Justiz

43. Tag im „Maskenmann-Prozess“

Kripo-Chef will das Entführungsopfer nicht zu Unrecht beschuldigen

Es gibt Fotos vom September 2013, da wirkt Siegbert Klapsch noch sehr zufrieden. Der 54-jährige ist Leiter der Kriminalpolizei in der Polizeidirektion Ost. Im September 2013 war er in Personalunion Chef der Soko „Imker“ und verkündete auf einer Pressekonferenz, dass ein lange gesuchter Straftäter vermutlich gefasst worden sei: der so genannte „Maskenmann“. Mario K. wurde verdächtigt, im Herbst 2011 Anschläge auf die Ehefrau und die Tochter eines Berliner Unternehmers verübt und dabei den Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma angeschossen haben. Vorgeworfen wurde dem 46-Jährigen Mario K. zudem die Entführung von Stefan T., Chef einer Berliner Investmentfirma.

Seit Mai 2014 muss sich Mario K. deswegen vor einem Schwurgericht in Frankfurt (Oder) verantworten. Inzwischen gibt es den 43. Verhandlungstag. Als Zeuge ist Kriminaldirektor Klapsch geladen. An den Prozesstagen zuvor wurde über haarsträubende Vorfälle bei den Ermittlungen gesprochen. Und Klapsch ist jetzt offenkundig hartnäckig um Schadenbegrenzung bemüht. Auf die Frage, ob er die Ermittlungen zu Ungunsten von Mario K. beeinflusst habe, reagiert er empört. Diese Behauptungen seien „in keiner Weise zutreffend“, sagt Klapsch. „Das ist eine Verletzung meiner persönlichen Ehre und auch meines Amtes bei der Polizei.“ Er gehe davon aus, dass diesen falschen Behauptungen „juristisch nachgegangen“ werde.

Dieser sichere Auftritt kommt jedoch schnell ins Schwanken, als von Gericht und Verteidigung sehr konkrete Fragen gestellt werden. Dreh- und Angelpunkt sind dabei vor allem die Ermittlungen, nachdem sich das mutmaßliche Geiselopfer Stefan T. am 7. Oktober 2012 befreien konnte. T. wurde damals in das Lagezentrum der Kripo gebracht und dort befragt. Anwesende waren hochrangige Kriminalbeamte, darunter Klapsch. Sein damaliger Vertreter hatte am 16. Januar vor Gericht ausgesagt, dass er es für nicht nachvollziehbar halte, dass Stefan T. damals nicht gerichtsmedizinisch untersucht worden sei. Es wäre eigentlich eine obligatorische Maßnahme gewesen.

Entführter wurde nicht untersucht

Was nachvollziehbar ist. Jeder Polizeischüler weiß, dass ein mutmaßliches Verbrechensopfer, das zwei Nächte gefesselt ohne Nahrung und geknebelt auf einer kalten Insel verbringen musste, ein Fall für einen Arzt ist. Klapsch sieht das bis heute ganz anders. Es sei nicht erkennbar gewesen, dass Herr T. Verletzungen hatte. Die Untersuchung, so Klapsch weiter, sei damals „zugunsten anderer Maßnahmen zurückgestellt worden“ – was so nicht korrekt ist, sie wurde überhaupt nicht durchgeführt.

Eine Woche später, so Klapsch, habe ihm sein damaliger Vertreter erklärt, dass er die Aussage des Stefan T. für unglaubhaft halte und die Entführung womöglich vorgetäuscht sei. Konkret habe der Kollege die These jedoch nicht begründet. Erst als Verteidiger Axel Weimann mehrfach ungläubig nachfragt, erinnert sich der Kriminaldirektor, dass es auch um die Körpertemperatur von Stefan T. gegangen sei. Darum, dass er nicht unterkühlt war. Er habe seinem Untergebenen damals einen Zeitungsartikel gegeben, in dem über die Folgen der Entführung und Ermordung einer Frau in Baden-Württemberg berichtet wurde. Auch über die Auswirkungen auf ihren Mann, der zu Unrecht verdächtigt wurde – der Leiter einer Sparkassenfiliale hatte sich umgebracht.

Dieser Artikel sei seine Antwort auf den Verdacht eines erfahrenen Kriminalbeamten gewesen, das in einem ganz anderen Fall eine Straftat vorgetäuscht sein könnte, fragt Weimann erstaunt? Direkt nicht, antwortet Klapsch sinngemäß, aber indirekt schon. Er habe den Kollegen sensibilisieren wollen, was es für Auswirkungen haben kann, wenn ein Opfer zu Unrecht beschuldigt wird. Über den Verdacht, dass es eine Vortäuschung einer Straftat geben könnte, sei mit dem Kollegen dann nicht mehr diskutiert worden. Das sei so auch in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft geschehen. Es habe Konsens gegeben, dass gegen Stefan T. wegen Vortäuschung einer Straftat nicht ermittelt werde. Mehrere Kriminalisten der Soko „Imker“ sahen das jedoch ganz anders.