Landtag

Nur der Adler landete im Keller

Insgesamt 164.000 Touristen und Brandenburger kamen im ersten Jahr zum Landtagsschloss. Auch ohne das Wappentier

Wenn die Linken-Abgeordnete Gerrit Große im Plenarsaal des Potsdamer Landtags sitzt, schaut sie noch häufig auf den leeren Platz an der weißen Wand über dem Präsidium. „Ich vermisse den weißen Adler“, sagt die 60-Jährige wehmütig. „Ich vermisse aber auch die heißen Debatten darüber, die waren so identitätsstiftend für Brandenburg.“ Architekt Peter Kulka hatte aus künstlerischen Gründen einen großen weißen Adler durchgesetzt, statt eines Wappentieres in der Landesfarbe Rot.

Wochenlang hatten nach der Eröffnung Mitte Januar 2014 die Proteste empörter Brandenburger die Debatte über den neuen Landtag bestimmt. Bis der 1,80 Meter große weiße Vogel aus Stahlblech im Juni schließlich abgehängt wurde. Damit haben die Bürger ihren Frieden gemacht mit dem Parlamentsbau in der rekonstruierten Fassade des historischen Potsdamer Stadtschlosses der preußischen Herrscherdynastie. 120 Millionen Euro hat die Anlage gekostet, vier Jahre lang war daran gebaut worden.

Allen Vorfelddebatten zum Trotz: Mittlerweile strömen die Brandenburger und Potsdam-Touristen begeistert in den neuen Landtag. Rund 164.000 Besucher seien seit der Eröffnung mit einem Bürgerfest Mitte Januar 2014 gezählt worden, mehr als 31.000 von ihnen hätten an den regelmäßigen Führungen teilgenommen, berichtet die Landtagsverwaltung. „Und ich habe noch niemanden getroffen, der sich nicht über das neue Parlament gefreut hat“, sagt Landtagsvizepräsident Dieter Dombrowski.

Kantine für alle offen

„Ich gehe hier regelmäßig mit Freunden und Bekannten hin, die mich besuchen“, erzählt Gabriele Rosenau aus Hennigsdorf. „Für mich ist es das neue Aushängeschild für die Landeshauptstadt.“ Toll findet sie insbesondere, dass die Kantine mittags jedem offen steht. „Da kann man auch schon mal einen Minister sehen.“ Ähnlich sieht es Wolfgang Herkholz aus Spandau, der im Innenhof des Schlosses Erinnerungsfotos macht. „Früher schaute man sich das Holländische Viertel an, heute geht man erst einmal zum Landtag.“ Auch Renate Korten ist überzeugt. „Es ist alles so hell und freundlich hier“, meint die Brandenburgerin. „Im alten Landtag war ich nie.“

„In die alte Bruchbude auf dem Brauhausberg habe ich mich auch kaum getraut, Besucher einzuladen“, sagt Christoph Schulze. Der 49-Jährige ist Landtagsabgeordneter der ersten Stunde seit 1990, zunächst für die SPD und zuletzt mit einem Direktmandat für BVB/Freie Wähler. Von 1993 an war das Landesparlament zwanzig Jahre lang provisorisch in der einstigen Reichskriegsschule aus der Kaiserzeit auf dem Potsdamer Brauhausberg untergekommen, die zu DDR-Zeiten von der SED-Bezirksleitung genutzt worden war.

„In puncto Bürgernähe markiert der Umzug einen Meilenstein“, sagte Landtagspräsidentin Britta Stark. Die Lage im Zentrum Potsdams führe dazu, dass Politiker und Bürger häufiger ins Gespräch kämen. „Jetzt kommen Schulklassen und viele Bürger, auf der großen Tribüne im Plenarsaal ist auch bei den Debatten meist genügend Platz“, freut sich der Abgeordnete Christoph Schulze. Ihn stören nur die vielen Glaswände, die Fraktionen und andere Büros abschotten. „Das wirkt ein wenig wie offener Vollzug“, meint er. „Im alten Landtag standen die Türen offen – aber da kam kaum jemand.“

Auch die Grünen-Abgeordnete Ursula Nonnemacher fühlt sich wohl im Schloss, ist aber froh, dass die Grünen wegen langjähriger außerparlamentarischer Opposition an der Entscheidung für den Neubau nicht beteiligt waren. „Ich hätte auch Bedenken gegen das Schloss gehabt“, gibt sie zu. „Aber in diesen sehr nüchtern gehaltenen Räumen fühlen wir uns nicht als Schlossbewohner.“ Wichtig sei, dass der Landtag vom Berg ins Zentrum gerückt sei. „Ich freue mich, dass wir so viele Besucher haben. Auch wenn es in der Kantine dann manchmal eng wird.“

Für den Architekten Kulka ist die Entwicklung des Landtagsschlosses zum Besuchermagneten ein kleines Wunder. „Die Stimmung ist regelrecht gekippt“, sagt Kulka. „Im Vorfeld hat es viel Kritik an den Kosten und an der historischen Schlossfassade gehagelt.“ Er selbst könnte sich auch bis heute ein modernes Parlamentsgebäude an diesem Platz vorstellen. „Aber ich freue mich, dass die Leute heute mit dem Schloss leben wollen.“

Platzreserve für Länderfusion

Auch Kulka hängt noch ein wenig an dem weißen Adler, der im Keller des Landtags in einem Abstellraum verschwunden ist. Nun gibt es dafür ein kleines rotes Wappentier am Rednerpult. „Der weiße Adler war eine gute Lösung, aber ich kann nun mit diesem demokratischen Kompromiss leben“, sagt Kulka. „Ein großer roter Adler hätte dagegen den Plenarsaal optisch erschlagen.“

Im Landtagsschloss fand auch der Landesrechnungshof eine neue Heimat. Dort könnten sich die Bürger nun aus erster Hand über die Arbeit der Prüfer informieren, die der Landesregierung bei ihren Ausgaben auf die Finger schauen, sagte Rechnungshof-Präsident Christoph Weiser: „Interessierte Gruppen und Bürger können sich gern bei uns melden.“

Bei der Auslegung des Landtages war bewusst nicht an Raum gespart worden – mit Blick auf einen möglichen neuen Anlauf für die Länderfusion mit dem Nachbarland Berlin. Arbeitsplätze für 150 Abgeordnete wurden eingerichtet, aktuell gibt es 88 Volksvertreter. Nach dem Willen Brandenburgs sollte ein gemeinsames Parlament beider Länder seinen Sitz in Potsdam haben.