Geschichte

Wo er früher kämpfen musste, wachsen heute Blumen

Ein Brandenburger erinnert mit Vergissmeinnicht an die Kriegstoten

Erst macht der Mann einen großen Ausfallschritt nach vorn, dann einige Tippelschritte zurück. Mit großen Augen gestikuliert er, um seine Worte zu unterstreichen. Dann wird beim Plausch mit dem Gartennachbarn in Zeuthen (Dahme-Spreewald) schallend gelacht. Seine fast 90 Jahre merkt man Heinz Mutschinski nicht an. Was er vor 70 Jahren im Schützengraben bei Podelzig (Märkisch-Oderland) erlebte, auch nicht.

Mit gerade mal 19 Jahren zum Zugtruppenführer in einem Grenadierregiment befördert, hockte Mutschinski damals im eiskalten Lehmboden. Hinter ihm flüchtete die Zivilbevölkerung, vor ihm lagen Truppen der achten Gardearmee von Wassili Tschuikow. Den folgenden dreistündigen russischen Granatenhagel überlebten von seiner 30-Mann-Truppe nur zwei: er selbst und sein Melder. „Das war die Nacht vom 9. auf den 10. März 1945. Aber unter freiem Himmel kampierten wir schon seit Wochen. Bei Minusgraden und kaltem Essen. Waschen gab’s nicht“, erinnert er sich.

Ein gutes Gedächtnis

Schon seit Jahrzehnten streut der gebürtige Fürstenberger (Oder-Spree) Anfang März genau dort Vergissmeinnicht und andere Blumensamen, wo er kurz vor der Oder den Beginn der letzten großen Weltkriegsschlacht miterleben musste. „Wenn wir die Kriegstoten beider Seiten vergessen, sterben sie ein zweites Mal.“

Wenn es um die Kämpfe in dem kleinen Weiler Klessin im Oderbruch geht, kann er sich in Rage reden. So, als hätte die Schlacht erst kürzlich stattgefunden. Der Brandenburger sprach zu dem Thema schon in Fernsehkameras, vor Schülern und auf Gedenkveranstaltungen. Getreu dem Motto „Rentner haben niemals Zeit“ sei er fast täglich auf Achse, lacht der Zeuthener. Als Zeitzeuge unterstützt er auch den Hamburger Verein zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VBGO). „Der Verein konnte bislang über 7000 Kriegsvermisste verschiedener Nationen bergen“, sagt Heinz Mutschinski. Die Gebeine der Gefallenen würden dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge übergeben. „Wir wollen Opfern einen Namen geben, egal ob eigener Kamerad oder früherer Feind“, so VBGO-Chef Albrecht Laue aus Hamburg, der von Ehrenamtlern etwa aus Russland, der Ukraine, Polen und Holland unterstützt wird. Für seine Aktivitäten ist Mutschinski auch schon von russischer Seite ausgezeichnet worden. „Ich mach’ das aber nicht wegen irgendwelcher Orden. Dieses Engagement ist für mich wie Therapie.“

Dann kommt er noch einmal auf jene Nacht vom 9. auf den 10. März zu sprechen. Seine Kompanie beschreibt der frühere Fahnenjunker als völlig unerfahren. „Das waren zum Teil 17-Jährige, die zuvor nie ein Gewehr in der Hand hielten.“ Noch heute packe ihn die Wut bei dem Gedanken, wie hier „halbe Kinder verheizt“ wurden. „Vor allem ist es aber Wut auf die, die diesen Krieg zu verantworten hatten.“

Das Inferno begann am Morgen

Die Stunden vor dem Angriff der Sowjetarmee verbrachte Heinz Mutschinski damit, im Schützengraben aus Lehm und Spucke Figuren und winzige Häuser zu formen: „Einfach, um die Nerven zu beruhigen.“ Im Morgengrauen begann das Inferno, das er wie durch ein Wunder überleben sollte. Neben ihm schlugen Granaten ein. Später wurde er versehentlich von eigenen Leuten beschossen, Minuten danach stand er einem Rotarmisten gegenüber. Der feuerte ab – und traf nicht. Später sprang er zurück in seinen Schützengraben. Doch dort kauerten schon zwei Russen, die die Nähe des Feindes offenbar selbst nicht fassen konnten. „Wir starrten uns an, und ich sprang wieder raus.“ Mutschinski rannte um sein Leben: „Dieses Inferno kann sich heute keiner vorstellen. Die Erde bebte damals, so wie unsere Herzen.“

Schließlich spürte er einen Schlag gegen den Hals. Treffer. „Ich verlor viel Blut, und als Erstes ging mir durch den Kopf: Das war’s. Ich konnte noch kurz winken, aber nicht mehr sprechen.“ Irgendwie schleppte sich Mutschinski zum Hauptverbandsplatz Niederjesar. Später kam er in ein Lazarett in Bayern und in französische Gefangenschaft. 50 Jahre Gefängnis, lautete die erste Prognose eines Vernehmers. Doch im wahren Leben kehrte Mutschinski 1948 ins sowjetisch besetzte Ostdeutschland zurück.

Noch vor den Feiern und dem Gedenken zum 70. Jahrestag des Kriegsendes Anfang Mai steht für den Brandenburger eine eigene große Privatfeier an: „Am 1. April werde ich 90.“