Parkordnung

Täglicher Kampf vor prachtvoller Kulisse

Die Bewohner der Berliner Vorstadt fühlen sich im Neuen Garten gegängelt. Das Ordnungspersonal wird häufig beleidigt

Am Eingang zum Neuen Garten steht ein Mann und leint seinen Hund an. Er gehört offenbar zu denen, die sich an die Parkordnung halten. Irrtum. Der Potsdamer war bereits spazieren, der schwarze Riesenschnauzer kommt erst an die Leine, als es wieder hinaus auf die Straße geht. „Den Herrn kennen wir schon“, sagt Sabine Erler vom Ordnungsdienst der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. „Beim nächsten Mal werden wir kassieren.“ Ihren richtigen Namen will die Kontrolleurin in der Berliner Morgenpost nicht preisgeben. Auch ihr Kollege, mit dem sie an diesem Tag unterwegs ist, will sich vor Anfeindungen nach Dienstschluss schützen. Denn was sich im Neuen Garten zwischen manchen Bewohnern der noblen Berliner Vorstadt und den Ordnungskräften zuweilen abspielt, ist alles andere als vornehm.

Strenge Regeln im Park

„Wir werden mitunter heftig beschimpft“, sagt Sabine Erler, „von Hundebesitzern, Fahrradfahrern und im Sommer von Badenden.“ Anwohner hingegen beklagen verstärkt, dass sie sich von den Kontrolleuren gegängelt und schon mal „bis nach Hause verfolgt“ fühlten. Das ist das Thema – beim Friseur, im Fitnessklub, im Waxing-Studio: Potsdam unter der Fuchtel der Schlösserstiftung.

Der Park ist so etwas wie der erweiterte Garten der gut situierten Potsdamer. Von der Schlösserstiftung verwaltet, liegt das weitläufige Areal am Rande des Luxusvillenviertels, zwischen Heiligem See, Tiefem See und Pfingstberg. TV-Moderator Günther Jauch schaut von seinem Zuhause in der Berliner Vorstadt geradezu auf das frühklassizistische Marmorpalais im Neuen Garten. Ein imposanter Blickfang auf dem gegenüberliegenden Ufer des Heiligen Sees. Ein paar Schritte nur von Jauchs Haus entfernt wohnt Modedesigner Wolfgang Joop in seiner weißen Villa am Wasser. Von dort aus ist er häufig mit dem Fahrrad unterwegs und nimmt dann gern den Weg durch den Neuen Garten.

Die Parkordnung enthält strenge Regeln: So darf man ihn – wie alle anderen Schlossparks – mit dem Fahrrad befahren, aber nur auf den dafür ausgewiesenen Strecken wie dem geteerten sogenannten Ökonomieweg oder entlang des Jungfernsees. Hunde dürfen spazieren geführt werden, aber nur an der Leine. Ihre Haufen müssen entfernt werden. Baden ist im Neuen Garten erlaubt, aber nur an einer Stelle, nahe dem Grünen Haus.

„Wenn uns ein Verstoß auffällt, sprechen wir die Menschen freundlich an und weisen sie auf die Parkordnung hin“, sagt Sabine Erler. „In der Regel reagieren sie vernünftig.“ Bezahlen müssten nur Wiederholungstäter. Zwischen fünf und 55 Euro beträgt das Verwarngeld. Zahlbar an Ort und Stelle oder per Überweisung. Nach Morgenpost-Recherchen gab es 2014 allein gegen Hundebesitzer insgesamt 369 Bußgeldverfahren in den Parks der Schlösser und Gärten.

