Chocolatier

Königin Luise zergeht auf der Zunge

Edle „Schokokunst“ mit Potsdamer Zipfeln, preußischen Königen und Motiven aus dem Park von Schloss Sanssouci

Das Logo auf ihrer Visitenkarte, ein roter Stier mit spitzen Hörnern, will nicht recht zu dem passen, womit Susanne Müller ihren Lebensunterhalt verdient. Im Holländischen Viertel verkauft die Potsdamerin unter ihrem Label „Schokokunst“ edle und seltene Schokoladenvariationen – vielfach mit Bezug zur Landeshauptstadt. Königin Luise und den Alten Fritz, die Langen Kerls und die Figuren vom Mohrenrondell aus dem Park Sanssouci kann man sich bei Susanne Müller auf der Zunge zergehen lassen. Ihr jüngstes Produkt mit Lokalkolorit: Die „Potsdamer Zipfel“, deren Form an die Mützen der Hugenotten erinnert.

Für Müller ist ihr „Wappentier“ kein Widerspruch zu ihrer Profession. Der Stier stehe dafür, wie sie ihre Geschäfte führt. „Ich stürme voran, entscheide spontan und emotional, kämpfe eher mit Leidenschaft als mit Strategie.“ So sei sie auch vor zehn Jahren in die Branche gerutscht. „Zufällig, ohne konkrete Pläne.“ Der Auslöser, einen Handel mit gewürzter Schokolade, Trinkschokolade, Kakaopulver und Kakaoschalentee aufzuziehen, sei banal gewesen. „Die Initialzündung war eine Fernsehdokumentation über den Anbau von Kakao und die Herstellung von Schokolade. Nach der Sendung wusste ich, das ist etwas für mich.“ Für die gelernte Fotografin war es ein Sprung ins kalte Wasser. „Ich hatte weder Ahnung von Schokolade noch von Betriebswirtschaft.“

Ausbildung zur Fotografin

In Leipzig ergatterte die gebürtige Erfurterin nach dem Schulabschluss einen der begehrten Ausbildungsplätze zur Fotografin. „Mit Diplom“, wie die 60-Jährige noch heute stolz betont. Für sie mehr Berufung als Beruf. Müller trat dem Verband Bildender Künstler bei, schlug sich als Freiberuflerin durch den DDR-Alltag. Geld zu verdienen mit Passbildern oder Aufnahmen von Hochzeiten, reizte sie nie. „Ich verstehe mich als Künstlerin. Meine Bilder haben etwas mit mir und meinen Gefühlen zu tun.“ Und das stets in Schwarz-Weiß. Doch nach der Wende verlor Susanne Müller, die seit 1988 in Potsdam lebt, die Lust am Fotografieren, mottete Objektive, Stative und Kameras ein. „Die aufkommende Digitalfotografie gab mir den Rest. Die ist seelenlos“, lehnt sie das Fotografieren auf Speicherchips ab. Der Kunst bleibt sie aber verbunden. „Ich wollte auch weiter kreativ arbeiten.“ Das Schokoladenmetier bot ihr den Neuanfang. Sie reiste durch Deutschland, besuchte Manufakturen, wälzte Bände über den Kakaobohnenanbau in Peru, Vietnam, Mexiko und Ecuador, ließ sich Produktionsprozesse erklären – und entwickelte ein eigenes Geschäftsmodell.

Potsdam mit seiner Historie lieferte ihr die Vorlage: Als sie am Mohrenrondell im Park Sanssouci auf Figuren mit ausgeprägten Lippen, ausdrucksstarken Augenpartien und Nasen stößt, hat sie ihre Motive gefunden. Müller kann den Bildhauer Günter Kaden für ihre Idee gewinnen. Der in Mecklenburg lebende Künstler fertigt drei verschiedene Modelle, erst in Ton, dann in Gips, schließlich eine lebensmittelverträgliche Form aus Silikon. Die füllt der Berliner Schokolatier Christoph Wohlfarth mit dunkler Schokolade aus Peru. Zehn Zentimeter hoch sind Büstenkopien aus Schokolade, die Susanne Müller in einer Glasvitrine zum Verkauf anbietet. „Auch wenn es kleine Kunstwerke sind, sind sie trotzdem zum Genießen gedacht“, sagt sie schmunzelnd. „Spätestens wenn die Kakaobutter aus den Figuren austritt, sollte man zur Reibe greifen, sich Schokospäne raspeln oder den Kopf in heißer Milch schmelzen“, rät sie ihren Kunden.

Die Gussformen für die schokoladigen Reliefs von Königin Luise, der Langen Kerls und des Alten Fritz ließ Müller von einem Kleinmachnower Formenbauer fertigen. Und auf kleinen Schokotäfelchen heben sich Motive wie das Belvedere auf dem Pfingstberg, das Holländische Viertel, das Schloss Cecilienhof oder das Schloss Sanssouci ab – Souvenirs, die bei Touristen gut ankommen. Längst ist die Gourmetzeitschrift „Der Feinschmecker“ auf die hochwertigen Süßigkeiten aufmerksam geworden. 2007 und 2012 wurde die „Schokokunst“ ausgezeichnet, zählt demnach zu den besten 100 Schokoladenläden Europas. Eine Popularität, die Hans-Joachim Hau hat aufmerken lassen. Die „Potsdamer Zipfel“ sind die Kreation des früheren Starkochs aus Norddeutschland. Exklusiv stellt Hau die Schokozipfel mit verschiedenen Füllungen für Susanne Müller her. In 40 verschiedenen Variationen: Zipfel mit Kombinationen aus Rosenwasser, Chili, Ingwer, Pistazien, Kokos, Kirschen, Marzipan, Mandarinen oder Bananen.

Reich werden könne sie mit dem Geschäft nicht, bilanziert Müller. Und ist darüber auch gar nicht verstimmt. „Gewinnmaximierung auf Teufel komm raus ist nicht meine Sache.“ Der soziale Aspekt ihrer Arbeit sei ihr wichtiger. Mit einem französischen Schokoladenexperten besuchte sie einmal Kakaobohnenplantagen in Vietnam, lernte Bauernfamilien kennen. „Mit meinem Geschäft verbinde ich eine Philosophie – die Wertschätzung von Mensch und Natur gleichermaßen.“