Bildung

Zeugnis mit Lücken

Etwa 2000 Schüler bekommen in manchen Fächern keine Noten – weil die Lehrer für den Unterricht fehlen

Es ist sein Job, immer wieder darüber zu klagen, wie verbesserungswürdig doch die Bedingungen für Lehrerinnen und Lehrer in Brandenburg sind. Günther Fuchs, der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, beherrscht das hervorragend – egal, welcher Bildungsminister gerade in Brandenburg im Amt ist. Sieben waren es seit 1990. Mit Bildungsminister Günter Baaske (SPD) müsste Günther Fuchs eigentlich zufrieden sein. Denn die rot-rote Landesregierung hat in ihrem zweiten Koalitionsvertrag vereinbart, bis 2019 rund 4300 neue Lehrer einzustellen – 700 mehr als ausscheiden. Um den Unterrichtsausfall zu vermindern, wird auch die sogenannte Unterrichtsreserve für zehn Millionen Euro aufgestockt. Doch Günther Fuchs ist alles andere als zufrieden.

Als der Gewerkschaftschef am Freitag wieder einmal in Potsdam vor der Presse sitzt, hört er sich alles andere als besänftigt an. „Die Lage ist besorgniserregend“, sagt der 55-Jährige. Denn am Tag zuvor hat Bildungsminister Baaske im Landtag fast wie nebenbei verkündet: „Erneut werden leider Hunderte von Schülern auf den Halbjahreszeugnissen in manchen Fächern keine Noten bekommen.“ Ihre Leistungen konnten nicht beurteilt werden, weil zu wenig Unterricht stattfand. Es fehlten Lehrer vor allem in Musik, aber auch in Wirtschaft/Arbeit/Technik, Physik, Informatik, Religion, Geschichte und Biologie sowie Kunst und Sport.

Unterricht wird nachgeholt

„Die zuständigen Stellen haben sich intensiv bemüht, beim Ausfall von Lehrkräften Ersatz zu organisieren“, sagt Minister Baaske, „das ist leider nicht immer gelungen.“ Er versichert, dass der Unterricht nachgeholt wird: „Auf den Jahreszeugnissen werden Endnoten stehen.“ Im Landtag nennt der Bildungsminister keine Zahlen, sie sollen erst nächste Woche vorgelegt werden. Nach Informationen der Berliner Morgenpost handelt es sich um rund 2000 Schüler, die im Halbjahreszeugnis in manchen Fächern keine Zensuren erhalten. Betroffen sein sollen Schulen in 14 Städten – darunter Falkensee im Havelland, Zeuthen in Teltow-Fläming, aber auch Perleberg in der Prignitz und Templin in der Uckermark.

Im Vorjahr war die Situation an den Schulen noch dramatischer: Auf den Halbjahreszeugnissen 2013/2014 konnten 4127 Schüler in 150 Klassen in bestimmten Fächern nicht bewertet werden. Das ergab eine Anfrage der CDU an die damalige Bildungsministerin Martina Münch (SPD). „Es waren damals also noch doppelt so viele Fälle wie heute“, heißt es im Ministerium. „Wenn eine Leistungsbewertung unmöglich ist, weil der Unterricht gar nicht erst stattfand, liegt klares Versagen des Staates vor“, konstatiert die Bildungsexpertin der Grünen, Marie-Luise von Halem. Sie fordert: „Das Land muss sicherstellen, dass der Unterricht erteilt wird, ohne Wenn und Aber.“

Der CDU-Bildungsexperte Gordon Hoffmann verlangt, der Minister müsse im Bildungsausschuss Zahlen und ein Konzept für ein Unterrichtsausfall-Meldesystem vorlegen. Minister Baaske, seit November im Amt, signalisiert einen neuen Umgang mit dem Problem: „Wir müssen uns ehrlich und transparent machen.“ Laut Ministerium fällt an Brandenburgs Schulen rund zwei Prozent ersatzlos aus. Gewerkschaftsschafts-Chef Fuchs spricht von einer geschönten Statistik: In Wirklichkeit liege der Unterrichtsausfall bei etwa acht Prozent. Was das Ministerium als Vertretung deklariert, sei oft nur ein Beaufsichtigen der Kinder durch Nicht-Fachlehrer. Brandenburg werde das Problem allerdings nicht lösen, solange sich die Arbeitsbedingungen für die Lehrer nicht verbessern, sagt Fuchs. Er hofft nun auf den neuen Minister.