Prozess

„Das war gar nicht zu übersehen“

Im „Maskenmann“-Prozess kritisieren Polizisten die Ermittlungsmethoden im Entführungsfall

Dieser Prozess vor dem Schwurgericht in Frankfurt (Oder) könnte im Lehrbuch für Polizisten stehen – als Beispiel dafür, wie man es nicht macht. Angeklagt ist der Dachdecker Mario K. aus Berlin. Der 47-Jährige soll im August und im Oktober 2011 Anschläge auf die Ehefrau und die Tochter eines Berliner Unternehmers verübt haben. Vorgeworfen wird Mario K. zudem die Entführung des Berliner Investmentkaufmanns Stefan T. aus dessen Haus in Storkow am 5. Oktober 2012. Weil der Täter dabei nach Aussagen von Zeugen eine Imkermaske trug, bekam er den Namen „Maskenmann“.

Vor allem die Entführung des Stefan T., die Ermittlungen der Polizei und die widersprüchlichen Aussagen der Beamten vor Gericht sind immer wieder Thema in diesem seit Anfang Mai 2014 laufenden Prozess.

Einige Beamte der Soko „Imker“ hielten die Beschreibungen des Investmentkaufmanns von dessen Flucht aus der Geiselhaft für unglaubwürdig und hatten das auch ihren Vorgesetzten mitgeteilt. Offenbar jedoch nur mit dem Erfolg, dass sie aus der Soko „Imker“ entfernt wurden.

Zu ihnen gehörte auch die Oberkommissarin Kerstin B., die am Freitag eine bemerkenswerte Aussage zu Protokoll gab: Eine Kollegin habe ihr berichtet, dass sie auf Anordnung des Kriminaldirektors Siegbert Klapsch aus einem Sachstandsbericht alles streichen musste, was den Tatverdächtigen Mario K. entlasten könnte. In der Konsequenz habe sich die Kollegin geweigert, dieses Protokoll zu unterschreiben. Einen Verhandlungstag zuvor hatte aber genau diese Kollegin vor dem Schwurgericht bestritten, so etwas je zu Kerstin B. gesagt zu haben. Beide sind nach Aussage von Kerstin B. bis heute freundschaftlich verbunden.

Kerstin B. hatte im Oktober vergangenen Jahres vor dem Schwurgericht schon einmal als Zeugin ausgesagt und dort auf Nachfrage beschrieben, wie die Chefs mit kritischen Polizisten der Soko „Imker“ umgingen. Sie gab damals auch an, vor ihrer Aussage einen schriftlichen „Maulkorb“-Erlass des damaligen Polizeipräsidenten und heutigen Innenstaatssekretärs Arne Feurig erhalten zu haben. Nach dieser Aussage, sagte sie, habe es Gespräche mit Vorgesetzten gegeben. Sie war am Freitag sehr zurückhaltend und erzählte erst nach mehreren Nachfragen von Verteidiger Axel Weimann, dass den Vorgesetzten ihre Aussagen nicht gefallen hätten. Dabei sei ihr vom Chef der Soko „Imker“ Kapsch auch mitgeteilt worden, dass es einen Bericht über ihre Aussage vor Gericht gebe.

Kollegen, die auch auf der Zeugenliste standen, seien von den Vorgesetzten zu einer gemeinsamen Sitzung geladen worden. Gesprochen worden sei dort über den aktuellen Prozess. Sie sei seit 2006 bei der Mordkommission gewesen, so Kerstin B., aber so etwas habe sie noch nicht erlebt. Die ehemalige Kripo-Beamtin hat sich inzwischen nach Fürstenwalde versetzen lassen und arbeitet jetzt als Revierpolizistin.

Typisch für dieses Verfahren waren am Freitag auch die Aussagen des leitenden Beamten Matthias S. Der 52-Jährige war am 7. Oktober 2012 der Vertreter von Kriminaldirektor Klapsch und saß mit im Raum des Lagedienstes, als Stefan T. in einem weißen Overall den Raum betrat. Der Investmentkaufmann hatte sich nach eigener Aussage kurz zuvor aus der Gefangenschaft des „Maskenmanns“ befreien und fliehen können. Stefan T. sei „körperlich gut drauf“ gewesen, sagte Matthias S., er habe bei dem Geiselopfer auch keine Verletzungen bemerkt. Aus seiner Sicht habe es auch „zum Standardprogramm gehört“, dass Stefan T. anschließend sofort gerichtsmedizinisch untersucht wird, sagte der leitende Beamte. Diese sehr wichtige Untersuchung hat es jedoch nicht gegeben.

Der Leiter der Frankfurter Mordkommission, Falk Küchler, hatte am 5.Dezember 2014 vor dem Schwurgericht noch ausgesagt, dass eine derartige gerichtsmedizinische Untersuchung nicht nötig gewesen sei. Küchler hatte auch behauptet, ihm habe als Leiter der Mordkommission in seinem Büro kein verschließbarer Schrank zur Verfügung gestanden. Es ging dabei um ein Gutachten, das er nach Angabe von Polizisten weggeschlossen und es ihnen so entzogen haben soll. Küchlers ehemalige Kollegin Kerstin B. sagte am Freitag, dass er sehr wohl über einen verschließbaren Schrank verfügt. Einen Safe, den sie ganz genau beschreiben konnte und für den sie zeitweise sogar einen Schlüssel besaß. „Der war gar nicht zu übersehen“, sagte sie.