Stadtplanung

Fahrradparkhaus für Potsdams Pendler

Der Pkw-Parkplatz am Hauptbahnhof ist weg. Die Stadt will nun das Fahrradchaos beenden – mit einer ungewöhnlichen Idee

Die alleinerziehende Larissa Mertens arbeitet in Berlin. Teilzeit. Dreimal pro Woche nimmt die 40-Jährige den RE 1 zum Bahnhof Zoo. In den vergangenen Jahren hat sie ihr Auto auf dem Parkplatz hinter dem Potsdamer Hauptbahnhof abgestellt – für 2,50 Euro am Tag. Der Parkplatz ist seit Sommer aber weg, die Landesinvestitionsbank ILB baut auf dem Gelände ihr neues Verwaltungsgebäude. „Seither ärgere ich mich jeden Tag über die Parkplatzsituation für uns Pendler“, sagt Larissa Mertens, die am Bornstedter Feld im Norden Potsdams wohnt. Die tägliche Parkgebühr von neun Euro für das Parkhaus ist ihr zu hoch. Schon gar nicht würde sich ein Dauer-Parkplatz dort für 45 Euro pro Monat lohnen. Morgens bringt die Mutter ihre beiden Töchter zur Schule, danach fährt sie mit dem Auto wieder nach Hause – um mit dem Fahrrad zum Bahnhof zu fahren. „Dort beginnt der nächste Ärger“, sagt sie. „Denn es ist viel zu wenig Platz für Fahrräder, die stapeln sich beinahe. Ein Chaos.“

Potsdams Pendler finden zunehmend schwerer einen bezahlbaren Parkplatz in der Innenstadt. Das liegt nicht nur an der ungebrochenen Bautätigkeit im ständig wachsenden Potsdam, dahinter steckt Strategie. „Wir wollen nicht noch mehr Autofahrer in die Innenstadt locken“, sagte der Sprecher der Stadtverwaltung, Jan Brunzlow der Berliner Morgenpost. „Alle klagen derzeit zu Recht über die Dauer-Staus.“ Es könne nicht erwartet werden, dass es im Bahnhofsumfeld kostenlose oder besonders preiswerte Parkflächen gibt.

Mehr Park-and-Ride-Plätze

Damit die Potsdamer ihr Auto zu Hause stehen lassen, muss sich nach Ansicht vieler Berufspendler noch einiges ändern. „Die Stadt muss unbedingt mehr Park-and-Ride-Plätze außerhalb schaffen – und gleichzeitig für bessere Anbindungen mit dem Bus und der Straßenbahn zum Hauptbahnhof sorgen“, sagt der promovierte Physiker Christian Spitz. Wie Larissa Mertens wohnt er im noch jungen und aufstrebenden Stadtteil Bornstedter Feld. Mit seiner Frau, dem 13-jährigen Sohn und der elfjährigen Tochter.

„Ich war auch ziemlich entsetzt, als ich wegen des Regens mit dem Auto zum Bahnhof gefahren bin und der Parkplatz hinterm Hauptbahnhof weg war“, sagt der 48-Jährige. Jeden Morgen fährt er von dort mit der Regionalbahn nach Berlin. „Im ersten Moment hat mich das ziemlich geärgert, dass der Parkplatz weg ist. Je länger ich aber nachdenke, desto mehr finde ich es in Ordnung. Wir haben in Potsdam ja eh schon zu viel Autoverkehr.“ Seither fährt er auch bei schlechtem Wetter mit dem Fahrrad. Die Kinder nehmen ebenfalls das Rad, bislang hatte er sie häufig zur Schule gebracht. „Ich wünschte mir nur eine bessere Abstellmöglichkeit“, sagt Christian Spitz. „An manchen Tagen findet man in dem Chaos sein Rad ewig nicht.“ Für ihn steht fest: „Ein überdachter und reservierter Fahrradplatz, für den würde ich Geld ausgeben.“

