Infrastruktur

Das vernachlässigte Umland

Die Landesregierung hat den Speckgürtel um Berlin entdeckt und will ihn stärken. Konferenz verhandelt Fragen wie Verkehr und Neubauten

Mehr als zwei Jahrzehnte lang haben sie sich weitgehend allein mit ihren Problemen herumgeschlagen, die rapide wachsenden Umlandgemeinden um Berlin. Statt um den Speckgürtel hat sich die Landesregierung bevorzugt um die Landstriche fernab der Hauptstadt gekümmert. Mehrere Hundert Millionen Euro Fördergelder sind in die strukturschwachen Regionen wie die Prignitz oder die Uckermark geflossen. Jetzt aber plant die rot-rote Landesregierung unter Dietmar Woidke (SPD) einen Paradigmenwechsel: Das Land will sich künftig stärker der Städte und Gemeinden im Berliner Umland annehmen. Denn die haben ihre ganz eigenen Herausforderungen zu bewältigen.

Erstmals sind die Vertreter von rund 30 wachsenden Umland-Kommunen nach Potsdam eingeladen – zu einem „Dialog über Entwicklungsstrategien für Städte und Gemeinden mit steigenden Einwohnerzahlen“. Die Staatssekretärin im Infrastrukturministerium, Katrin Lange (SPD), will mit ihnen am heutigen Mittwoch über die größten Probleme und mögliche Lösungen diskutieren. „Es geht um die Frage, wie das Wachstum der Kommunen künftig gesteuert werden kann“, sagt Ministeriumssprecher Steffen Streu. Konkret heißt: Wie schaffen es die beliebten Wohnorte, mehr erschwingliche Wohnungen anzubieten – und wie bekommen sie die zunehmenden Verkehrsprobleme in den Griff? Denn den Gemeinden macht der Pendler-Autoverkehr zu schaffen.

Unterstützung kommt spät

Die Bürgermeister freuen sich über die unerwartete Zuwendung. „Die Landesregierung war so auf die Schwächen des Landes fokussiert, dass sie den Speckgürtel vernachlässigt hat“, beklagte Günther Oberlack (FDP), Bürgermeister von Nordbahn/Glienicke im Norden von Berlin jüngst im Interview mit der Berliner Morgenpost. Die Zuwendung kommt allerdings ziemlich spät: Denn das ganz große Wachstum im Umland ist erst mal vorbei. Auch in Glienicke/Nordbahn. „Pro Jahr wächst Glienicke immer noch um rund 300 Bewohner“, sagt Oberlack. „Ich rechne in den nächsten Jahren mit etwa 1000 Zuzüglern, sodass der Ort sich bei etwa 13.000 Einwohnern stabilisieren wird.“ Neue Wohngebiete könne die Gemeinde nicht mehr ausweisen.

Wie seine Kollegen im Speckgürtel fordert Oberlack, den öffentlichen Nahverkehr stärker auf die Bedürfnisse der Bewohner auszurichten. „Viele sind bereit, ihr Auto stehen zu lassen. Dazu müssen die Busse zu den S-Bahnen aber häufiger fahren.“ Oberlack sagt auch: „Wir brauchen die Landesregierung auch bei unserer Forderung, die günstigere Berliner AB-Tarifzone für die S-Bahn aufs Umland auszudehnen.“ Die Landesregierung bestelle die Züge. Auch den länderüberschreitenden Kita- und Schulbesuch regele sie.

„Wir brauchen mehr Züge im Regionalbahnverkehr“, fordert Falkensees Bürgermeister Heiko Müller (SPD). Das Gedränge in den Zügen nach Berlin sei zu groß. „Jeden Morgen wollen Tausende Pendler von Falkensee nach Berlin.“ Die havelländische Gemeinde bei Berlin-Spandau sei im vergangenen Jahr um rund 530 Einwohner auf etwa 43.000 gewachsen. Seit dem Fall der Mauer hat sich die Zahl der Bewohner mehr als verdoppelt. Die Herausforderungen haben sich geändert: „Wir haben im Wettlauf mit dem enormen Zuzug Schritt gehalten – Baugebiete angeboten, Schulen und Kitas gebaut. Jetzt brauchen wir aber mehr Angebote für Senioren.“ Die Zahl derjenigen, die 65 Jahre oder älter sind, werde sich allein in Falkensee von rund 8000 auf 14.000 im Jahr 2030 fast verdoppeln. Gefragt seien seniorengerechte Wohnungen mit Aufzügen. Das Land fördert barrierefreies Wohnen, allerdings nicht im großen Umfang.

„Bei uns in Kleinmachnow gibt es einen wachsenden Bedarf an bezahlbaren kleineren Wohnungen“, bestätigt Hartmut Piecha, Vizebürgermeister der Gemeinde südwestlich von Berlin. Vor allem bezahlbare barrierefreie Wohnungen für ältere Menschen seien nötig. „Eine Förderung durch das Land wäre hier hilfreich“, sagt Piecha. Ein weiteres Thema bei dem Bürgermeistertreffen werden die Baulandpreise sein. Der Trend zum Umland schlägt sich auf die Grundstückspreise nieder. Einer der Spitzenreiter ist nach wie vor Kleinmachnow, mit Preisen von 150 bis zu 380 Euro je Quadratmeter. Auch die Auswirkung der Mietpreisbremse wird besprochen. Seit 1. September 2014 sind nach einem Beschluss der Landesregierung in den 30 wachsenden Umlandgemeinden Mieterhöhungen innerhalb von drei Jahren auf 15 Prozent begrenzt. Die jährlich um bis zu 2000 Bewohner wachsende Landeshauptstadt Potsdam erhofft sich auch wieder mehr Unterstützung von der Regierung. Ihr hat Rot-Rot die Hauptstadtförderung gestrichen. „Es ist gut, wenn die Landesregierung den Blick auf die wachsenden Städte wirft“, begrüßt Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) die Initiative.

Dass sich die Regierung nach so vielen Jahren der Umlandgemeinden annimmt, hat womöglich einen ganz pragmatischen Grund. Durch das prognostizierte Bevölkerungswachstum im Berliner Umland von rund fünf Prozent und den Rückgang in den entlegeneren Gebieten um rund 19 Prozent verschieben sich die Bevölkerungsproportionen. Künftig werden dort 42 Prozent der Brandenburger auf rund zehn Prozent der Landesfläche wohnen. Also deutlich mehr Wähler als bisher.