Justiz

Vater wollte sein Baby vergiften

36-Jähriger muss sich wegen Mordversuchs vor dem Landgericht Potsdam verantworten

Der Vorwurf klingt unglaublich: Ein Vater soll versucht haben, seine kleine Tochter mit einem Gift-Cocktail zu töten, weil sie einer neuen Beziehung im Weg stand. Die Kleine litt Höllenqualen, entkam nur knapp dem Tod. Ein Gericht soll jetzt die Wahrheit herausfinden. Angeklagt ist der 36-jährige Gerd S. aus Schleswig-Holstein. Am Dienstag begann in Potsdam vor dem Landgericht der Prozess wegen versuchten Mordes an seiner Tochter Emilie.

Die Anklage wirft dem 36-Jährigen auch die Misshandlung von Schutzbefohlenen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vor. Der Mann bestreitet dies. Er werde zu den Vorwürfen aussagen, kündigte er zum Prozessauftakt an. Seit Ende Juni 2014 befindet sich der Angeklagte in Untersuchungshaft.

Alle Hemmungen verloren

Während der Verlesung der Anklage war Gerd S. in Tränen ausgebrochen. Ein kleiner, unscheinbarer, fast kahlköpfiger Mann. Folgt man der Anklageschrift, begann der Vater zunächst zögerlich und verlor dann nach und nach seine Hemmung. Der gelernte Tierpfleger stellte sich am ersten Prozesstag als besorgter Vater dar. Offenbar um den Verdacht auf die Mutter der Kinder zu lenken, sagte Gerd S. am Dienstag: „Ich weiß, dass ich meiner Tochter nie etwas antun könnte.“ Es bliebe nur seine Ex-Partnerin.

Nach dem Willen von Rechtsanwältin Manuela Krahl-Röhnisch, die das inzwischen 20 Monate alte Kind vertritt, sollte der Angeklagte unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagen. Dies lehnte das Gericht unter dem Vorsitz von Frank Tiemann jedoch ab. „Er versucht, sich von den Vorwürfen reinzuwaschen“, begründete die Anwältin ihren Vorstoß. Aufgrund bisheriger Äußerungen sei anzunehmen, dass der angeklagte Vater Familieninterna in einem schlechten Licht darstellen werde. Dies könnte das Kindeswohl des Opfers gefährden.

Emilie fällt ins Koma

Das Martyrium der kleinen Emilie begann im Frühjahr 2014. Am 19. März des vergangenen Jahres wurde das damals acht Monate alte Kind in Neumünster (Schleswig-Holstein) das erste Mal stationär in einem Krankenhaus aufgenommen. Emilie spuckte und würgte, sie trank und aß nichts mehr. Die Ärzte behielten sie drei Tage auf der Station, dann entließen sie das Mädchen nach Hause. Dass ausgerechnet dort die Gefahr lauerte, wurde erst später klar.

Auch nach dem Umzug der Familie nach Brandenburg musste das Baby immer wieder behandelt werden. Emilie wurde dünner, aß kaum etwas und wuchs nicht mehr. Ursache war eine schrittweise Vergiftung des Kleinkinds. „Gerd S. hat seiner Tochter Desinfektionsmittel auf Gaumen und Zunge getupft“, sagte Justizsprecherin Sabine Dießelhorst. Daraufhin begann Emilie zu würgen. Laut Staatsanwaltschaft hat sich ihr Vater gezielt zitronensäurehaltige Reinigungsmittel besorgt, die er seiner Tochter in Milch und Tee mischte. Später, als Emilie bereits mit einer Magensonde im Krankenhaus lag, soll er ihr Desinfektionsmittel direkt durch den Zugang eingeflößt haben.

Im Sommer war das unterernährte Kind auf Anraten der Ärzte zur Kur geschickt worden. Ein paar Wochen verbrachte Emilie in der Helios-Kinderklinik in Brandenburg-Hohenstücken. Es ging ihr besser, sie stand kurz vor der Entlassung. Dann ging der Vater mit ihr auf dem Klinikgelände spazieren. Kurz danach fiel Emilie ins Koma.

Die Ärzte entschieden, Emilie ins Städtische Klinikum Brandenburg an der Havel zu verlegen. Dort wachte sie auf der Kinderintensivstation nach ein paar Stunden überraschend wieder aus dem Koma auf. Die Kleine wurde umfassend untersucht, die Ärzte schlossen eine organische Ursache aus. Dennoch fiel das Kind ein paar Tage später erneut in ein Koma und musste beatmet werden – nachdem sie längere Zeit mit ihren Eltern verbracht hatte. Schließlich fiel den Ärzten auf, dass es Emilie immer genau dann schlechter ging, wenn sie Kontakt mit ihren Eltern hatte. Daraufhin untersuchten die Ärzte den Mageninhalt und das Blut des Mädchens. Sie fanden Rückstände von Desinfektionsmitteln – und eine hohe Konzentration von Alkohol. Laut Gerichtssprecherin Dießelhorst war am „29. Juni 2014 bei dem Kind ein Blutalkoholgehalt von 0,879 Promille festgestellt worden“.

Am Tag darauf wurden Gerd S. und die Kindsmutter Nadja G. in der Klinik festgenommen. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei ergaben nach kurzer Zeit, dass nur der Vater als Tatverdächtiger in Betracht kommt. Als Motiv sieht die Staatsanwaltschaft den Wunsch des Beschuldigten, mit einer früheren Freundin eine sexuelle Beziehung aufzunehmen. Diese Frau sei aber von seinen familiären Bindungen abgeschreckt gewesen. Die Tochter sei eine Belastung für den 36-Jährigen gewesen und habe ihm bei einer neuen Beziehung im Weg gestanden, so Staatsanwalt Gerd Heininger.

Opfer ist inzwischen wohlauf

Die Ärzte vermuteten hinter der Tat ein sogenanntes Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Dabei macht ein Mensch einen anderen bewusst krank oder täuscht eine Krankheit vor, um Zuwendung zu erreichen. Häufig sind es Mütter, die ihr Kind auf diese Weise misshandeln. Emilies Eltern waren sieben Jahren zusammen. Ihre Beziehung geriet offenbar in eine Krise, als Gerd S. arbeitslos wurde. Er war fortan viel zu Hause und fühlte sich nutzlos. Die Idee seiner Frau, dass er die Kinderbetreuung übernimmt und sie arbeiten geht, gefiel ihm allerdings auch nicht. Das Paar, das noch einen gemeinsamen vierjährigen Sohn hat, ist inzwischen getrennt.

Das Landgericht Potsdam hat 27 Prozesstage bis zum 9. Juli geplant. Knapp 60 Zeugen sind geladen, zumeist Pfleger, Ärzte und Krankenschwestern sowie mehrere Gutachter. Emilies Rechtsanwältin Manuela Krahl-Röhnisch, sie ist Nebenklägerin, zeigt sich am Dienstag von den Aussagen des Beschuldigten nicht überrascht: „Er versucht, sich von den Vorwürfen reinzuwaschen.“ Die Mutter sei nachweislich an einigen der prozessrelevanten Zeitpunkte nicht bei Emilie gewesen. Nach Angaben der Anwältin wollte die Frau die Beziehung beenden.

Nach Darstellung der Rechtsanwältin Manuela Krahl-Röhnisch geht es der kleinen Emilie inzwischen wieder gut. „Sie ist sehr aufgeweckt“, berichtete die Rechtsanwältin. Zunächst war sie in einer Pflegefamilie untergebracht, mittlerweile lebt Emilie wieder bei ihrer Mutter in der Nähe von Hamburg. Die Frau habe das Sorgerecht für das Mädchen.