Nisthilfe

Wohnstuben für Fischadler

Brandenburg will mehr der Greifvögel anlocken und leistet deshalb Hilfe beim Nestbau

- Routiniert schnallt sich Daniel Schmidt die Steigeisen um, schlingt ein Seil um den Baumstamm der mindestens 150 Jahre alten Kiefer und klettert behände in 30 Meter Höhe. Wer den 51 Jahre alten Biologen dabei beobachtet, merkt schnell, dass der ein Profi ist. Kein Wunder, hat sich der Leiter des Nabu-Vogelschutzzentrums Mössingen in Baden-Württemberg doch auf Greifvögel spezialisiert. Und für die muss er des Öfteren mal hoch hinaus. Beispielsweise, um künstliche Nisthilfen in Baumwipfeln zu installieren – wie derzeit in einem Waldgebiet zwischen Grünheide und Hangelsberg (Oder-Spree). Wagenrädern ähnliche große Metallgestelle werden in die Baumkrone gesetzt und befestigt. Darauf kommt ein flacher, runder Weidenkorb und der wiederum wird mit Baumrinde, knorrigen Ästen, Gras und Erde befüllt. Fertig ist die Wohnstube für Fischadler.

Fünf Brutpaare in der Gegend

Die Landeswaldoberförsterei Hangelsberg, eine von 14 im Land Brandenburg, unterstützt damit in Kooperation mit Naturschützern die Verbreitung dieser Greifvogelart. Um die besten Standorte für Horsthilfen zu finden, greift die Forstverwaltung auf Erfahrungen des Greifvogelexperten Schmidt zurück. Mit ihm hatte sie bereits zur Jahrtausendwende kooperiert: Als Jungvögel aus Nestern in Ostbrandenburg entnommen wurden, um sie erfolgreich in Spanien neu anzusiedeln. „Schmidt hat unsere sechs Standortvorschläge begutachtet, einige verworfen, selbst neue gefunden, sodass wir jetzt vier optimale tierische Wohnstubenangebote machen können“, erklärt der Chef der Oberförsterei, Lars Kleinschmidt. Höchste Zeit, denn jetzt kehren die Fischadler aus ihren Winterquartieren in Afrika zurück nach Brandenburg.

Die Mark ist mit 340 Brutpaaren das fischadlerreichste Land in der Bundesrepublik. Experten gehen davon aus, dass es noch mehr Exemplare hier geben würde, wenn genügend geeignete Nistplätze vorhanden wären. Allein im wasserreichen Gebiet der Oberförsterei Hangelsberg sind laut Kleinschmidt fünf Brutpaare bekannt. Sie nisten aber allesamt auf Strommasten. Denn die Baumbrüter bevorzugen Punkte, die die Umgebung deutlich überragen und einen möglichst freien Rundumblick bieten. Dafür kommen eigentlich nur frei stehende alte Bäume mit starken Kronen – in Brandenburg bevorzugt Kiefern – in Betracht. Solche Exemplare gibt es allerdings nicht mehr so häufig. „Wir wollen die Tiere nicht von den Masten holen, sondern mit unseren Nisthilfen ihre natürlichen Bruträume fördern“, erläutert der Forstmann. Insbesondere gehe es um die Neuansiedlung und allmähliche Ausbreitung dieser Vogelart. Der richtige Brutplatz sei das A und O, weniger das Nahrungsangebot, so Kleinschmidt.

Fischadler, die bis zu 30 Jahre alt werden können, kehren laut Experten Schmidt als Zugvögel in der Regel immer in die Nähe ihres Geburtsortes zurück. „Oftmals werden die Horste über Generationen weitervererbt.“ Freie Standorte sind daher Mangelware. Das Ersatzwohnstubenangebot sei deshalb vor allem für Fischadlerjungpaare gedacht, die sich nicht weit von ihren Eltern niederlassen wollen. Denn im Gegensatz zu anderen Greifvogelarten verhalten sich Fischadler recht sozial und verteidigen Reviere nicht erbittert gegen Konkurrenten. Wo genau sich die Nisthilfen befinden, möchten Förster und Naturschützer lieber geheim halten: aus Angst vor professionellen Eierdieben. „Ich glaube schon, dass ein oder zwei Horste gleich besiedelt werden“, so Schmidt. Spätestens Mitte April müssen Fischadlerpaare mit der Brut anfangen, damit Ende Mai durchschnittlich zwei, drei Junge schlüpfen und einen Monat lang groß gezogen werden.

Noch im 19. Jahrhundert war der Fischadler in ganz Mitteleuropa an Seen und Flüssen als Brutvogel verbreitet. Als vermeintlicher Nahrungskonkurrent des Menschen wurde er allerdings gnadenlos verfolgt: Die Vögel wurden gezielt abgeschossen, die Gelege geplündert und Horstbäume gefällt. Bis auf wenige Exemplare in Nordostdeutschland war der Fischadler Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Deutschland nahezu ausgerottet. Erst durch intensive Schutzmaßnahmen wie Nisthilfen, Horstschutzzonen und verminderten Jagddruck in den vergangenen zwei Jahrzehnten stieg die Population wieder – auf deutschlandweit 650 Brutpaare.