solche Unternehmungen sind total wichtig für den Ort.“ Ein Erbe zu pflegen sei identitätsstiftend, auch die Zusammenarbeit von Jung und Alt, sagt Reimann. „Das wertet den Ort auf.“ Und das sei wichtig, damit die Region bekannter werde. Reimann, Geschäftsführer einer Unternehmensberatung, rät, Kontakt zu anderen Kultureinrichtungen im Oderbruch zu suchen. „Wir müssen die Dinge, die wir haben, bekannt machen und auch dafür werben. Dann haben alle etwas davon.“