Immer wieder kommt es bereits zum Streit, wenn sich die von der Schlösserstiftung beauftragten Kontrolleure unfolgsamen Parkbesuchern nur nähern. „Geht lieber mal richtig arbeiten“ oder „Wir zahlen unsere Steuergelder und wollen in Ruhe gelassen werden“ – heißt es dann. Das sei noch harmlos, sagt Markus Martens* vom Ordnungsdienst. „Ein Mann, etwa 30 Jahre alt, drohte mir im Beisein seiner kleinen Tochter Schläge an.“ In der Regel reagierten die Älteren aber „unverschämter“ als die Jüngeren, sagt Martens. Viele Parkbesucher verweisen darauf, dass es in der Potsdamer Innenstadt kein Hundeauslaufgebiet gebe. Nur in Babelsberg. „Wo sollen wir unsere Tiere dann laufen lassen?“, fragen sie. Martens hat dafür zwar Verständnis, kann die Regeln aber auch nicht ändern. Immerhin hat er über das Unesco-Welterbe zu wachen. So versucht er es mit netten Worten: „Wir wollen es hier doch alle schön und angenehm haben.“

Wie Katz und Maus spielen

Die Stiftungsmitarbeiter in schwarzen Jacken mit der Aufschrift „Ordnungsdienst“ sind von 6 bis 20.30 Uhr unterwegs, im Sommer sogar bis 22 Uhr. Unterstützt werden sie von einem Wachschutz, er ist rund um die Uhr im Einsatz. Dessen Mitarbeiter können zwar aufpassen und belehren, aber keine Verwarnungen erteilen. Dazu müssen sie den Ordnungsdienst rufen. An heißen Tagen sind im Sommer manchmal schon morgens 150 Besucher da, mit Decken und Picknickkörben. Sie wollen im Heiligen See baden, doch das ist nur gegenüber auf der städtischen Seite erlaubt – und an einer Stelle im Bereich der Stiftung. „Da gibt es jedes Mal heftige Diskussionen“, erzählt Martens.

Es ist ein bisschen wie Katz und Maus spielen. Man kennt sich mittlerweile. Vielen gelingt es, den Hund noch schnell anzuleinen. Nicht alle aber sind flink genug. Zum Beispiel die ältere Dame, die ihren kleinen Vierbeiner meistens frei laufen lässt. „Sie zückt schon das Portemonnaie, wenn sie uns sieht“, sagt Sabine Erler. In diesem Moment kommt eine junge Frau mit Hund vorbeigefahren. „Angeleint ist er ja, aber sie sitzt auf dem Fahrrad“, stellt Erler fest. Die Frau bleibt überraschend stehen. „Guten Tag, steigen Sie mal bitte ab“, sagt Sabine Erler. Sie weist auf die Vorschriften hin. Es gibt keine Probleme. „Ja, okay“, sagt die Radfahrerin. Sie kommt ohne Verwarngeld davon. Auch mit Regina Stremlow kommen Erler und ihr Kollege ins Gespräch. Sie ist mit ihrem Beagle Paul unterwegs und hat bedingt Verständnis für die strikten Parkregeln. Vor allem vermisst sie genügend Hundestationen, in denen sie Tüten bekommt und auch entsorgen kann. „In der Schweiz, wo ich mittlerweile wohne, ist jeder Mülleimer damit ausgestattet“, sagt die Hotelfachfrau.

Laut Schlösserstiftung stehen in den Potsdamer Parks 42 solcher Behälter bereit. Im Sommer kämen 50 mobile Müllbehälter im Bereich der Badestellen und der Liegewiesen dazu. Der Sprecher der Stiftung, Frank Kallensee, bestätigt, dass die Kontrollen im vergangenen Jahr intensiviert wurden. „Wir haben seit 2014 zusätzliche Parkstreifen eingesetzt“, sagt Kallensee. Die verstärkten Kontrollen würden fortgeführt. Damit sich ertappte Besucher nicht mehr herausreden können, wurde eine neue, übersichtlichere Beschilderung im Neuen Garten aufgestellt. Das löst das Problem allerdings nicht, da es Anwohner gibt, die sich dadurch in ihrer Freiheit beschnitten fühlen. Einige von ihnen werden es weiterhin auf den täglichen Kampf mit dem Ordnungspersonal ankommen lassen.

*Name geändert