Sicherheit

Der Mann mit dem explosiven Job

Mike Schwitzke entschärft heute am Potsdamer Hauptbahnhof eine Flieger-Bombe. Notfalls muss der 43-Jährige sprengen

Ein Bombenjob, den Mike Schwitzke da hat. Im wahrsten Wortsinn. Am heutigen Mittwoch muss er wieder ran. Bauarbeiter haben gegenüber des Hauptbahnhofs Potsdam eine amerikanische 250-Kilogramm-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Schon wieder. Erst vor etwa drei Wochen hatte der bekannteste Sprengmeister Brandenburgs auf dem gleichen Gelände erfolgreich einen Blindgänger entschärft. „Was ich mache, ist ein Handwerk wie jedes andere“, sagt der 43-Jährige, „man muss nur achtsam vorgehen. Ich weiß: Ein falscher Handgriff an der Bombe kann tödlich sein.“ Ein Lkw-Fahrer dürfe bei hohem Tempo auch nicht schlagartig nach rechts steuern.

Tag und Nacht bewacht

Mike Schwitzke ist ein völlig entspannter Typ. Schwer vorzustellen, dass dieser Mann je in Eile ist. Hektisch oder nervös. Mit ruhiger Stimme gibt er seinen Assistenten die Anweisungen. So wird es vermutlich auch am heutigen Mittwoch wieder sein. Er hat sich den Blindgänger bereits angesehen. Arbeiter hatten ihn am Montagvormittag bei den Vorbereitungen für den Bau des neuen Hauptsitzes der Landesinvestitionsbank entdeckt. „Bei der Bombe handelt es sich um das gleiche Modell wie beim letzten Mal“, sagt Mike Schwitzke.

Abgedeckt und Tag und Nacht von einem privaten Wachschutz bewacht, liegt sie nun etwa 100 Meter vom Bahnhof entfernt auf dem Gelände an der Babelsberger Straße. „Der Zünder ist nicht mehr so schön erhalten wie der letzte“, hat der Experte festgestellt. „Das bedeutet etwas mehr Vorarbeit.“ Eine intensivere Reinigung vom Rost und mehr Kraft, den Zünder mit der Zange aus der Bombe herauszuschrauben. Auch dieses Mal wird Mike Schwitzke in seinem kleinen Transporter alles dabeihaben, um notfalls zu sprengen. „Es kann immer sein, dass der Zünder in den Gewindegängen gestaucht ist und sich nicht rausdrehen lässt.“

Auch wenn der Sprengstoffexperte seinen Bewunderern gerne entgegenhält, er mache einen ganz normalen Job, so ist ihm die Gefahr durchaus immer bewusst. In Göttingen waren im Juni 2010 drei Mitarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes ums Leben gekommen, als eine Zehn-Zentner-Bombe eine Stunde vor der geplanten Entschärfung detonierte. Sechs weitere Experten waren verletzt worden. In München hat im August 2012 die Sprengung einer 250-Kilo-Fliegerbombe große Schäden angerichtet. Durch die Druckwelle wurden in Schwabing Fenster und Fassadenteile aus Häusern herausgerissen.

Seit fünf Jahren macht Mike Schwitzke den gefährlichen Job jetzt. Der gebürtige Leipziger war früher beim Militär. Ehe er sich im öffentlichen Dienst beim Land Brandenburg beworben hat, diente er knapp 20 Jahre als Zeitsoldat bei der Luftwaffe. 1989 hatte er sich für zunächst drei Jahre bei der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) verpflichtet. Schwitzke war dann bei der Bundeswehr in Germersheim bei Karlsruhe und in Memmingen. „Danach ging ich zurück in den Osten, nach Holzdorf in Elbe-Elster“, erzählt er. Seine letzte Station war Strausberg. Er entschied sich für ein Praktikum beim Kampfmittelbeseitigungsdienst und absolvierte die Sprengschule in Dresden. Seine Berufsbezeichnung: „Ausgebildete fachtechnische Aufsichtsperson in der Kampfmittelbeseitigung.“ Umgangssprachlich Feuerwerker oder Sprengmeister.

Seine Frau habe nicht versucht, ihm den neuen Beruf auszureden, sagt er. „Sie meinte: Wenn dir das Spaß macht, und das weiß ich, dann mach’ das ruhig.“ Militärtechnik hatte den Sachsen schon immer interessiert. „Schon als Jugendlicher“, sagt er. „Wäre ich Soldat geblieben, hätte ich auch keinen ungefährlichen Job“, meint er in Hinblick auf die Auslandseinsätze. „Meine Frau weiß, dass ich ein sehr gründlicher Mensch bin und mich nicht unnötig in Gefahr bringe“. Der vierfache Familienvater wohnt mit seiner Frau, dem zehnjährigen Sohn und der dreijährigen Tochter in Ludwigsfelde. Die beiden Kinder aus erster Ehe – der 14-jährige und die Zwölfjährige – leben bei der Mutter in Leipzig.

Wie viele Bomben er schon unschädlich gemacht hat, habe er nicht gezählt, sagt Mike Schwitzke. „Es dürften in den fünf Jahren zwischen 50 und 60 gewesen sein.“ Die Arbeit wird ihm nicht ausgehen: Brandenburg ist nach wie vor das Bundesland mit dem höchsten Anteil munitionsbelasteter Gebiete. Ende 2013 waren nach Angaben des Innenministeriums zwölf Prozent der Landesfläche mit Blindgängern sowie Artillerie- und Infanterie-Kampfmitteln kontaminiert. Dabei sind Truppenübungsplätze nicht einbezogen.

Auch ein Sprengmeister hantiert nicht täglich mit gefährlicher Munition. „Ich stehe um 5.30 Uhr auf und beginne meinen Dienst um 7 Uhr in meinem Büro im Polizeipräsidium in Potsdam-Eiche“, sagt Schwitzke. Der Munitionsberäumungsdienst mit etwa 60 Mitarbeitern ist dort angesiedelt. „Es ist viel Papierarbeit zu erledigen,“ erzählt er, „pro Jahr bearbeiten wir zwischen 600 und 700 Anträge auf Überprüfung von Baugrundstücken.“ Über eine Datenbank und Luftbilder schätzen die Experten ein, ob Gefahr unter der Erde lauert. „Nur in einigen Fällen begutachten wir vor Ort“, sagt Schwitzke. In Brandenburg suchen private Unternehmen nach Munition. Vernichtet wird sie von Schwitzke und seinen Kollegen.

Am Freitag ist sein Geburtstag

Sobald der Sperrkreis um den Bahnhof heute gegen acht Uhr steht, wird Mike Schwitzke sich den Zünder vornehmen. Hören die Potsdamer einen Knall, muss das nicht bedeuten, dass er die Bombe komplett gesprengt hat. „Wenn ich den Zünder rausgedreht habe, bleibt er gefährlich“, sagt der Experte. „Ich werde ihn deshalb 50 Meter von der Bombe deponieren und ihn mit 100 Gramm Sprengstoff unschädlich machen.“ Danach wird er die Vorgesetzten informieren – und daheim Entwarnung geben. Und der Einsatzleitung melden: Der Sperrkreis kann aufgehoben werden. Am Freitag hat Mike Schwitzke Geburtstag. Wird schon alles glatt gehen.