Für den Winter hätte er dennoch gern bessere Alternativen. „Es wäre sinnvoll, einen Parkplatz für Pendler am Park Sanssouci einzurichten“, sagt Spitz. „Mit kurzem Weg zum Alten Kaiserbahnhof, von wo aus auch Züge nach Berlin fahren.“ Derzeit gebe es dort nur ein paar illegale Parkplätze in einer Gartenkolonie, erzählt er. Auch den Bahnhof Golm sollte man für Pendler aus dem Norden Potsdams noch attraktiver machen. Der Potsdamer schlägt vor, die Straßenbahn-Taktzeiten vom Bornstedter Feld aus zu verdichten. „Die Straßenbahn fährt von der Kirschallee nur alle 20 Minuten und nimmt einen ziemlichen Umweg, sie braucht deshalb morgens mehr als 20 Minuten zum Hauptbahnhof“, kritisiert er. Der Bus sei keine Alternative. „Denn der kommt zu den Stoßzeiten meist noch langsamer voran.“

Die Stadtverwaltung sieht keinen akuten Handlungsbedarf. „Aus Bornstedt fahren zahlreiche Buslinien sowie zwei Tramlinien direkt zum Hauptbahnhof“, sagte Rathaus-Sprecher Jan Brunzlow. Der Norden Potsdams sei ausreichend angebunden. Das gelte auch für andere Stadtteile. „Am Hauptbahnhof fahren bis auf die Linie 94 alle Straßenbahnlinien der Stadt, zudem ist dort der zentrale Busbahnhof“, sagte der Rathaus-Sprecher. „Aus allen Richtungen starten, enden oder kreuzen Busse und Bahnen den Hauptbahnhof.“ Park-and-Ride-Plätze gebe es am Volkspark, am Bahnhof Pirschheide und am Stern. Einige Parkplätze rund um den Hauptbahnhof gebe es in der Friedrich-List-Straße und in der Babelsberger Straße. Verbesserungen soll es allerdings für die Fahrradfahrer geben, wie Potsdams Baudezernent Matthias Klipp (Grüne) ankündigt. Derzeit sei am Hauptbahnhof Platz für mehr als 1000 Fahrräder „Da dies nicht ausreicht, werden wir dieses Jahr ein Fahrrad-Parkhaus eröffnen“, sagte Klipp der Berliner Morgenpost. Das Land fördere dieses Vorhaben mit einer Summe von 435.000 Euro. Die Gesamtbaukosten betragen 650.000 Euro. Die Fahrradstation sieht 550 Fahrradstellplätze vor sowie einen Servicebereich für die Reparatur von Fahrrädern und den Verkauf von Zubehör. Auch am Bahnhof Charlottenhof werde es in diesem Jahr neue Abstellmöglichkeiten für Fahrräder geben. „Wir erhoffen uns davon, dass mehr Menschen, vor allem die täglichen Pendler zwischen Potsdam und Berlin, ihre Wege kombiniert mit Rad und Bahn zurücklegen“, sagt Klipp.

„Ökologische Katastrophe“

Einen Kunden hat die überdachte Fahrradstation am Bahnhof vermutlich schon. Pendler Christian Spitz freut sich über das in Aussicht gestellte Angebot. Für die alleinerziehende Mutter Larissa Mertens, die weiterhin ihre Kinder jeden Tag zur Schule fahren möchte, bleibt allerdings das Problem, dass sie sich einen Stellplatz für ihr Auto am Hauptbahnhof bei ihrem weitaus geringeren Teilzeiteinkommen nicht leisten kann. Sie fährt jetzt immer von der Schule direkt mit dem Auto nach Berlin. „In Wannsee kann ich billiger parken und nehme einen Einzelfahrschein für das günstigere AB-Ticket“, sagt die Potsdamerin. „Eigentlich eine ökologische Katastrophe.“