Projekt

Die Reise der Brandenburger Störe

Wiederansiedlung der Fische erfolgreich. Einige schaffen es von der Oder sogar bis Dänemark

Sie tummeln sich in der Ostsee und legen Hunderte Kilometer zurück. In brandenburgischen Flüssen ausgesetzte Jungstöre sind nahe Dänemark und Schweden entdeckt worden. In die Oder entlassene Störe hätten es bis in den Bottnischen Meerbusen geschafft, den nordöstlichsten Zipfel der Ostsee, sagt Jörn Gessner, der am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei Berlin das Projekt zur Wiederansiedlung des Störs leitet. „Das sind 1200 Kilometer von zu Hause weg.“ Der markante Knochenfisch gilt in Deutschland seit Jahrzehnten als ausgestorben beziehungsweise verschollen.

Mit dem 1996 gestarteten Projekt zum Wiederaufbau von Beständen des Europäischen und Baltischen Störs in den Flüssen im Nord- und Ostseeeinzugsgebiet soll der Fisch wieder hierzulande heimisch werden. Seit Jahren kooperieren dafür Wissenschaftler und Fischer. Als Faktoren für sein Aussterben gelten Überfischung, Verschmutzung der Gewässer und verbaute Wanderwege. Ziel ist es, dass sich Störe in freier Natur fortpflanzen.

„Störe sind ein wanderlustiges Völkchen“, stellt Gessner fest. Ein Teil der in die Wildnis geschickten Fische ist mit Sendern und Marken versehen. So können die Wissenschaftler die Touren der „Wasserwanderer“ verfolgen. In die Havel entlassene Jungstöre schafften es schon bis Kopenhagen. „Damit sind sie einmal um Dänemark rum“, freut sich der Experte. Auch vor Bergen in Norwegen wurden Störe festgestellt.

Geht einer von ihnen ins Netz, sind die Fischer angehalten, den Fang zu dokumentieren und das Tier wieder ins Wasser zurückzusetzen. Im Unteren Odertal auf polnischer Seite wurden 2014 rund 350 solcher Fänge gemeldet. „Anhand der Marken können wir sehen, wie der Fisch gewachsen und wohin er gewandert ist“, erzählt Gessner. Die Informationen würden in einer Datenbank gesammelt.

In der Oder wurden bis Ende vergangenen Jahres 750.000 kleine Störe in die Natur entlassen. Gessmer: „Wir hoffen, dass es auch in diesem Jahr 200.000 bis 250.000 Fische werden.“ Der erste Schub, etwa 50 Zentimeter lange Zuchttiere von 2014, soll im Frühjahr ausgewildert werden. Im Herbst folgen kleinere Exemplare zwischen 1,5 und zwölf Zentimeter Länge. „Auch in der Havel und der Elbe sollen in diesem Jahr zweimal Störe ausgesetzt werden.“

Störe können im ausgewachsenen Stadium mehr als 200 Kilo auf die Waage bringen, 80 Jahre alt und über vier Meter lang werden. Mit etwa 15 Jahren sind sie geschlechtsreif und kehren in die Flüsse zum Laichen zurück. Für die Wiederansiedlung wachsen die Tiere in Fischzuchten heran, so beispielsweise auf dem Darß (Mecklenburg-Vorpommern). Das Wiedereinbürgerungs-Projekt wird unter anderem durch das Land Brandenburg über die Fischereiabgabe gefördert. Mit diesem Geld wird bis 2016 auch ein Fischer im Nationalpark Unteres Odertal unterstützt, der in einem Container Störe ausbrütet und füttert. „Sie wachsen in Oderwasser auf“, erklärt Michael Tautenhahn vom Nationalpark. Somit würden sie an ihr künftiges Heimatgewässer gewöhnt. „Junge Wanderfische prägen sich den Geschmack und den Geruch ihres Geburtsgewässers ein und finden so dorthin zurück.“