Musik

Orangerie als Oper

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Katrin Starke

Vom Fahrradkonzert bis zum jazzigen Rosenfest – Musikfestspiele Potsdam Sanssouci stellen diesjähriges Programm vor

Keine Eiche, keine Erle. Wenn Udo Schneeweiß zum Messer greift, um einem klobigen Holzstück Figur zu geben, muss es Lindenholz sein. So will es die Tradition des Handwerks. Seit fast einem Jahr häufen sich die Späne in der Werkstatt des Thüringer Puppenschnitzers. Im Auftrag der Macher der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci holt Schneeweiß mit scharfer Klinge die Gestalt von Nymphen, Wildschweinen und Halbgöttern aus dem Holz. Die machen neben den Sängern aus Fleisch und Blut einen Teil des Ensembles aus, das Regisseur Hinrich Horstkotte am 19. Juni in der Barockoper „Das Rot der Rose“ auf die Bühne bringt. Hingucker sind nicht nur die mit Hand und Fäden geführten hölzernen Protagonisten, sondern auch der Ort der Aufführung: Das Orangerie-Schloss Sanssouci wird zur temporären Bühne für die von Tomás de Torrejón y Velasco (1644-1728) komponierte Oper mit Latinoflair. Diese bildet nur einen der Höhepunkte im diesjährigen Programm der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci. Unter dem Motto „Musik und Gärten“ werden vom 12. bis 28. Juni die Schlösser und Gärten von Potsdam zum Schauplatz von mehr als 60 Veranstaltungen.

„Ein Tag mit Lenné“

Vier Opernproduktionen, Gartenmusiken, „Ein Tag mit Lenné“, ein jazziges Rosenfest, ein Fahrradkonzert, Musiktheater und musikalische Führungen werden aufgeboten, um die erwarteten 14.000 Besucher zu unterhalten. Jelle Dierickx, Ideengeber und künstlerischer Koordinator, ist für die Umsetzung monatelang auf Recherchetour gegangen. Er ist abgetaucht in musik- und gartenwissenschaftliche Werke, hat nach geheimen Gärten in Potsdam gesucht, die akustischen Möglichkeiten von Konzerten zwischen Bäumen und Hecken getestet. „Das Thema Musik und Garten ist kaum erforscht, aber enorm vielschichtig und wegen seiner Aspektfülle bestens für eine Doktorarbeit geeignet“, stellte er überrascht fest. Schon in der Renaissance seien Musik und Kunst mit Gartenbegriffen verknüpft und prominent verkauft worden. Als Beispiele nennt Dierickx das Gemälde von Peter Paul Rubens (1577-1640) „Il giardino d’amore“ (Der Liebesgarten), das sich in der Bildergalerie Sanssouci befindet.

Das Festival mit einem Budget von mehr als einer Million Euro soll allerdings kein Aufguss von Vergangenem sein. Der Bezug zur Moderne liegt Andrea Palent, verantwortlich fürs Konzept der Musikfestspiele, am Herzen: „Am Klimawandel und seinen Auswirkungen auf die Gartenlandschaft kommen wir nicht vorbei.“ Die zeitgenössische Kammeroper „The Garden“ von John Harris (Musik) und Zinnie Harris (Libretto und Regie) greife diese Problematik auf. Zu erleben ist die Produktion am 12. Juni im 50 Besucher fassenden Saal des Schlosses Lindstedt. Die beklemmende Zukunftsvision sei bewusst als Auftakt des Festivals gewählt worden, erklärt Palent. Leichtere Kost verspricht dagegen das Eröffnungskonzert in der Friedenskirche Sanssouci. Die sei den „Urmusikern der Natur“, den Vögeln, gewidmet, erläutert Dierickx. Komponisten wie Georg Philipp Telemann, William Williams, Georg Friedrich Händel, Antonio Vivaldi oder Henry Purcell hätten auf das Können der fliegenden Sangesfürsten in etlichen Stücken angespielt. Eine Auswahl ist am ersten Abend der Musikfestspiele auf Flöte und Violine zu hören.

Die Konzerte sind keinesfalls auf die Anlagen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) begrenzt: Hausmusik von Mozart bis Mendelssohn-Bartholdy kann am 13. Juni in sechs Privatgärten gelauscht werden. Petra Daniel gewährt zum Beispiel einen Blick in ihren Garten an der Tizianstraße, in dem sich der 1919 errichtete Nachbau von Goethes Weimarer Gartenhaus befindet. Die Familie des Designers Wolfgang Joop öffnet ihren lichten Landschaftsgarten an der Ribbeckstraße. „Lesungen in Privatgärten gibt es in Potsdam seit geraumer Zeit. Die Musik hinterm Gartenzaun ist allerdings neu“, hebt Andrea Palent hervor. Mit einem zweitägigen „Festival im Festival“ soll am 19. und 20. Juni mit Jazzklängen der Königin der Gärten, der Rose, gehuldigt werden. In den historischen Rosengarten des illuminierten Krongutes Bornstedt wird am 20. Juni eingeladen. Das Sahnehäubchen sind für Andrea Palent allerdings die Marienmusiken des italienischen Barock am gleichen Abend. „Die damals glühende Marienverehrung prägt die Werke dieses Konzertabends in der Friedenskirche – von den Marienantifonen des jungen Händel über Alessandro Scarlattis Rosengarten-Oratorium bis hin zu Giovanni Battista Ferrandinis Marienklage.“ Leider seien diese Stücke in den vergangenen Jahren aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt – für Palent nicht nachvollziehbar: „Das ist die perfekte Verbindung von Musik und Emotion.“

Möhrensound und Birnenbeat

Speziell an junge Zuhörer richtet sich die Veranstaltung am 21. Juni. Unter dem Slogan „Möhrensound und Birnenbeat“ animiert das Wiener Gemüseorchester zum gemeinsamen Musizieren. Im Obstgarten der Russischen Kolonie Alexandrowka werden die Musiker aus Gurken, Rüben und Paprikaschoten Schalltrichter, Flöten und Trompeten basteln, um diesen Pop und Klassik zu entlocken. Nach Konzertende wartet schon der Koch mit Topf, die Instrumente werden dem Publikum fachgerecht zubereitet.

Im Rahmen der Kooperation mit der SPSG unterstützten die Musikfestspiele ein Restaurierungsprojekt. Erneut steht in diesem Jahr die „Exedra-Bank“ an der Orangerie im Mittelpunkt. Im Vorjahr wurde die Bank instand gesetzt. Nun fließt ein Teil der Besucherbeiträge in die Kopie des dazugehörigen Bodenmosaiks.